Im Marstal an der Grenze der Kantone Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen verbergen sich Schätze. So wie im Reich von Peter Preisig, einem der letzten Schellenschmiede. Er ist 43 Jahre alt und sieht aus wie ein typischer Appenzeller: nicht zu groß, mit Bart und Edelweißhemd. Im Raum verteilt stehen kugelförmige Rollen und glockenförmige Schellen. Manche sind fertig, bereit für ihren ersten Einsatz beim Alten Silvester. Anderen fehlt die typische messinggelbe Farbe, und wieder andere sind in zwei Hälften geteilt und müssen noch zusammengeschmiedet werden. Es gibt einen Schmiedeofen, Werkzeuge liegen auf Werkbänken oder hängen an der Wand, an der große Metallplatten lehnen. Leicht metallischer Geruch liegt in der Luft.
Auf dem Boden liegt ein "Rollenträger" aus Ledergurten, an ihnen sind 13 gelb schimmernde, kugelförmige Rollen angebracht. Dies ist das Endprodukt, das, über den Oberkörper von Silvesterkläusen geschnallt, am Silvester ertönt. Auf einem Tisch stehen drei große, glockenförmige Schellen mit dunkelgrauen Bäuchen, sogenannte Senntumsschellen. Das sind im Gegensatz zu den Rollen harmonisch abgestimmte Schellen. Sie werden für die Viehschau oder die Alpfahrt benutzt. "S Stimme vomne Gspiel", wie ein Trio von Senntumsschellen, das einen harmonischen Dreiklang ergibt, genannt wird, "isch sehr schwirig", betont der Schellenschmied.
Der Durchbruch gelang ihm vor zwei Jahren, unter anderem ein Grund, weshalb er sich nach seiner Lehre als Karosseriespengler selbständig gemacht hat. Bis es so weit war, brauchte er viel Geduld. Mehr als fünfzehn Jahre dauerte es. "Ich bi nome am Forsche ond Pröble gsee." Vieles musste sich Preisig selbst beibringen, es gibt keinen Lehrgang. Zudem passierte dies alles in seiner Freizeit.
Die Idee, Rollen herzustellen, kam ihm vor zwanzig Jahren. Lange mussten die Silvesterkläuse, Sennen und Bauern ihre Schellen aus Tirol importieren. Jetzt hat das Appenzellerland seinen eigenen Schellenschmied. Anders als seine Kunden, die zu einem Großteil Landwirte aus den beiden Appenzeller Halbkantonen sind, ist er nicht in einer Bauernfamilie aufgewachsen. "S Bruuchtom ond de Gsang sind aber immer es grosses Thema bi ös gsee." Der kleinere Anteil seiner Kunden besteht aus Sammlern und Liebhabern, die einzelne Schellen, Rollen oder auch Klangschalen wollen, die er nebenbei herstellt. Für die Herstellung einer Rolle schneidet er zwei gleichgroße Kreise aus Stahlblech aus, die er am äußeren Rand leicht zusammenschweißt. Danach legt er das Blech in die Glut des Ofens. Mit Hilfe einer Hohlform wird der Stahl zu einer Halbkugel geformt. Mit jedem Schlag kommt Preisig dem Ziel näher. Ist die gewünschte Form erreicht, werden die vier Verbindungsstellen der zwei Bleche gelöst und die Halbkugeln auseinandergenommen. "So passed die zwo Hälftene perfekt ofenand." Bevor sie zusammengeschweißt werden, muss eine massive Metallkugel zur Klangerzeugung in die Rolle hinein und ein Schlitz in das Blech, damit der Schall aus der Kugel entkommen kann. Die Kugel besteht aus vielen kleinen, gerade gehämmerten Flächen. "So gets de rauh, charakteristisch Klang vode Rolle. Wärs e Chugle, wär de Ton vil glichmässiger."
Die Senntumsschellen entstehen aus einem Stück Blech. Klang und Tonhöhe spielen eine wichtige Rolle. "Di drü Schelle imne Gspiel beinhaltet d Afangstön vo Stille Nacht." Schellen und Rollen werden vermessingt. Dazu erstellt er nach Geheimrezept eine selbstkreierte Masse, die beim Brennen steinhart wird. Lehm ist ein Bestandteil, auch Pferdemist soll enthalten sein. Nun werden Messingplättchen und leere Patronenhülsen daraufgelegt, dann ummantelt er die Schellen und Rollen mit dem Teig. Nachdem die Masse getrocknet ist, kommt das Paket in den Ofen draußen vor dem Haus: Hülsen und Plättchen schmelzen und ummanteln die Rollen. Die Messingschicht schützt und erhellt den Klang.
Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2019, Nr. 53, S. 26 -
Silas Keller
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