Im Grunde ist jeder neue Sport, den ich kommentiere, wie ein neues Abenteuer." Ob Motorradrennen, Snooker, Biathlon oder Australian Football, ob in Doha, Texas, Argentinien oder Thailand, bei Harald Weber, der von den meisten kurz "Harry" genannt wird, dreht sich alles um den Sport. Der Sportkommentator arbeitet für den Fernsehsender Eurosport. Wenn er nicht gerade im Ausland unterwegs ist, kommentiert er von der deutschen Studiozentrale in München-Unterföhring aus. Dabei ist ihm fast keine Sportart zu speziell. "Ich war sehr oft der Einzige, der bei exotischen Sportarten ja gesagt hat." Das bedeutet natürlich auch Arbeit. Jede neue ihm unbekannte Sportart muss erarbeitet werden, seien es Spielregeln oder Hintergrundwissen. Doch das ist ihm nie schwergefallen, und Sportnachrichten haben ihn schon immer interessiert. Einmal sei er gefragt worden, ob er nicht Lacrosse kommentieren könne. Nach der Recherche daheim konnte er sich immer noch nicht wirklich etwas unter dieser Sportart vorstellen. "Also habe ich mir einen Verein gesucht und bin hingefahren", sagt er lachend. Da hat er dann einfach mal mittrainiert.
Spontan, locker, neugierig und offen für Neues, das sind natürlich gute Voraussetzungen, denn Harry Weber ist immer "live auf Sendung". Aber eine gewisse Grundnervosität gehöre auch dazu. Sie halte einen wach und am Boden. Zur Vorbereitung auf die Sendungen sei es vor allem wichtig, Stimmungen der Sportler und Fans aufzunehmen oder die Atmosphäre des Veranstaltungsortes "zu inhalieren", wie er das nennt. Zahlen und Hintergrundfakten zu Schauplätzen oder Sportlern könne man zur Not noch relativ kurz vor Beginn des Wettkampfes recherchieren.
Das heißt jedoch nicht, dass gute Vorarbeit und ein Basiswissen rund um Sport unwichtig wären. "Die Mischung macht's", erklärt er. Für große Tennisturniere zum Beispiel bereite er sich immer auf das gesamte Turnier vor, nicht unbedingt auf einzelne Matches, da sich die Paarungen oft erst im Verlauf der Turniere ergeben. Er verfolgt also genau, was schon vor dem Spiel, das er kommentieren soll, und rund um das Turnier passiert. Gerne arbeitet er mit Zetteln, Stichpunkten und Notizen, auf denen er sich bestimmte Schlagwörter und Themen notiert, die er in seinem Kommentar einbringen möchte. "Jeder Kommentator ist da anders. Ich bin einer, der alles sehr frei macht. Ich habe mir noch nie irgendeinen fertigen Text zum Vorlesen geschrieben."
Doch auch Pannen passieren. So waren sein Co-Kommentator und er während eines Tennismatches, das live ausgestrahlt wurde, noch im Sound-Check. Um locker zu werden, lieferten die beiden sich einen kurzen Schlagabtausch, rissen Witze und alberten herum, ohne zu ahnen, dass sie versehentlich schon auf Sendung und für das gesamte Publikum zu hören waren. Schmunzelnd berichtet Weber von einer skurrilen Situation, in die ein Kollege geraten war: Dieser wurde im Auto angerufen, da in der Sportredaktion Not am Mann war. Der vorgesehene Kommentator war ausgefallen, und sonst kannte sich niemand mit der Sportart Sand-Marathon aus. Da der Kollege nicht sehen konnte, was passierte, wurde ihm das Nötigste von jemandem vor Ort per Telefon durchgegeben. Um es sich etwas leichter zu machen, begann er über das normalerweise für einen Sand-Marathon nötige Schuhwerk zu berichten. Es dauerte etwa zehn Minuten, in denen er alle Zuschauer live über Schuhe und Socken informierte, bis ihm über die Telefonleitung mitgeteilt werden konnte, dass die Läufer bei diesem speziellen Marathon barfuß unterwegs waren. Solche und ähnliche Patzer wieder auszubügeln, gehöre einfach zum Job, doch das sei gar nicht so dramatisch, man werde mit der Zeit immer besser darin, meint Weber. Man dürfe einfach nicht zu angespannt sein und sich nicht zu sehr an einen festen Rahmen klammern. "Ich gehe in eine Sendung rein und weiß zehn Sekunden vorher oft nicht genau, wie es losgeht, aber es geht los, weil ich mit der richtigen Einstellung reingehe, weil die Basis stimmt. Dann ist das viel weniger schwer, als wir uns das am Anfang immer vorstellen."
