Die Affen rasen durch den Wald

Gleißendes Sonnenlicht scheint durch den dichten Wald, der Duft von Fichten und Buchen liegt in der Luft. Plötzlich ein Rascheln in den Baumkronen. Zwei Schatten, braungraues Fell ist gerade so zu erkennen, springen von Ast zu Ast. Darunter auf einer Lichtung Geschrei: Zwei Affen brüllen sich an. Erst nachdem der jüngere von einem gleichaltrigen Unterstützung bekommt, zieht der ältere ab. Stille kehrt wieder ein. Im Park leben laut Roland Hilgartner, Direktor des Affenbergs Salem, ungefähr 200 Berberaffen.

Die Tiere leben in einem eingezäunten, hügeligen, 20 Hektar großen Waldstück im südbadischen Salem nahe dem Bodensee, wenige Kilometer nördlich von Meersburg. 400 000 Besucher zählt der von März bis November geöffnete, privatwirtschaftlich betriebene Park jährlich. Bei der Haltung der Affen geht es vor allem darum, dass sie wie in freier Wildbahn leben können. "Der Kontakt zwischen Mensch und Affe wird so gut wie möglich vermieden", erklärt der Direktor. Für Besucher und besonders für Mitarbeiter gelten spezielle Regeln, die besagen, dass man immer eine Distanz zu den Tieren einhalten und der Mensch in der Hierarchie über ihnen gestellt sein muss. "In einem Park mit einer solchen Konzeption zu arbeiten ist für mich Vollblutprimatologen ein riesengroßes Privileg", freut sich Hilgartner, während er einem kleinen Kind zuschaut, das sich einem auf einem Holzgeländer sitzenden Affen nähert und ihm mit der vorgeschriebenen Armlänge Abstand auf offener Handfläche ein Popcorn hinhält. Das Affenmännchen ergreift es vorsichtig mit seinen kleinen, mit Fingernägeln versehenen Fingern, um es zu essen. "Seit meiner Kindheit finde ich die Natur und das Verhalten von Tieren spannend", erklärt der promovierte Biologe. Diplom- und Doktorarbeit verfasste der 41-Jährige über Lemuren auf Madagaskar, die er beobachtet und erforscht hat. Der begeisterte Naturfotograf entdeckte dabei ein bis dato unbekanntes Verhalten, einen Tränen trinkenden Nachtfalter, der sich von der Augenflüssigkeit schlafender Vögel ernährt. "Auch heute ist es für mich wichtig, über den Tellerrand der Berberaffen hinauszublicken." Seine Urlaube verbringt er auf Expeditionen, um mit anderen Forschern in Peru, in Zentralafrika oder in Kongo mit verschiedenen Primaten mitzuziehen. Mit neuen Eindrücken kehre er in den Park zurück, an dessen Eingangsbereich er mit seiner Familie wohnt. Seine Frau unterstützt ihn als Biologin bei der Betreuung der Population.

