Vom Goggo zum Trabi

Lumpenpressling oder Kult: ein Mann und seine Trabis

 

In Holger Eltzes Wohnzimmer hängen alte, seltene Plattenspieler an der Wand, in Regalen stapeln sich Schallplatten von Elvis Presley bis Jimmy Hendrix. Daneben stehen alte Radios, wie sie viele nur im Museum erwarten würden. Und immer mal wieder zwischendrin sieht man kleine Trabimodelle in verschiedensten Farben. Auf die Frage, wie es zu seiner Leidenschaft für Trabis kam, hält der Mann mit dem schwarzen Haar erst einmal inne und holt weit aus. "Angefangen hat das natürlich damit, dass ich in der DDR geboren wurde." Weihnachten 1960 zogen sie in den Westen, aufgewachsen ist Eltze in Bielefeld, heute lebt er mit seiner Familie in Saarbrücken. "Aber natürlich sind wir als ehemalige DDR-Bürger immer wieder in den Osten gereist. Dort haben wir immer noch Verwandte, die wir besuchen."

 

Sein Onkel, der in der Nähe von Weimar wohnte, war Eigentümer einer Autowerkstatt, die mittlerweile von dessen Tochter weitergeführt wird. "Nach der Wende wollte die ja keiner mehr haben", sagt Eltze. Das Image des DDR-Autos geriet an seinen Tiefpunkt. Nach der Wiedervereinigung hatte er den Wunsch, einen Trabi zu kaufen. Damals gab es massenhaft Trabis, die keinen Besitzer fanden und verschrottet wurden. Daher waren sie günstig. Ein billiges Studentenauto also, noch billiger als eine "Ente". Da kam es Eltze gerade recht, dass sein Onkel mit guten Nachrichten anrief: Ein neuer Trabi stand in seiner Werkstatt, der verschrottet werden sollte. "Diese Gelegenheit habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen, habe mir ein Kurzzeitnummernschild besorgt und bin in Bielefeld in den Zug gestiegen. Das war 1992." So fuhr er mit 32 Jahren seinen ersten Trabi.

 

Mit 18 Jahren fuhr Eltze ein Goggomobil. Dies hatte zwar einen kleinen Motor mit 13 PS. Das hinderte ihn aber nicht daran, mit seinem Goggo lange Reisen zu machen. "Normalerweise ist es für neue Trabifahrer ein Abstieg von einem größeren zu einem kleineren Auto, dem Trabi. Für mich war es andersrum. Der Trabi war für mich in der Hinsicht sogar quasi ein Aufstieg", erzählt der 58-Jährige.

 

Als Eltze seine Trabis zählt, kommt er auf fünfeinhalb. Der halbe ist sein Anhänger, der früher ein ganz normaler Trabi war, bei dem jedoch nach einem Unfall das Vorderteil abgeschnitten und das Ganze mit einer Deichsel versehen wurde. Der übrig gebliebene Teil dient ihm jetzt als Schlafwagen. Wenn er zum Beispiel zu den Treffen des westfälischen Trabantklubs "Sputnik" fährt, dessen Pressesprecher er mal war, ergibt es sich, dass er die eine oder andere Nacht in seinem halben Trabi verbringt. "Selbst Gustav passt da rein", fügt Eltze sichtlich begeistert hinzu. Gustav ist sein Sohn, zwei Meter groß und damit etwas größer als er. Neben seiner Tätigkeit als Werbegrafiker kauft und verkauft Eltze vor allem alte Trabiteile. "Was ich so toll an Trabis finde, ist, dass du daran alles selber machen kannst. Ich muss wirklich selten mal in die Werkstatt. Der Automechaniker hat zwar das bessere Werkzeug, aber ich kenne meine Trabis ja genau. Es läuft dann meist darauf hinaus, dass wir zusammen dran arbeiten."

 

Er erklärt: "Man sagt ja, dass Trabis nicht rosten, weil sie aus Plastik bestehen. Das stimmt aber nicht ganz." Die Großflächen eines Trabants sind zwar aus Plastik, das Gerippe besteht aber aus Stahlblechen. "Teilweise sind die Großflächen sogar aus Altkleidern, die der Baumwolle, eine der Komponenten, aus denen die Firma Sachsenring die Kotflügel und Hauben ,gebacken' hat, beigemischt wurde. So entstand die abwertende Bezeichnung Lumpenpressling."

 

Eltze mag die altmodische Form des Autos und lobt. "Im Trabi hat man erstaunlich viel Platz. Vorne können wir gut sitzen." Wenn man Vater und Sohn im Trabi sitzen sieht, auf der Ablage hinten im Kofferraum einen Wackeldackel, muss man schmunzeln. Es überrascht in der Tat, dass zwei Zwei-Meter-Männer keine Platzprobleme bekommen.

 

Stolz zeigt Eltze auf einen weißen Trabanten: "Besonders praktisch finde ich diesen hier, das ist unser Reisewagen." Dieser Trabi ist ein Kombi mit der Besonderheit, dass er kein Zwei-Takter mehr ist, sondern mit einem Polo-Motor mit 40 PS ausgestattet ist. Dann stellt er noch seinen "Kübelwagen" vor, ursprünglich ein Militärauto. "Mein Kübelwagen wurde allerdings als Jagdwagen eingesetzt, ist also kein sogenannter Grenztrabi tt." Mit diesem Auto hatte er schon mal einen Unfall, als ihm einmal ein SUV aufgefahren ist. Eltze schmunzelt, als er davon erzählt, der Kübelwagen trug keinen nennenswerten Schaden davon, während beim SUV die ganze Stoßstange lädiert war.

 

Der Trabi sollte ursprünglich, bei seinem Erscheinen 1957 "Sputnik" heißen, erklärt er, das ist russisch und bedeutet "Begleiter. Dies erlaubten die Russen aber nicht, der Name war dem Satelliten vorbehalten. Trabant stammt aus dem Tschechischen und bedeutet auch "Begleiter". Als er einmal mit seinem Trabi an der Tankstelle stand, wies ihn eine ältere Frau darauf hin, dass er für die Verschrottung 2000 Mark Abwrackprämie bekommen würde. "Daran bin ich nicht interessiert", lacht er, "die Dinge werden bei uns benutzt, bis sie wirklich verbraucht sind." Er muss los. "Gustav, komm! Wir fahren mit der Pappe."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2019, Nr. 71, S. 26 - Moritz Rampendah

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