Eine ehemalige Obdachlose bloggt und hilft
Jetzt hab ich's geschafft, jetzt bin ich frei." Mandy Sommer (Name geändert) sitzt an einem großen Holztisch in ihrer Berliner Wohnung. Die Hände um die Beine gelegt, die Beine auf dem Stuhl. Für die 34-Jährige sind "tolle" Eltern eine Wunschvorstellung: "Meine Mutter war Alkoholikerin, hat mich geschlagen. War nicht so schön zu Haus." Auch zu ihrer acht Jahre älteren Schwester, die sie nie richtig kennengelernt hat, hat sie noch immer keinen Kontakt. Heute schreibt sie den Blog www.unendlichgeliebt.de und ist zusätzlich bei der Berliner Kältehilfe tätig.
Als sie 13 Jahre alt war, hat sie beschlossen, dass sie lieber auf der Straße leben wollte als zu Hause. "Das war jetzt keine rationale Entscheidung, wo ich das groß durchdacht habe. Ich habe das einfach nicht mehr ausgehalten und hatte Freunde, denen es ähnlich ging." Mit ihren Freunden Simone und Andreas habe sie sich relativ schnell der Punkszene angeschlossen. Mandy ist zierlich mit kurzem, dunkelblondem Haar, schwarzer Brille und Nasenring. Sie trägt eine Apple-Watch. Außer dem Nasenpiercing und einigen Tattoos, etwa im Nacken oder am Arm, ist an ihrem Aussehen nichts mehr mit einem Punk in Verbindung zu bringen.
Mit 14 Jahren ging Mandy mit ihren Freunden von Dresden nach Berlin. "Wir sind halt quasi immer zu dritt gewesen." In Deutschland lebten 2016 etwa 860 000 Menschen ohne Wohnung. Schätzungen der Caritas für Berlin aus dem Jahr 2017 ergeben etwa 20 000 Wohnungslose und davon 6000 Obdachlose. Konkrete Zahlen über Obdachlose gibt es nicht. "Berlin ist halt 'ne coole Stadt, da gehen sie irgendwie alle hin."
An Geld gelangten sie unter anderem durch Betteln. "Als junges Mädchen kriegst du mehr Geld", erklärt Mandy. Allerdings habe sie das kaum für Essen oder Kleidung ausgegeben, sondern mehr für Drogen und Alkohol. Das Essen bekamen sie anders. Sie nahmen sich einfach die abgelaufenen Lebensmittel, die von Supermärkten entsorgt wurden. "Also wir haben gelebt wie im Schlaraffenland."
Sie sei für Drogen nicht selbst zum Dealer gegangen, das hätten eher die Älteren gemacht. Das ging von Pillen über Speed, LSD, Ecstasy und manchmal bis hin zu Koks. "Wir haben viel gekifft. In Berlin kamen dann eigentlich so richtig erst die anderen Drogen dazu." Durch Drogen und billigen Ein-Euro-Wein sei sie jeden Tag in irgendeiner Weise berauscht gewesen. "Ich glaub, es gab nicht viele Momente, wo ich wirklich klar im Kopf war." Tabus gab es dann bei ihr auch nicht. "Wir wollten eigentlich alles ausprobieren und haben uns cool gefühlt."
Im Gespräch mit anderen Obdachlosen kamen dann öfter auch Fragen auf, wie es zum Beispiel komme, dass sie auf der Straße sei, oder ob ihre Eltern wirklich so schlimm seien. Davon war sie schnell genervt: "Dann haste kein Bock mehr auf so Fragen." Zu den Obdachlosen kamen manchmal auch Sozialarbeiter. "Da kam immer wieder einer und hat mit uns geredet und so Vertrauen aufgebaut, war halt wie ein Freund." Dieser habe sie letztendlich dazu gebracht, mit 17 Jahren eine Therapie und einen Entzug zu machen. Aber auch dabei kam keine Unterstützung von den Eltern. Beim viermonatigen Aufenthalt in der Klinik, wo sie unter anderem gelernt habe, wie man mit Problemen umgehen könne und sich diesen stelle, habe sie versucht, ihre Kindheit aufzuarbeiten. "Das war schon schwierig, weil meine Eltern dahinkommen sollten, und sie sind nicht gekommen."
Nach der Therapie hat Mandy zwei Jahre bei ihrem zehn Jahre älteren Freund gelebt. Als das nicht funktionierte, ist sie wieder mit ihrem Rucksack, in dem alles drin war, was sie hatte, losgezogen. Sie zog in eine Wohngemeinschaft mit einem anderen Mädchen nach Mannheim. "Dann bin ich am Bahnhof angekommen und die ganzen Geschäfte abgegangen. Überall bin ich rein und hab gemeint, ob sie irgendwie eine Aushilfe brauchen oder so." Mit mehreren solcher Jobs hat sie sich so ihren Unterhalt finanziert.
Trotz ihrer Mitbewohnerin sei sie in Mannheim einsam gewesen und habe festgestellt, dass sie gerne schreibe. In einem Internetcafé-Chat hat sie eine 50-jährige Christin, die im Rollstuhl sitzt, kennengelernt und sich mit ihr angefreundet. Diese habe sich zur Aufgabe gemacht, Menschen im Internet zu helfen, die einsam sind oder Hilfe brauchen. "Ich hatte dann meine eigene Wohnung, dann hat sie mir Besteck und so ein Zeug geschickt, halt Zeug, das man braucht und das alles Geld kostet." Durch diese Frau beschäftigte sich Mandy mit der Bibel. "Man kann ganz viel lernen aus diesen Geschichten." Auch wenn sie sich selbst nicht als religiös bezeichnen würde, habe sie viel über alles nachgedacht.
Mandy begann, ihre Gedanken in Worte zu fassen - vielleicht könnten auch andere etwas damit anfangen. So entstand vor zehn Jahren der Blog, von dem Mandy seit 2012 als freiberufliche Bloggerin lebt. "Dann haben sich plötzlich andere daran beteiligt, haben Kommentare geschrieben. Dann ist nach und nach eine Community entstanden." Dass dieses Projekt so plötzlich enorm wächst, erstaunt sie bis heute. Sowohl zu ihren Eltern als auch zu ihren Freunden von früher hat sie keinen Kontakt. Allerdings ziehe sie dort auch nichts hin. "Ich würde heute sagen, ich bin total glücklich."