Die Hauptaufgabe besteht im Erklären", bringt Nikolaus Meyer-Landrut, deutscher Botschafter in Frankreich, in seinem vorübergehenden Büro im Botschaftsgebäude im 16. Arrondissement - das eigentliche Kanzleigebäude nahe den Champs-Elysées wird gerade saniert - auf den Punkt, was seinen Berufsalltag bestimmt. "Den unterschiedlichsten Akteuren des öffentlichen Lebens in Frankreich von Deutschland zu erzählen, aber auch der eigenen Regierung und den deutschen Vertretern die französischen Strukturen in Politik, Wirtschaft und Kultur zu erklären", gehöre zu seinen Aufgaben. "Dabei geht es vor allem darum: Wie schauen die Franzosen auf die Deutschen, wie die Deutschen auf die Franzosen?" Mit seinem heutigen Berufsfeld kam Meyer-Landrut schon als Kind in Berührung, da sein Onkel Botschafter war. Diplomat zu sein erschien ihm spannend, weil man viel um die Welt reisen würde. Dennoch überlegte er nach dem Studium der Geschichte und Wirtschaftswissenschaften, ob er in die Diplomatie oder in die Forschung einsteigen solle. "In der Diplomatie kann man mitwirken und nicht nur beobachten", begründet der gebürtige Düsseldorfer seine Entscheidung. Nach der zweijährigen Ausbildung an der Akademie des Auswärtigen Amtes in Bonn übernahm er ab 1993 ausschließlich Aufgaben mit Bezug zur EU, in Brüssel, im Auswärtigen Amt oder in der Europaabteilung des Bundeskanzleramtes, bis er im Juli 2015 als deutscher Botschafter nach Paris berufen wurde.
Überschattet wurde der Beginn seiner Tätigkeit durch die Terroranschläge am 13. November. "Sie gehen ja nicht nach Paris und denken, Sie kommen in ein terrorgefährdetes Land", blickt der 58-Jährige sichtlich betroffen zurück. Bei dem damaligen Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Frankreich war Meyer-Landrut mit dem französischen Präsidenten und dem deutschen Außenminister im Stadion. Auch waren viele Mitarbeiter der Botschaft mit ihren Familien anwesend. "Die Anschläge haben wir sehr unmittelbar erlebt, das trifft einen natürlich schwer", sagt er nachdenklich. "Es entstand eine Druckwelle in die Gesellschaft hinein, die man sehr wohl wahrgenommen hat." Die Folgen waren eine Verunsicherung und eine Debatte in der französischen Öffentlichkeit sowie ein nochmals erhöhter Austausch der Behörden, auch auf internationaler Ebene. "Das bekamen wir in der Botschaft besonders zu spüren, da wir die veränderte Stimmung im Land erst erfassen und dann in Deutschland erklären mussten." Er verweist auf die Besonderheit der deutschen Botschaft in Paris, die eine klar bilaterale Funktion hat. "Paris hat auf der Welt die höchste Dichte an Besuchen von deutschen Regierungsmitgliedern", erklärt er. Kontakte zwischen den beiden Regierungen finden dabei meistens direkt statt. Die Botschaft hat aber eine wichtige Aufgabe, indem sie den Beteiligten im Vorfeld die Haltung des jeweils anderen Landes erklärt, um so Verständnis für einzelne Positionen zu entwickeln, da hierfür in der Regel bei den Sitzungen selbst nur begrenzt Zeit zur Verfügung steht. Damit die Botschaft immer auf dem neuesten Stand ist, findet dazu regelmäßig ein Austausch mit der französischen Regierung einerseits und dem Auswärtigen Amt andererseits statt. Um aktuelle Themen und Aufgaben kümmern sich die verschiedenen Abteilungen der Botschaft, deren Mitarbeiter Botschafter Meyer-Landrut in der regelmäßigen Morgenrunde Bericht erstatten, bei der anstehende Fragen besprochen werden.
