Wohnen, wo die Droste wohnte

Einer muss immer die Stellung halten, erklärt Maurits Naeßl-Doms, der mit seiner Familie auf der Meersburg wohnt. Der Student führt durch die Gemächer, in denen einst Annette von Droste-Hülshoff lebte.

Die untergehende Sonne färbt das Wasser des Bodensees golden. Vom Ufer her ist das Stadtleben von Meersburg zu hören, die gleichnamige Burg dagegen scheint von Ruhe umgeben. Das Licht hüllt die gräulichen Mauerwände der Burg in ein leuchtendes Abendrot. Ein riesiger Nadelbaum neben dem Torbau der Burg verdeckt beinah vollständig die beleuchteten Fenster des dahinter liegenden Eckturms. Die restlichen Fenster des Gebäudes schauen finster auf die Holzbrücke herab, die das verschlossene Tor über einen Burggraben mit der Stadt verbindet.

Das aufgehende Tor durchbricht die Stille. Maurits Naeßl-Doms erscheint in Begleitung seiner Mutter am Eingang der Burg. Sie sind Besitzer und Bewohner des mehr als 1000 Jahre alten Monuments und machen die Meersburg zur ältesten bewohnten Burg Deutschlands. Maurits, der mit seinen Eltern und seiner Schwester hier aufgewachsen ist, verbringt zurzeit vor allem die Wochenenden auf der Burg, denn seit seinem Abitur in Meersburg studiert der 21-Jährige Technik und Management in München. Julia Naeßl-Doms dagegen, Maurits' niederländische Mutter, bewohnt die Privatgemächer der Burg als Burgherrin dauerhaft, seit sie in den neunziger Jahren ihren Mann Vinzenz Naeßl-Doms, den 2018 verstorbenen Burgherrn, während ihres Kunstgeschichte- und Mittelalterliche Baugeschichte-Studiums kennengelernt hatte. Nach der Heirat zog das Paar die gemeinsamen Kinder, Maurits und dessen Schwester Laura, auf der Burg auf.

Nachdem Mutter und Sohn das Burgtor verschlossen und den Eingang der Burg hinter sich gelassen haben, machen sie sich durch einen dunklen Gang zu ihren Privatgemächern auf. Dabei bemerkt Maurits Naeßl-Doms: "Um diese Uhrzeit ist es kaum zu glauben, dass tagsüber hier Hochbetrieb herrscht." Jeden Morgen öffnen sich um 9 Uhr die Tore für die zahlreichen Besucher. Bis dahin müssen die 45 Mitarbeiter die Verwaltung, das Museum, den Shop, das Café und die Kassen besetzt haben. Die Touristen können die Burg in verschiedenen Führungen besichtigen, die unter anderem auch Maurits' Mutter selbst leitet - eine Aufgabe, die der Burgherrin wichtig ist. "Für mich als Kind war die Burg während der Öffnungszeiten hingegen ein Spieleparadies", sagt Maurits Naeßl-Doms. Für ihn und seine Freunde sei es ein großer Spaß gewesen, sich in den vielen Ecken und Winkeln der Burg vor Touristen zu verstecken.

An einem Torbogen, durch den der Burggarten und der dahinter liegende Bodensee zu sehen sind, machen die beiden kurz Halt. Der großflächige Garten mit knorrigen Bäumen, wegbegrenzenden Büschen und Ranken, die das Gemäuer bedecken, verbindet über einen Kiesweg zwei Teile der Burg miteinander. "Als Jugendlicher feierte ich hier einige Partys", erinnert sich Maurits Naeßl-Doms. Vom Garten aus, der kurz hinter dem Torbau liegt, gelangt man über eine Treppe zum barocken Anbau. Dieser ist von Hirschgeweihen und Armbrüsten an den weißen Wänden und einer Büste von Carl Mayer von Mayerfels, dem Gründer des Burgmuseums, geprägt. Ein Schild mit der Aufschrift "Rundgang" weist den Touristen den Weg durchs Museum, wohingegen ein hüfthohes Absperrtürchen ihnen eine weitere Treppe versperrt. Dieses Türchen öffnen Maurits und Julia Naeßl-Doms, steigen die Treppe hinauf und betonen: "Dies ist der einzige Zugang zu unseren Privatgemächern." Die Wohnbereiche befinden sich unter anderem in einem der Ecktürme. "Von hier aus hat man eine einmalige Aussicht auf den Bodensee", sagt Maurits. Deshalb zählt auch der kleine Balkon, der zwischen den Gemäuern der Burg versteckt einen weiten Blick über das Wasser auf die in der Dunkelheit beleuchteten Schiffe bietet, zu einem seiner Lieblingsorte auf der Burg. Die Gemächer selbst sind zum größten Teil im Barockstil gehalten und damit offener und heller gebaut als die meisten mittelalterlichen Bereiche. Schon seit Jahrhunderten dienen diese Räumlichkeiten als Wohnort der Burgbewohner, unter denen die Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff eine der berühmtesten ist: Als Schwägerin des damaligen Besitzers lebte sie zeitweise auf der Meersburg und starb 1848 auch dort.

