Hund rein oder raus?", lautet die Frage, die gestellt wird, wenn man in das Musikzimmer eintritt und Chispi, eine aufgeweckte Hündin mit treuherzigen Augen und zotteligem Fell, sich in der Hoffnung an einen schmiegt, gestreichelt zu werden. Manchmal darf sie bleiben - doch nur, wenn sie nicht zu sehr ablenkt vom Singen. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre in dem kleinen Raum mit antikem Flair, der von seinem Herzstück dominiert wird, einem kunstvoll verzierten, massiven Bechstein-Flügel aus dem Jahr 1900, der das Herz eines jeden Pianisten höher schlagen lässt. Gestaltet wird das Zimmer zudem von einer Wand aus Regalen, deren Böden unter dem Gewicht jahrhundertealter Noten und Werke verschiedener Komponisten nachzugeben drohen. Für Laurie Reviol, eine kanadische Sopranistin und Dozentin für Gesang an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst (HfMDK) Frankfurt, war Musik immer schon ein Bestandteil ihres Lebens. Berufsmusiker zu sein ist aber nicht einfach nur positiv. Man verliert gewissermaßen seine Freizeitbeschäftigung, den Ausgleich, den man hatte. Was ist nun für Laurie ein Ausgleich? "Ich habe das Glück, eine schöne, stabile Beziehung zu haben", erklärt Laurie mit ihrem charmanten kanadischen Akzent und erzählt von ihrem Mann, der ebenfalls Berufsmusiker ist. Zudem beansprucht ihre Hündin Chispi viel Aufmerksamkeit, wie sie in dem Moment demonstriert, indem sie sich verspielt auf den Rücken legt.
Mit dem Klavier- und Gesangsstudium in Toronto lernte Laurie, eine warmherzige, aufgeschlossene und leidenschaftliche Persönlichkeit, eine weitere, weniger schöne Seite dieser Berufswahl kennen, die wohl die meisten Leute fürchten und meiden: die Konfrontation mit den eigenen Schwächen. "Ich musste meine Identität neu finden", erzählt sie nachdenklich. Ihr Wunsch, Pianistin zu werden, war aufgrund des hohen Niveaus, das im Studium gefordert wird und der großen Konkurrenz "eine naive, jugendliche Vorstellung", wie Laurie feststellt. Als Sängerin wird man direkt mit den eigenen Schwächen konfrontiert, weshalb es notwendig ist zu lernen, damit umzugehen. Dies betrifft nicht nur die persönlichen Fähigkeiten, höher zu singen, technisch richtig zu spielen oder länger zu üben, sondern auch die psychische Belastbarkeit. Denn inwieweit ist der Musiker bereit, sich täglich mit seinen Schwachpunkten auseinanderzusetzen? "Es tut etwas weh", schmunzelt sie, "immer wieder auf die eigenen Schwachpunkte zu treffen, und es hört auch als Erwachsener nicht auf." Laurie bezeichnet diese Schwächen als Baustellen, die sie nicht als negativ betrachte, doch die man ein Leben lang besser kennenlernen müsse. Wichtig sei, immer den nächsten Schritt zu gehen. Dennoch gelte wie so oft: Ohne Leid kein Glück. "Denn wenn man merkt, dass man sich verbessert hat und im Vergleich zu einem früheren Zeitpunkt nun genau diese schwere Stelle, genau diesen großen Intervallsprung beherrscht, ist es ein wunderschönes und tolles Gefühl."
Als Pädagogin ist es ihr Ziel, ihren Schülern eben dieses Gefühl zu vermitteln und ihnen zu helfen, zusammen mit der Musik eins zu werden und zu lernen, "authentisch in der Musik zu sein". Mitzuerleben, "wie ein junger Sänger ein Stück Identität und einen Teil von sich selbst im Singen entdeckt, es zulässt und es genießt", ist für sie das Schönste an ihrem Beruf.
Hinter Laurie liegt bereits eine lange Laufbahn als Musikerin. Sie studierte Klavier und Gesang in Kanada, absolvierte ein Diplom für historische Interpretationspraxis an der HfMDK und war danach als freischaffende Musikerin tätig. Bedenken bezüglich der finanziellen Sicherheit und des Alltags ohne feste Routinen hatte Laurie nie. Mindestens zwei Nachmittage wöchentlich unterrichtete sie privat Gesangsschüler und gab gelegentlich Konzerte, bis sie vor vier Jahren mit einem Lehrauftrag fest an der HfMDK angestellt wurde. Die Arbeit als freischaffende Musikerin brachte trotz der Unterstützung durch die Künstlersozialkasse zwar kein überdurchschnittliches Gehalt ein, jedoch verdiente sie genug, um ein entspanntes und bescheidenes Leben zu führen, in dem sie sich wohlfühlte.
Interessant sind die Unterschiede zwischen dem Publikum und den Konzerten, die sie unter anderem in Deutschland, England, Marokko und Polen gegeben hat. Ihr bislang bemerkenswertestes Konzert fand in Krakau statt. "Ich habe noch nie erlebt, dass ein Publikum während des Konzertes so intensiv still und in die Musik involviert war." Verglichen mit England und Nordamerika, wo Leute in Konzerten eher eine angenehme Unterhaltung suchen, steht für den deutschen Publikumsbesucher stärker eine "interessante Auseinandersetzung mit dem Material" im Vordergrund.
In Konzerten setzt man sich nicht nur mit dem Publikum auseinander, sondern oft mit anderen Musikern. Insbesondere bei der Kooperation mit einflussreichen Musikern herrscht ein starker Leistungsdruck, da man das Zusammenspiel so reibungslos wie möglich gestalten will. In gewisser Weise strebt man danach, dem anderen Musiker mit seinem eigenen musikalischen Charakter zu gefallen. Es kann kompliziert sein, den Erwartungen des Partners entgegenzukommen, ohne seinen eigenen musikalischen Stil zu verlieren.
Es gibt eine positive Art von Wettbewerb, wenn Musiker die Möglichkeit nutzen, sich zu vergleichen und sich dadurch zu verbessern. Besonders bei jungen Leuten ist diese Art von Konkurrenz hilfreich, wie Laurie als Lehrerin bemerkt hat. Wettbewerbe wie "Jugend musiziert" sieht sie als eine gute Gelegenheit an, um den Horizont zu erweitern und um zu sehen, was am eigenen Stil besonders ist. Erreicht man jedoch nicht die erwartete Punktzahl, kann der Wettbewerb für Jugendliche demotivierend sein. Laurie findet, dass sich ein solcher Wettbewerb an die berufliche Realität anpassen muss. Denn in der Musikbranche muss man relativ früh fortgeschritten sein, wenn man große Ziele erreichen will.
Welches Erlebnis war ihre größte Panne? Es passierte während eines Soloauftritts, bei dem es so dunkel war, dass Laurie den Dirigenten nicht sehen konnte. Die Folge: ein katastrophales Zusammenspiel zwischen Sängerin und Orchester. "Meine schlimmsten Pannen erlebe ich in meinen Träumen", lacht sie herzlich und mit einer Spur von Erleichterung. Doch trotz aller Pannen, Schwierigkeiten und Ängsten, für Laurie bleibt die Musik immer eines: die Verbindung zum Unsterblichen.