Auch mit schlechter Laune oder einer üblen Erkältung muss er eine gute Sendung zustande bringen. Das gehört zur Professionalität. Vielleicht ist der Kommentar etwas sachlicher, nicht ganz so pfiffig wie sonst. Der Wechsel vom "Off" zu "live auf Sendung" sei wie das Umlegen eines Schalters: "Sobald das Ding läuft, und die Regie zählt dich rein, funktionierst du."
Harry Weber kommentiert nicht nur Sport, sondern war und ist selbst begeisterter Sportler. "Ich habe immer extrem gerne meinen Körper belastet und Grenzen gesucht." Nicht jeder kann von sich behaupten, einmal als Stuntman gearbeitet zu haben. Harry Weber schon. Als Schüler begann er zu boxen, nach dem Abitur folgte ein Sportstudium. Seine Schwester, die bei den Bavaria Filmstudios als Fremdenführerin arbeitete, brachte ihn gegen Ende seines Studiums dort zu einem Nebenjob als Stuntman. Aber Stuntman ist nicht gleich Stuntman: "Im Grunde gibt es zwei Kategorien. Es gibt den Body-Stuntman, der mit seinem Körper arbeitet, und den Auto- oder Motorrad-Stuntman", erklärt er. In der Regel spezialisiert man sich auf eines der beiden Gebiete und bleibt dann dabei. "Wir waren Body-Stunt-Leute. Treppenstürze, Sprünge, Schlägereien." Sieht man den dunkelhaarigen Sportkommentator mit seinen 1,90 Meter heute so vor sich stehen, kann man sich lebhaft vorstellen, dass er und seine Stunt-Kollegen acht Jahre lang in Shows und auch im Fernsehen für eindrucksvolle Action sorgten. Seine Eltern waren davon wenig begeistert. Denn natürlich ist dieser Job riskant, und Verletzungen sind nicht selten. Doch bei ihnen sei es zum Glück bei kleinen Blessuren, Prellungen, blauen Flecken und Abschürfungen geblieben. "Ein nervöser Kollege hat mich bei einer Stunt-Schlägerei versehentlich mal k.o. geschlagen", fällt ihm ein, aber das sei Berufsrisiko.
Bekannt war seine Truppe für Stunt-Schlägereien. Die ähneln fast einer Tanzchoreographie, es gibt eine genau einstudierte Abfolge von Schritten, Rangeleien und Schlägen. Gemeinsam wird abgesprochen, wer wann welche Aktion auszuführen hat. Da muss man sich auf seine Kollegen verlassen können, sonst kann es schmerzhaft werden. Teamwork ist hier im wahrsten Wortsinn das Schlagwort.
Auch Angst gehört dazu. "Sie ist ein Wegbegleiter, mit dem man umzugehen lernt", erklärt Harry Weber entschieden. "Ich hatte auch Kameraden, die vor nichts Angst hatten, aber da war das Risiko dann natürlich sehr hoch, und das willst du als Stuntman ja eigentlich minimieren." Vor allem Respekt vor dem, was man tut, ist unerlässlich. "Die Angst ist auch ein Grenzaufzeiger, der deinem Körper sagt, wo Schluss ist." Zu erkennen, "wo Schluss ist", sei in diesem Gewerbe besonders wichtig, um sich und seine Kollegen nicht zu gefährden.
Gegen Ende seiner Stuntman-Karriere merkte er dann jedoch, dass er nicht mehr wirklich Spaß an dem Job hatte. "Ich konnte mit der Atmosphäre nicht mehr leben und habe die letzten drei Jahre keine schöne Zeit mehr dort gehabt." Die schlechte Kommunikation und der Konkurrenzkampf seien ihm zu viel gewesen. "Aber ich habe den Horizont aufgemacht für Neues." Das Neue kam dann auch schnell. Der ehemalige Amateurboxer machte in der Boxredaktion des Deutschen Sportfernsehens (DSF) ein Praktikum. Heute kommentiert Harry Weber viele verschiedene Sportarten. "Als ich bei Nummer 37 war, habe ich aufgehört zu zählen", meint er schmunzelnd.