Es ist ein kühler Vormittag in Hanau, ein unangenehmer Wind zieht durch die schmale, vielbefahrene Eberhardstraße. In einer unscheinbaren Reihe von leicht verwitterten Mehrfamilienhäusern sticht in einem der Fenster ein weiß-gelber Aufkleber hervor. Er zeigt ein skizziertes Haus, schützend umgeben von zwei cobaltgelben Klammern. "Frauen Beratungsstelle Hanau" steht darunter in großen Lettern geschrieben. Hinter der ergrauten Fassade des Gebäudes verbirgt sich eine umfunktionierte Mehrzimmerwohnung. Die in Weißtönen gehaltenen separierten Zimmer sind gesäumt von Grünpflanzen und Kinderspielzeug, der leichte Geruch von Hefegebäck liegt in der Luft. Psychisch oder physisch misshandelte Frauen werden hier von einer der sechs pädagogischen Fachkräfte in Empfang genommen. Es folgt ein Beratungsgespräch, um die Gesamtsituation einschätzen zu können und der jeweiligen Frau Handlungsoptionen aufzuzeigen. Stellt sich die Situation einer Frau als gänzlich ausweglos und gefährlich heraus, so wird sie entweder zum Hanauer Frauenhaus oder einem anderen in Deutschland weitervermittelt. Adressen solcher Einrichtungen sind offiziell nicht bekannt, aus Schutz vor gewalttätigen Männern und Verwandten.
Ursula Wyrzykowska ist eine der sechs teilzeitbeschäftigten Sozialpädagoginnen des Hanauer Frauenhauses. "Wenn eine Frau erstmal aufgenommen ist, beginnt die eigentliche Arbeit. Die Frauen haben oft keine eigene Bankkarte, haben manchmal noch nie eigene Geschäfte erledigt", sagt die junge Mitarbeiterin. "Das muss natürlich alles geklärt werden, damit die Frau ein selbständiges Leben führen kann." Schrittweise kümmern sie sich eigenständig um den Haushalt, Kinder, Amts-, Arzt- und Rechtsanwaltsbesuche. Die Mitarbeiterinnen unterstützen sie hierbei je nach Bedarf, gemäß des Prinzips "Hilfe zur Selbsthilfe". Diese Unterstützung reicht von Fragen zur morgendlichen Post bis hin zu Sorgerechtsprozessen und der Suche nach einer eigenen Wohnung. Das Frauenhaus betreibt neben Gesprächen mit Bezugsbetreuerinnen sogenannte "Psychoedukation", bei der die Bewohnerinnen über Gewaltspiralen, Angststörungen und Depressionen aufgeklärt werden. Insbesondere das Zusammentreffen von Frauen, die ähnlich Schreckliches erlebt haben und in geschützter Atmosphäre darüber sprechen können, ist ein wichtiger Bestandteil der psychischen Genesung.
Das Hanauer Frauenhaus stellt 24 Wohnplätze, verteilt auf elf Zimmer, zur Verfügung. Die Bewohnerinnen teilen sich zwei Gemeinschaftsküchen und Sanitäranlagen. Außerdem treffen die Frauen zusätzlich im Gemeinschaftsraum und die Kinder im Spielzimmer aufeinander. In den Räumlichkeiten geht es jedoch nicht immer harmonisch zu. "Die Frauen sind in einer Zwangs-WG mit unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie man putzt, wann man kocht, wie die Schlafenszeiten der Kinder sind. Es ist nicht immer einfach", berichtet Ursula Wyrzykowska. Sie fügt jedoch mit einem breiten Lächeln hinzu: "Aber sie sagen oftmals im Nachhinein, dass ihnen diese Gemeinschaft und der Austausch gutgetan haben. Viele stehen nach dem Frauenhausaufenthalt miteinander in Kontakt. Oft entstehen wirklich tiefgehende Freundschaften."
Den Bewohnerinnen ist es möglich, bis zu einem Jahr im Frauenhaus zu bleiben, ihr Leben zu ordnen und sich eine gewaltfreie Zukunft aufzubauen. "Je länger sie dableiben, desto eher schaffen sie den Sprung in ein selbstbestimmtes Leben", betont die Sozialarbeiterin. 2016 kehrte keine der Bewohnerinnen, die ein Jahr im Hanauer Frauenhaus blieben, zum alten Partner zurück, aber ein Viertel derjenigen Frauen, die lediglich eine Woche geblieben waren. Offenbar war die Abhängigkeit zum Partner zu groß.
"Vernetzung ist ein großer Teil unserer Arbeit", sagt die rothaarige Mitarbeiterin. Der "Frauen helfen Frauen e.V.", Träger des Hanauer Frauenhauses, ist Mitglied in etlichen Arbeitskreisen. "Wir treffen Kooperationspartner der Polizei, des Jugendamts, der Klinik, anderer Beratungsstellen. Dann sind wir natürlich noch mit Schulen und Kitas vernetzt, Ärzten und Kinderärzten, was in Hanau ein. . . " - an dieser Stelle hält sie kurz inne, die Wortwahl bedenkend - "schwieriges Thema ist." Trotz häufig wohlwollenden Kontaktes zu den Institutionen sei die Zusammenarbeit oftmals zeitintensiv und kompliziert.
Doch was motiviert eine junge Frau wie Ursula Wyrzykowska überhaupt, sich tagtäglich mit gequälten Frauen, Kindern und der deutschen Bürokratie auseinanderzusetzen? "Es sind tatsächlich die Klientinnen, die mich motivieren. Wie die Frauen damit umgehen und wie sie miteinander umgehen, wie sie das Thema für sich verarbeiten, das ist so wertvoll."
Es gebe jedoch Vorurteile, schildert die junge Mitarbeiterin. "So seien nur ausländische Frauen in Frauenhäusern. Das kann ich definitiv nicht bestätigen." So waren im Jahr 2016 51 Prozent der Bewohnerinnen deutscher Nationalität. "Außerdem sei das Frauenhaus kein guter Ort für Kinder, da sie ja alles zurücklassen und sich mit ihrer Mutter ein Zimmer teilen müssen. Doch wenn man das zum Vergleich stellt? Eine Atmosphäre der Gewalt und der Angst zu Hause, ,,wo die Kinder mitansehen müssen, wie der Papa die Mama. . ." Das letzte Wort spricht sie nicht mehr aus.
Die Betreuung des Hanauer Frauenhauses, der Beratungs- und Interventionsstelle ist nur ein Teil der Aufgaben der Mitarbeiterinnen. Sie betreiben zusätzlich Aufklärungsarbeit, leiten Workshops und veröffentlichen Situationsberichte. "Jede vierte Frau hat in ihrem Leben schon einmal körperliche oder sexuelle Gewalt oder beides durch aktuelle oder frühere Lebenspartner/innen erlebt", informiert die "An ihrer Seite"-Broschüre. Frauenhäuser haben es sich zur Aufgabe gemacht, auf das gesellschaftliche Problem der Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen und diese aus der Welt zu schaffen. "Unser Endziel wäre, dass es irgendwann keine Frauenhäuser mehr geben muss", sagt Wyrzykowska hierzu. "Aber ich glaube, davon sind wir noch ganz weit entfernt."