Ein weiß-rotes Zirkuszelt, eine Turnhalle mit großen, bodenhohen Fenstern und zwei weitere Gebäude begrenzen den Innenhof, auf dem zwei Zirkuswagen stehen. Jugendliche kommen mit Gepäck an, werden von Helfern über den Hof geführt, begrüßen und unterhalten sich. In der Halle trainieren bereits die ersten Artisten. Man hört Gesprächsfetzten aus unterschiedlichen Sprachen, Rollkoffer, die über den Hof gezogen werden, und Jonglierbälle, die auf den Boden fallen. Dies ist der Beginn des 5. internationalen Waldoni Circusfestivals in Darmstadt. Der Circus Waldoni ist kein traditioneller Familienzirkus mit Tieren, sondern ein zeitgenössischer, moderner Kinder- und Jugendzirkus, der auch eine Masterklasse, also Training und Ausbildung zum professionellen Artisten für Erwachsene, anbietet. Für das Circusfestival werden einmal im Jahr aus vielen internationalen Bewerbungen jugendliche Artisten ausgewählt, die am fünftägigen Festival teilnehmen und in zwei Shows, einer Wettbewerbs- und einer weiteren Show, ihre Nummer präsentieren dürfen. Damit ist es der zweitgrößte Zirkuswettbewerb in Deutschland.
Tatjana Niedenthal, Chefin des Circus Waldoni, ist stolz darauf, dass die Teilnehmer aus den sechs verschiedenen Nationen Finnland, Lettland, Israel, Kenia, der Schweiz und Deutschland kommen. Ihr Ziel ist es, "zirkusbegeisterten und motivierten Jugendlichen die Möglichkeit des Austausches und gemeinsamen Trainings zu geben". Dass dies trotz verschiedenen Sprachen hervorragend funktioniert, wird bereits nach der Begrüßungsrunde klar. Es werden hebräische Worte und Sätze gelernt, Unterhaltungen auf Englisch und Französisch geführt und für die kleineren Teilnehmer in die jeweilige Sprache übersetzt.
Auch in den nächsten Tagen, zwischen den Proben für die Show und der Arbeit an gemeinsamen Gruppenchoreographien, werden viele neue Kontakte geschlossen und viel erzählt. "In Finnland ist Zirkus als Sport mindestens genauso beliebt und angesehen wie andere Vereins- und Leistungssportarten", berichtet Fanny Korhonen, die Trainerin des Circus Helsinki. 900 Jugendliche trainieren wöchentlich bei ihr und haben teilweise bereits Profiniveau. Tatjana Niedenthal bezeichnet Artistik als Extremsport: "Denn wenn ein Trick nicht klappt, kann das mit sehr schweren oder tödlichen Verletzungen enden."
Die beiden Shows sind mit je 400 Plätzen ausverkauft, und es gibt eine Liveübertragung, die auf der ganzen Welt zu sehen ist. Auch die Artisten im Backstage-Bereich können über den Livestream die Show verfolgen. Vor der Show ist eine deutliche Anspannung zu spüren. Bereits drei Stunden vor Beginn haben die Ersten mit dem Auftragen des Makeups angefangen. Jeder bereitet sich vor, indem Nummern noch mal durchgegangen und Tricks zur Sicherheit ein weiteres Mal geübt werden. Kurz bevor es ernst wird, gibt es noch ein gemeinsames "Toi, toi, toiiiiii!". Trotz der Anspannung ist die Stimmung gut. "Wir fühlen uns als großes Ensemble, das zusammen eine Show macht, und nicht als einzelne Konkurrenten eines Wettkampfes, nach diesen drei gemeinsamen Trainingstagen", sagt Nathan Sterchi von der Zirkusschule in Lausanne.
Immer wenn die Artisten nach ihrem jeweiligen Auftritt zurück hinter die Bühne kommen, klatschen und jubeln die anderen. Auch im Publikum ist die Stimmung gut, begeistert wird applaudiert. Kein Wunder, denn das Programm ist abwechslungsreich und anspruchsvoll. Es geht von geworfenen Saltos in einer Partnerakrobatiknummer über moderne Jonglage mit viel Papier auf der Bühne, dehnbare Artisten am Trapez wie auch auf dem Boden bis hin zu stimmungsmachender Akrobatik mit Tanz von den afrikanischen Artisten.
Es gibt große Unterschiede, was die Trainingsvoraussetzungen der Artisten angeht. Mike Wachara, einer der drei Akrobaten aus Kenia, berichtet: "Wir haben keine Turnhalle und trainieren immer draußen auf Erde und Schotter." Dies führt zu einem lustigen Moment, als sie von einem Trainer aufgefordert werden, auf Matte zu trainieren, womit sie nichts anfangen können. Dies ändert natürlich nichts an der Professionalität der Show. Nachdem auch die zweite Show mit einem großen Finale aller Artisten endet, wobei es auf der Bühne ganz schön eng wird, werden die Preise vergeben. Der Hauptpreis der Kategorie U16 geht an die Akrobatikgruppe Melanz aus Lettland. Die zwei Hauptpreise der Kategorie Ü16 werden an die Trapeznummer des israelischen Zirkus "Move to Circus" und an die Icarien Games Nummer zweier Finninnen des Circus Bravuuri verliehen.
Am nächsten und fünften Tag ist Abreisetag, doch es wirkt so, als ob keiner der Teilnehmer gehen wolle. Vor allem den Afrikanern fällt der Abschied schwer: "An so viel Luxus und tolle Trainingsmöglichkeiten könnten wir uns schnell gewöhnen", schwärmt Mike Wachara. Schließlich ist alles aufgeräumt, und auch die Letzten müssen das Gelände verlassen. Vor allem die Preisträger sind überglücklich. "Bei dem zweitgrößten Zirkuswettbewerb Deutschlands mitmachen zu können und sogar mit einem Preis ausgezeichnet zu werden ist schon überwältigend", findet Nathan Sterchi aus Lausanne. "Es ist auch eine Belohnung für das ganze harte Training und eine Bestätigung, dass man es als Artist zu etwas bringen kann." Er und einige weitere Teilnehmer haben durchaus vor, später auf der Zirkusschule Artistik zu studieren, um dann hauptberuflich Artist zu werden.