Geister raus aus St. Moritz

Kurz vor acht läuten die ersten Glocken durch den verschneiten Engadiner Kurort St. Moritz. Es ist kalt, die Seen sind noch gefroren, doch dies hält die Schüler nicht auf, in den traditionellen Trachten loszuziehen. Am ersten Märztag, feiern sie Chalandamarz. Singend, Peitschen schwingend und Glocken läutend, zieht die Schuljugend durchs Dorf, um die bösen Wintergeister zu vertreiben.

Vom Frühling ist noch nichts zu sehen, es liegt Schnee, morgens ist es noch lange dunkel, aber vielleicht ändert sich dies bald, denn mit dem Brauch will die Bündner Jugend den Winter vertreiben. "Es ist ein Highlight, das Fest des Jahres", sagt die 17-jährige Giulia Sagunto, die von klein auf beim Chalandamarz dabei ist. Bereits im November fangen im Musikunterricht der Gemeindeschule die Proben für die Lieder an. Die Schüler der höheren Klassen lernen, wie man die Lieder dirigiert, denn sie werden am ersten März die Züge anführen.

Im Februar laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die Trachten werden besorgt, Rösas - die typischen bunten Papierblumen - gebastelt, und in der letzten Woche probt die Schülerschaft täglich mehrere Stunden. In St. Moritz hört man bereits am Abend des letzten Februartags die ersten Glockenschläge und Lieder durch das Dorf klingen. Um den Brauch, dessen Name aus dem Rätoromanischen kommt und übersetzt erster März heißt, auch den Touristen näherzubringen, findet hier das Hotelsingen statt. Zudem hofft die Schule auf Spenden der Urlauber. In ihren Zügen, die jeweils durch ein Gebiet des Kurortes ziehen, klappern die Jugendlichen die ihnen zugeteilten Hotels ab, halten Reden, in denen sie über den Brauch aufklären, singen und sammeln. So werden jährlich mehrere tausend Franken eingenommen. Am Ende des Abends geht jeder Zug in dem ihm zugeteilten Restaurant essen.

Spätabends geht es ins Bett und frühmorgens wieder los. Nachdem sich die Züge an ihren Treffpunkten versammelt haben, ziehen sie los und singen für die Dorfbewohner, von denen sie Süßigkeiten und Spenden erhalten. Nun sind auch die jüngeren Schüler dabei. Angeführt wird der Zug vom Senn und seinem Zusenn, den beiden ältesten Jungs des Zugs. Diese tragen Tracht: weiße Kniestrümpfe, kurze gelbe Hosen, ein weißes Hemd und buntbestickte Hosenträger. "Die jüngeren Schüler haben Respekt vor dem Senn. Egal, wie dieser sonst ist, am ersten März schauen sie alle zu einem auf und hören auf das, was man sagt", erinnert sich Nicolò Fallati, dem in seinen letzten zwei Jahren an der Gemeindeschule die Rolle des Senn zugeteilt wurde. Unterstützt werden die Sennen von den Trachtenmädchen, den ältesten Mädchen in der bunten Engadiner Tracht. Die Jüngeren tragen blaue Bauernkittel, rote Mützen und die Glocken - sie stellen die Kühe dar.

Mittags versammeln sich alle Züge vor dem Schulhaus und laufen dann nacheinander los bis zum Rathaus. Dort bildet sich ein Meer von Kindern und Jugendlichen, auch Touristen und Einheimische sind da. "Es bringt die Leute des Dorfes zusammen, an diesem Tag sind fast alle da", freut sich Giulia. Der Abschluss des Vormittags ist das Singen im Dorf. Zwei Sennen führen mit der Peitsche noch einige knallende Hiebe vor. Am Nachmittag ziehen die Züge durch den Rest des ihnen zugeteilten Gebiets und singen. Hin und wieder sieht man pfeifenrauchende Oberstufenschüler. "Das gehört an diesem Tag dazu, das ist einfach Tradition." Abermals endet der Tag mit einem Umzug und einem großen Singen, diesmal in St. Moritz Bad. Nun sind erstmal Ferien. Viva il Chalandamarz!

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2018, Nr. 303, S. 30 - Anne-Sophie Skarabis

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