Gruselige Kläuse im eiskalten Urnäsch

Am 13. Januar laufen in der frühen Morgendämmerung springende, singende und "zaurende" Silvesterkläuse durch die verschneite Hügellandschaft. Ihr Schellengeläute ist weit herum hörbar, es durchbricht klangvoll die mystische Dunkelheit. Die Silvesterkläuse treiben am 13. Januar, dem "Alten Silvester", ihr Wesen in Teilen des Appenzeller Hinterlands. "Zauren" und sich als Silvesterklaus zu verkleiden war früher am "Alten Silvester" nur im Tal erlaubt. "Tal und Dorf wurden immer strikt getrennt", erzählt Esther Ferrari eingepackt in ihren dicken, wolligen Pullover. Mittlerweile sei es den Kläusen auch erlaubt, im Dorf umherzugehen. Die 78-jährige Urnäscherin lebt in einem alten Bauernhaus, ein wenig abgelegen vom Dorfkern auf einem Hügel. Appenzeller Bilder hängen in ihrer Bauernstube. Ihr Sohn ist einer der Schellenmänner.

Nach dem alten julianischen Kalender wird Neujahr am 13. Januar gefeiert. Schon früh am Morgen, zwischen fünf und sechs Uhr, ziehen die Silvesterkläuse ihre Gewänder an. Die riesigen Schellen müssen gut sitzen und die schweren Hauben eng angezogen werden. Es gibt verschiedene Arten von Silvesterkläusen: Die "schönen" Kläuse tragen eine von Hand gemachte Kopfbedeckung, die verschiedenste Alltagssituationen darstellt, dazu eine farbige Tracht aus weichem Samt. Die "schön-wüeschten" Schellenmänner tragen Kleidung aus Naturmaterialien, wie Tannenästen oder Hobelspänen, während die Kopfbedeckung derjenigen der "Schönen" ähnelt. Auch die "Wüeschte" tragen Gewänder aus Naturmaterialien, jedoch werden ihre Kleider wuchtiger und grober hergestellt, auch die Haube enthält ein wildes Element. Alle Kläuse tragen eine Maske - eine sogenannte Larve, die ihnen Anonymität verleiht.

Die Route der Kläuse, "Strech" genannt, ändert sich von Jahr zu Jahr. So marschieren sie von Haus zu Haus und legen manchmal einen Halt ein, um zu "zauren", das heißt, einen speziellen Naturgesang anzustimmen, um ihre Schellen zu schwingen und ein gutes neues Jahr zu wünschen. Als Dank bekommen die Kläuse ein Getränk, etwas zu essen oder auch Geld. Bevor die Gruppe von meist sechs Kläusen, "Schuppel" genannt, weiterzieht, werden nochmals kräftig die Schellen angetönt, so dass jeder Zuschauer eine Gänsehaut bekommt. Die lebensfreudige Esther Ferrari ist stolz auf den Brauch, auch wenn sie selbst erst nach ihrer Kindheit in das Dorf gezogen ist. Woher der Ursprung dieser Tradition kommt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Es gibt jedoch Erkenntnisse aus seltenen Dokumenten. Das Silvesterklausen hat eine Verbindung zum Sankt Nikolaus, da früher St. Nikolaus am 28. Dezember gefeiert wurde und diese Daten nahe beieinanderliegen. Volkskundler gehen davon aus, dass das Silvesterklausen einen christlichen Ursprung hat. Die Quellen reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück, bis nach Nordafrika. Die Schüler durften dort einen Kinderbischof wählen, der einen Tag lang als Heiliger verehrt wurde. Es dauerte nur kurze Zeit, bis die Knaben begannen, das Nikolausfest für ihre Streiche auszunützen. Sie verkleideten sich und trieben sich herum.

Die anständige und christliche Jugend warte an gesitteten Orten auf das Christkind und zöge nicht mit Schellen durch die Nacht, heißt es in einer Quelle aus dem Jahre 1663. Der christliche Glaube hatte eine große Bedeutung. Die Religion bestimmte das Leben. Dieses Brauchtum bot eine Alternative. Viele konnten ihre Kreativität aufleben lassen und schmückten sich mit verschiedenen Materialien und Farben. Die Tradition brachte den Menschen große Freude. Das Silvesterklausen soll früher auch ein Vegetations- und Fruchtbarkeitsritus gewesen sein. Theorien besagen, dass die Kläuse böse Geister vertrieben und die Guten hervorlockten, um einen reichen Ertrag an Korn zu bringen. In der kalten Jahreszeit wurden die Phantasie und der Glaube ans Übernatürliche geweckt. Viele fanden Gefallen an diesem Gedanken. Die Stimmung unter den Leuten war mystisch, durch die gewaltigen Kostüme der Kläuse schufen sie eine spirituelle Atmosphäre. Es kam vor, dass Silvesterkläuse um den Hof "klausten" in der Hoffnung, dass er gereinigt und das Vieh geschützt werde.

Ein beachtenswerter Teil der Silvesterkläuse war die Bettelei. Viele nutzten vor allem in Hungerjahren das Brauchtum, um Spenden einzunehmen. Die Leute beschenkten die gruselig kostümierten Kläuse, die über die kalten, verschneiten Wege schlichen und geheimnisvolle Laute von sich gaben. Was bedeuten die besonderen Gewänder? Die Kläuse können, ohne die Befürchtung, erkannt zu werden, "zauren", springen und schellen. Das Gewand verleiht ihnen Anonymität. Der Arbeitstag der Schellenmänner ist lang und streng. Viele "Schuppel" sind noch bis spät in die Nacht unterwegs. "Am Abend geht es meist bis MItternacht", sagt Werner Meier. Der 62 Jahre alte Silvesterklaus ist Künstler und Lehrer für Bildnerisches Gestalten am Trogener Gymnasium. Als Silvesterklaus sei er auch schon einmal in einem Wasser- und Düngeloch gelandet, weil man in der Maske nur durch einen kleinen Sehschlitz blicken könne. Danach helfe nur noch der Brunnen. "Am meisten Eindruck macht mir persönlich die Freude, die die Kläuse bei anderen Menschen auslösen und die sie am eigenen Tun haben", sagt Esther mit einem riesigen Strahlen. Ihre langen, grauen Haare leuchten, als die Sonne durch das Fenster scheint, und ihr Herz blüht auf, als sie erzählt. "Auch als wir schon längst erwachsen waren, kam jedes Jahr derselbe Klaus ins Haus gerannt und jagte uns durchs ganze Haus."

Warum "klausen" nur die Männer? Diese Frage stellen sich die Zuschauer immer wieder. Es gibt zwar einzelne Mädchen, die bis ins Alter von zehn bis zwölf Jahren einen "Schuppel" begleiten, doch danach sind fast nur noch Knaben und Männer unterwegs. Um die Schellen, die einige Kilogramm wiegen, den ganzen Tag zu tragen, muss viel Kraft aufgewendet werden. Die Frauen helfen beim Gestalten der Hauben und Gewänder. Der Brauch zieht viele Touristen an. Esther Ferrari findet: "Er ist bekannt geworden, aber ich sehe jedes Mal, dass die Kläuse auch gerne für sich alleine zauren."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2018, Nr. 303, S. 30 - Vivienne Pema

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