In den im traditionellen Stil gehaltenen Gemächern mit ihren Wandteppichen, den Ölgemälden und antiken Holzmöbeln hat die Technik Einzug gehalten: Heizkörper fügen sich harmonisch in das Raumganze, ein großer Flachbildfernseher findet seinen Platz im barocken Zimmer, und ein Telefon ziert eine hölzerne Ablage. "Es muss immer einer von uns hier auf der Burg sein", betont der junge Burgherr. So müsste man bei Stürmen zum Beispiel für die Sicherheit des Gebäudes sorgen und kontrollieren, dass alle Fenster gut verschlossen sind.

Solch nächtliche Ungewitter verlangten Maurits Naeßl-Doms in seiner Kindheit die eine oder andere Mutprobe ab, wenn er abends, um vom Essenssalon zu den weiteren Wohnbereichen zu gelangen, alleine durch einen dunklen Gang gehen musste und dabei von der Angst heimgesucht wurde. Um der Furcht entgegenzuwirken, hörte der Junge laut Hörspiele von einem tragbaren Kassettenrekorder, während er durch die Burg wanderte. Als Maurits von diesen Erlebnissen erzählt, schmunzelt seine Mutter: "Erinnerst du dich, Maurits, wie du denselben Gang tagsüber immer mit dem Kettcar oder den Inlinern entlanggefahren bist?" Unterhalb dieses Gangs feiert bei Betriebsfesten im Kerzenschein die Belegschaft, im Mittelalter spielte hier das gesellschaftliche Leben: Im Palas der Meersburg aß, trank, musizierte und tanzte der Burgherr gemeinsam mit seinen Rittern und den Burgfräulein bei Festen. Damit Interessierte und Burgbegeisterte die mittelalterliche Atmosphäre heute nachfühlen können, veranstaltet das Unternehmen regelmäßig die Aktion "Belebte Burg", bei der um die 30 Leute ein Wochenende lang das mittelalterliche Leben auf der Burg nachstellen und dabei von den Besuchern beobachtet werden. Neben dieser Attraktion und den Führungen veranstaltet Julia Naeßl-Doms außerdem Autorenrunden sowie die Annette-von-Droste-Hülshoff-Literaturtage.

Doch die Haupteinnahmequelle des Burgunternehmens stellen die Eintrittsgelder des Museums dar. Weitere finanzielle Stützen sind auch einige Immobilien in der Stadt, die Maurits' Vater erworben hat. Julia Naeßl-Doms leitet als aktuelle Burgherrin das Unternehmen. Maurits Naeßl-Doms selbst hat unter anderem die Website der Meersburg programmiert und die Installierung des neuen Computersystems begleitet, das Verwaltungszwecken dient. Mit einem Lächeln sagt er: "Ich war schon immer der Techniker in der Familie."

Seinem Vater war und seiner Mutter ist es wichtig, dass ihre Kinder sich beruflich frei orientieren können. Auch wenn sich hinter der Meersburg eine jahrhundertelange Tradition befindet, vermittelten die Eltern Maurits und seiner älteren Schwester nie die Pflicht, die Burg weiterführen zu müssen. Nach dem plötzlichen Tod des Burgherrn stellte sich unerwartet die Frage nach der Zukunft der Burg und ihrer Leitung. Maurits will aber erst sein Studium abschließen und ist froh um seine Mutter, die die Burg und die Geschäfte als Burgherrin leitet. Denn die Meersburg betrachtet Maurits Naeßl-Doms als sein Zuhause. Bei einer Weltreise nach seinem Abitur fühlte er die starke Verbundenheit zur Burg und auch zum Bodensee: "Ich bin ein Seekind, und wir Seekinder kehren alle irgendwann wieder zum Bodensee zurück."

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2019, Nr. 83, S. 30 - Julian Burmeister

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