Der 1976 eröffnete Affenberg Salem ist nicht der einzige seiner Art. Er steht im Verbund mit den Affenparks in Kintzheim im Elsass, Rocamadour in Okzitanien und Trentham in England, die alle von Guillaume de Turckheim, dem Generaldirektor, verwaltet werden. "Während man es früher zugelassen hat, dass die Affen Besuchern Dinge wegnehmen, sind wir heute viel konsequenter, damit der Fokus jetzt auf dem Tier und seinem Lebensraum liegt", erklärt de Turckheim, studierter Agrar- und Biowissenschaftler, an einer Wasserstelle des Affenwaldes in Kintzheim. Das sei wichtig, da die Berberaffen in ihrer Heimat im Atlasgebirge Marokkos und Algeriens durch Abholzung und Handel mit den Babyaffen bedroht sind. "Die Zahlen sind dramatisch", warnt Hilgartner, der mit seinem Chef 2011 vor Ort war. "Nur noch weit weniger als 10 000 Exemplare leben heute in freier Wildbahn." Deswegen kümmern sich die Parks um den Artenerhalt, stellen den weltweit wichtigsten Reservebestand an Berberaffen. 600 Affen wurden schon in die Natur zurückgeführt. Momentan sei daran aber nicht zu denken, weil keine Lebensräume mehr vorhanden seien, so de Turckheim. Besucher werden auf die Problematik aufmerksam gemacht. In Marokko haben de Turckheim und Hilgartner festgestellt, dass sich das Verhalten der Affen im Park qualitativ kaum von dem frei lebender unterscheidet. In den Freigehegen haben die Tiere mehr Zeit für soziale Aktivitäten wie Fellpflege oder Spielverhalten, da sie weniger Zeit für die Nahrungssuche aufwenden müssen, Wasserstelle und ein sicherer Schlafplatz naheliegend sind. "Als die Parks gegründet wurden, wusste man nicht viel von dieser Affenart, aber jetzt haben wir faszinierende Informationen über bestimmte Verhaltensweisen", bilanziert de Turckheim. Dies resultiert auch aus den vielen Kooperationen der Parks mit Universitäten. In den Parks entstanden bisher 200 Forschungsarbeiten. Besucher erfahren Wissenswertes bei Fütterungen, die mehrmals täglich stattfinden. In jedem Park werden die Affen am Tag mit 180 Kilogramm Obst und Gemüse und mit 50 Kilo Getreide gefüttert. "Die Affen suchen auch selbst nach Futter, zum Beispiel nach Eicheln oder Bucheckern, oder wühlen nach kleinen Tieren wie Ameisen", erklärt Hilgartner.

"Es gibt eine strenge Hierarchie unter den Berberaffen, bei der es unter den Männchen sowie unter den Weibchen jeweils eine Spitze gibt." Bei den Weibchen, die etwa 13 Kilogramm schwer werden und die man an der hinteren felllosen Schwellung, der Brunftschwellung, erkennen kann, ist der Rang von Geburt an festgelegt. Bei den Männchen, die rund 17 Kilogramm schwer werden und in der Hierarchie über den Weibchen stehen, kann die Rangordnung wechseln. Er zeigt auf den großen Affen hinter ihm: "Das ist Julius, der Kräftigste im Park, was ihn aber nicht automatisch zum Ranghöchsten macht." Bei den Berberaffen komme es nicht auf Stärke an, sie koalieren, suchen Verbündete. "Darauf hat Julius keine Lust, er ist ein Stinkstiefel. Derjenige mit den meisten Unterstützern steht an oberster Stelle." Bei der Fütterung sammeln rangniedrige Affen Essen in ihren Backentaschen, wobei es vorkommt, dass ein ranghöherer diese abpasst und deren Taschen ausräumt.

Eindrücklich sind die Schreikämpfe, vor allem in der Paarungszeit. Sie laufen ritualisiert ab und können Kleinigkeiten als Auslöser haben. Dabei mobilisieren die beteiligten Affen Helfer, zeigen ihre Eckzähne und stellen ihre Haare auf. Was es damit genau auf sich hat, weiß man noch nicht sicher. Hilgartner vermutet, dass die Tiere so ihre Koalitionen prüfen. "Die Affen gehen aber nie im Streit auseinander. Daran können wir Menschen uns ein Beispiel nehmen." Auf den Ästen sitzen nebeneinander zwei sich annähernde Männchen und beschnattern sich. Zwischen ihnen ein Junges. Männchen leihen sich nämlich manchmal ein Baby von einer Mutter aus, was ihnen die Kontaktaufnahme zu anderen, auch ranghöheren Männchen, ermöglicht.

"Dieses Verhalten ist auch menschlich. Wenn man mit einem kleinen Kind in der Fußgängerzone von Konstanz unterwegs ist, kommt man als Mann viel schneller in Kontakt mit anderen", lacht der Vater von zwei Söhnen. "Genau das ist das Spannende an der Verhaltensforschung: Man erfährt etwas über die Wurzeln unseres eigenen Verhaltens."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.12.2018, Nr. 293, S. 27 - Justin Müll

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