Am meistens stören mich die komischen Menschen, die gekommen sind. Politiker und Anwälte. Menschen, die hochnäsig sind." Kadim Aslan blickt über seinen Brillenrand, um besser den Lenker des Fahrrads zu sehen, an dem er gerade eine neue Halterung anbringt. An der rechten Seite seines Ladens hängen unzählige Fahrräder nebeneinandergereiht. Schmieröl klebt an den früher weißen Wänden. Die Decke ist mit Stuck besetzt, darunter hängen Reifen. Von draußen dringen die Geräusche der Autos hinein, die über das Kreuzberger Kopfsteinpflaster fahren. Kadim schließt die Tür. "Ach, der Kiez. Früher waren hier ganz andere Menschen, ein ganz anderes Publikum, ganz andere Läden. Jetzt sind hier alles Cafés und Fressläden. Früher hat mir das hier alles besser gefallen."
Das frühere Problemviertel Berlins wurde in den vergangenen 20 Jahren zu einer der populärsten Gegenden der Hauptstadt. Nachdem in den 60er Jahren das große Gastarbeiterprogramm der Bundesrepublik startete, kamen viele Menschen aus Südeuropa und der Türkei nach Berlin. Aus Wohnungsmangel gingen viele Migranten in den damals baufälligen, aber günstigen Stadtteil Kreuzberg. Kadim kam 1970 als Zweijähriger mit seiner Mutter und seinen Geschwistern. Im Sommer 2016 eröffneten der 50-Jährige und seine Frau im Bergmannkiez den Fahrradladen Bikeshop Friesen. "Früher haben sich die Kreuzberger nach der Arbeit draußen vor dem Haus Tische und Stühle aufgestellt, aber nicht nur ein Haus, sondern die ganze Straße. Und alle hatten Bier, Kaffee und Raki und haben sich getroffen und sich gegenseitig geholfen. Mir fehlt das."
Durch die verschiedenen Kulturen, die in Kreuzberg aufeinandertrafen, gab es gerade in der Bergmannstraße einen Zusammenschluss des Unterschiedlichen. Türkische Gemüsehändler verkauften neben arabischen Restaurants und Trödler neben Buchläden. "Der letzte wirklich alte Laden hat vor einem Jahr zugemacht. Das war ein Tischler. Bei dem hat das Geld für die Miete aber irgendwann nicht mehr gereicht." Die Mieten sind hier ein Problem geworden. Seit Menschen Interesse an dem Bezirk haben, sind die Mieten explodiert. Der Berliner Senat versucht entgegenzusteuern mit dem Milieuschutz, der drastische Mieterhöhungen stoppen soll und es genehmigungspflichtig macht, Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umzuwandeln.
"Wir haben täglich um die 200 Kunden, da kann ich nicht meckern." Für Daniele arbeiten neun Menschen in seinem "Caffè del Mercato", dem dazugehörigen italienischen Feinkostgeschäft und dem kleinen Pizzastand in der Marheineke-Markthalle. Im Zuge der Modernisierung der Stadt veränderte sich auch die Markthalle, die das inoffizielle Zentrum des Bergmannkiezes ist. Die Halle ist eine der 14 historischen Markthallen, die im 19. Jahrhundert in Berlin errichtet wurden, und diente schon im Ersten Weltkrieg als Suppenküche. Vor zwölf Jahren wurde die Halle nach einem komplett neuen Konzept umgebaut. Die Südseite wurde verglast und ein zweites Stockwerk errichtet. Wo früher Unordnung herrschte, sind heute 50 Einzelstände, die Lebensmittel verkaufen, Dienstleistungen anbieten oder Gastronomie betreiben. Das zweite Stockwerk wird seit vier Jahren von einem veganen Café und einem veganen Supermarkt genutzt.
"Ich finde die Halle jetzt besser. Früher war sie zwar sehr gemütlich, heute gibt es aber einfach mehr Platz", sagt der 44 Jahre alte Sizilianer, der eigentlich Luciano Bordieri heißt, aber von allen Daniele genannt wird. Er lacht viel, sein gepflegter Dreitagebart verdeckt nur leicht die Lachfalten. "Wir wollen Spaß bei der Arbeit haben und die Leute zufrieden machen." Daniele sitzt an der Theke seines Cafès und isst eine Lasagne. Seit der Renovierung arbeitet er in der Markthalle. Neben ihm drängen sich viele Gäste an der Theke. Die meisten grüßen ihn, wechseln ein paar Worte und geben ihm die Hand. "Ich glaube, wir sind ganz nette Leute und seit zehn Jahren immer korrekt gewesen. Deshalb haben wir auch zu 80 Prozent nur Stammkunden, und deshalb glaube ich auch, dass die Leute uns nett finden. Die Produkte sind auch ganz gut." Daniele wird langsam unruhig, denn es ist der erste warme Tag seit langem, die Gäste strömen nur so an die Theke oder setzen sich vor die Halle an einen der Tische des Alimentari. "Es gibt immer Dinge zu verbessern, und ich habe auch Druck, weil die Leute mir immer sofort Bescheid sagen, wenn die Pizza ein bisschen zu salzig ist oder der Wein nicht schmeckt. Und die Lasagne könnte tatsächlich auch ein bisschen besser sein."
Kadim mag die neue Markthalle zwar nicht, doch in einem stimmt er mit Daniele überein: "Wenn man immer ehrlich und korrekt ist, dann hat man Glück. Das ist auch das Motto von Kreuzberg: Ehrlich und korrekt sein." Daniele definiert das Motto anders: "L'isola dei famosi - die Insel der Bekannten. Ich bleibe hier. Ich war mehrmals weg, aber das Schicksal hat mich zurückgebracht." Kadim hingegen lebt ununterbrochen in Kreuzberg: "Ich bin weder Türke noch Deutscher: Ich bin ein echter Kreuzberger. Und ich sage immer wieder, dass nur der Tod mich aus Kreuzberg bringen wird."