Neben der Arbeit in der Botschaft organisiert er Treffen mit französischen oder deutschen Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die er oft in seiner Residenz, dem Hôtel Beauharnais, empfängt, das er eine "Plattform deutsch-französischen Austausches" nennt. "Die Franzosen schätzen dieses Schmuckkästchen französischer Kulturgeschichte und die deutschen Bemühungen zur Denkmalpflege sehr." Erbaut wurde das im Empire-Stil gehaltene und mit hohen Mauern umgebene Gebäude 1714. Nachdem es 1818 zuerst zur preußischen und später zur deutschen Botschaft wurde, wurde es 1968 als Residenz des deutschen Botschafters eingeweiht. Bei Veranstaltungen geht es darum, unterschiedlichste Vertreter beider Länder zusammenzubringen und über Themen zu sprechen, bei denen beide Länder vor gleichen Problemen stehen, um gemeinsam Lösungen zu finden. So wie bei einem Zusammentreffen von Rundfunkvertretern zur Debatte um das Netzwerkdurchsetzungsgesetz und Fake News, bei der die Länder unterschiedliche Ansätze verfolgen, aber das gleiche Ziel vor Augen haben. "Lösungen für einzelne Fragen im Dialog herauszuarbeiten ist für beide Seiten immer wieder spannend." Während ein Teil des Hauses im Stil des frühen 19. Jahrhunderts belassen wurde, hat der Botschafter im zweiten Stock seine private Wohnung, die er sich nach Belieben einrichten kann. "Da kann man dann auch ein Ikea-Regal hinstellen", schmunzelt er.
Dort lebt er mit seiner Familie. "Da meine Frau Französin ist, musste sie sich das Land nicht erst erarbeiten, sondern sie kannte es ja schon ein bisschen", grinst Meyer-Landrut trocken. Sie haben vier Kinder. Als zentrale Herausforderung für eine Diplomatenfamilie sieht er die Tatsache, dass ein Diplomat alle drei bis vier Jahre woanders eine neue Aufgabe bekommt, was die Berufstätigkeit des Partners und die Schulausbildung der Kinder beeinflusst. Seine Familie hatte Glück, dass die Kinder von Geburt an Deutsch und Französisch gesprochen haben und sie nur in Ländern waren, wo man diese beiden Sprachen spricht. "Das ist im Auswärtigen Amt aber die Ausnahme", erklärt der schlanke Mann, der in seiner Freizeit gerne joggt und viel liest. Für seine Hobbys müsse er aber im intensiven Botschaftsbetrieb Zeiten schützen und Freiräume für sich und seine Familie organisieren. "Ob man gerade im Dienst ist oder nicht, man läuft mit offenen Augen und Ohren durch das Land." Er ist viel im gesamten Land unterwegs, um mit Vertretern aller gesellschaftlichen Schichten zu sprechen. "Man muss auch zu den Franzosen hingehen, denn da, wo sie leben und arbeiten, lernt man sie viel besser kennen." Er ist nicht nur bei Feierlichkeiten wie beispielsweise beim Jahrestag des Débarquement in der Normandie, sondern trifft sich in ganz Frankreich mit Bürgermeistern oder anderen lokalen Vertretern aus Wirtschaft und Politik. Wie wichtig das Erklären ist, wurde nach der Bundestagswahl 2017 deutlich, als ihm häufig Fragen zur geschäftsführenden Regierung in Deutschland gestellt wurden.
Sechs Monate lang musste er wiederholt erklären, warum in Deutschland eine handlungsfähige geschäftsführende Regierung tätig war, da die Verfassungsrealität in Frankreich eine solche gerade einmal für höchstens zwölf Stunden kennt. Amüsiert und herausgefordert sagt er: "Dies zeigt, wie unterschiedlich die Systeme sind und welche Folgen das für das Verständnis des Partners hat."
Manchmal sorgen diese Unterschiede für Heiterkeit, wenn es zum Beispiel um Übersetzungen geht. "Ein deutscher Regierungsvertreter hat einmal in einer Sitzung gesagt: ,Das kam wie Zieten aus dem Busch', übersetzen Sie das mal ins Französische. Für die Dolmetscher ist das nicht immer ganz leicht." Die Situation um die Redewendung habe alle Sitzungsteilnehmer zum Lachen gebracht.
Jüngst durchlebten Frankreich und Deutschland folgenschwere Ereignisse, wie bei der Flüchtlingskrise 2015 und den Terroranschlägen 2015 und 2016. Jedes Land für sich machte dabei völlig andere Erfahrungen, was bei den Nachbarländern zu unterschiedlichen Wahrnehmungen führte. "Deutschland und Frankreich sind eben in vielem unterschiedlich, und ich glaube, dass es auch zu meiner Aufgabe gehört, nach bestem Wissen und Gewissen zu beraten, um dazu beizutragen, dass diese Unterschiede erkannt und verstanden werden", meint der auch für Monaco zuständige Botschafter. "Das Entscheidendste aber ist, dass sich Deutsche und Franzosen als jeweils wichtigsten Partner sehen und die Verantwortlichen in beiden Ländern von der Notwendigkeit einer deutsch-französischen Zusammenarbeit zutiefst überzeugt sind."