"Ein bisschen Gerechtigkeit"

Seit 18 Jahren arbeitet Martina Baumann als Polizistin. Nachdem sie zuerst als Köchin im Kanton Zürich tätig war, absolvierte sie die Polizeischule und arbeitete dann für mehrere Abteilungen. Seit vier Jahren ist sie bei der Kriminalpolizei Zürich. "In meiner Freizeit lese ich gerne Krimis." Weitere Hobbys sind Sport, Reisen und Kochen. Die 42-Jährige sitzt in Jeans und Pulli im Büro eines Kollegen auf der Polizeistation der Kantonspolizei Wetzikon. "Ich arbeite nicht mehr hier in Wetzikon, sondern auf dem Polizeirevier in Zürich. Ich freue mich aber, wieder einmal hier zu sein. Schließlich habe ich sechs Jahre hier gearbeitet." Die Wände sind übersät mit Postern von Fußball- und Eishockeymannschaften. Im Kontrast dazu stehen die kleinen Zellen, in denen Sträflinge in Gewahrsam genommen werden: Es gibt zwei kleine, unbequeme Bänke und einen Tisch. "Über Nacht dürfen die Verhafteten nicht in diesen Zellen bleiben. Dafür sind sie nicht ausgestattet."

"Mich fasziniert die Vielfältigkeit dieses Berufes. Jeder Tag ist anders und bringt neue Herausforderungen und Unvorhergesehenes mit sich. Ich mag die Abwechslung und die Teamarbeit." Das Spezialgebiet von Martina Baumann sind Sexualdelikte und Kindesschutz. Sie arbeitet zu Bürozeiten mit Wochenenddienst. Einmal in der Woche leistet sie Pikettdienst über 24 Stunden. Das heißt, sie muss jederzeit bereit sein, bei Notsituationen einzurücken, also bei schweren Sexualdelikten und Kindesmisshandlungen. Daraus resultieren schriftliche Einvernahmen mit erwachsenen Opfern und Tätern sowie videographische Befragungen mit minderjährigen Leidtragenden. Hausdurchsuchungen und Verhaftungen bei Tätern koordiniert sie entweder vom Büro aus oder ist vor Ort.

"Einmal in der Woche findet ein Briefing mit dem ganzen Team statt. Dies ist sehr hilfreich beim Verarbeiten von schwierigen Fällen. Man unterstützt sich gegenseitig." Außerdem steht ein Careteam, das psychologische Hilfe leistet, zur Verfügung. "Mein Lebenspartner arbeitet ebenfalls bei der Polizei. Wir unterstützen uns gegenseitig, denn der Beruf ist teilweise nichts für schwache Nerven. Am meisten Schwierigkeiten bereitet mir der Anblick des Leides der Opfer, aber damit muss ich umgehen können."

Ein Fall, der ihr in Erinnerung bleibt, ereignete sich 2014. Damals wurde ein 31-jähriger Mann wegen Besitz von Kinderpornographie verhaftet. "Wir bekamen die Information, dass ein Mann mehrmals Kinderpornographie heruntergeladen hatte. Daraufhin durchsuchten wir sein Haus und stellten fest, dass er seine Opfer während der Tat filmte." Es stellte sich heraus, dass der Mann junge Mädchen und sogar Babys schändete. Bei der Verkehrspolizei musste sie einmal zu einem Fall ausrücken, bei dem ein Kind von einem Hund die Treppe heruntergestoßen worden war; so hieß es in der ersten Meldung. Später übernahm die Kriminalpolizei. Die Einsatzkräfte untersuchten das Kind und fanden außergewöhnlich viele Knochenbrüche. Schuldig daran war der Vater, nicht der Hund. "Ohne diesen Zwischenfall hätte man länger nicht entdeckt, dass der Vater sein Kind misshandelte. Ich konnte dazu beitragen, dass dieser Mann verhaftet und somit ein bisschen Gerechtigkeit in die Welt gebracht wurde."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2019, Nr. 29, S. 26 - Patrick Spörri

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