Ich lebe von Zielen. Nichts zu tun wäre für mich nur eine Bestrafung", bekennt der Mann, der daran mitgewirkt hat, dass das Skateboarden in Deutschland und dann weltweit bekannt wurde: Titus Dittmann. In den siebziger Jahren galt Skateboarden als gefährlich und sinnlos, bestenfalls stempelte man die Skateboards als Kinderspielzeug ab. Die Bundesregierung überlegte 1977 sogar, Skateboarden gesetzlich verbieten zu lassen. Darüber informierte die Tagesschau und warnte vor den "gefährlichen Rollbrettern". Titus teilte die gesellschaftliche Abneigung gegen Skateboarden. "Ich wurde wie alle von den Zeitungen und anderen Medien manipuliert. Man kannte ja nur diese eine Meinung", erinnert sich der 70-Jährige. Er sitzt an einem Tisch in seinem Büro in Münster. Die Glaswand zu seiner Linken bietet Ausblick auf den Bach Werse, der am Haus vorbeifließt.
Damals studierte der ehemalige Hochleistungsturner an der Münsteraner Universität Sport und Geographie auf Lehramt. "Auch wenn Mathe und Physik mir in der Schule immer am leichtesten fielen", räumt er ein. "Doch ich habe mir überlegt, als Lehrer bekommt man immer das gleiche Gehalt, egal was man unterrichtet. Und darum wollte ich lieber etwas nehmen, bei dem ich mit den Schülern Exkursionen machen konnte, anstatt immer in den Klassenräumen hocken zu müssen." Nebenbei habe er viel Sport betrieben, vor allem solchen, der mit Geräten zu tun hatte, wie Windsurfen, Snowboardfahren und Drachenfliegen. Zum Skateboarden fand er mit 29 Jahren, kurz vor seinem ersten Staatsexamen. "Ich bin auf einem Spaziergang an einer Gruppe Jungs vorbeigekommen, die am Aaseehügel in Münster geskatet ist", blickt der Vater eines Sohnes zurück, seine Augen strahlen hinter den Gläsern der grauen Brille. "Und da habe ich mit meinen pädagogischen Antennen sofort wahrgenommen, Mann, da fasziniert die etwas total. Denn obwohl das 13-jährige Rotzlöffel waren, wollten sie offenbar vom Lernen nicht die Schnauze vollbekommen, was für dieses Alter sehr untypisch ist. Doch diese Jungs da konnten es kaum erwarten, dass wieder ein Skateboard frei wurde, damit sie weiter üben durften."
Dem "Vater der deutschen Skateboard-Szene" kam blitzartig der Einfall, die Sportart in seinen Unterricht zu integrieren. "Ich dachte mir, da muss ich bloß so ein Board in die Mitte schmeißen, und schon stürzen sich alle Schüler darauf und machen begeistert mit. Dem Problem, dass immer ein Teil von ihnen unmotiviert ist, würde ich so nicht begegnen." Der vom Wellenreiten kommende Sport, einst als "Asphaltsurfen" bekannt, begeisterte nicht nur die Kinder. Der Pädagoge übte ebenfalls. Anfangs stand er kopfüber auf dem Brett. "Als früherer Turner lief ich eben auf Händen genauso gut wie auf Füßen. Aber da meine Hände das Brett sicherer umfassen konnten, war es für mich einfacher, im Handstand zu fahren." Bei den Jugendlichen Skatern war er schnell beliebt. "Denn ich war der einzige Erwachsene, der das tat. Skateboarden ist eigentlich erwachsenenuntauglich. Man muss als Kind damit angefangen haben, um die erforderliche Feinmotorik zu erlernen. Das ist zeitaufwendig, nur in jungen Jahren kann man es sich leisten, acht Stunden täglich in so etwas zu investieren." Er wurde zum Ansprechpartner, zum Verantwortlichen in Sachen Skateboarden. In der Schule, an der er sein Referendariat machte, gründete er eine AG. Von manchen Eltern wurde ihm deswegen vorgehalten, unverantwortlich zu handeln und etwas Lebensgefährliches zu tun. Dennoch verbreitete sich die Begeisterung für das Projekt immer schneller, so dass 1980 der von ihm gegründete Titus-Cup Interessierte des Rollsports anzog, wodurch die offizielle deutsche Meisterschaft keine Besucher mehr hatte. Man einigte sich, von nun an das Skateboard-Event von Titus zur offiziellen deutschen Meisterschaft zu machen.
"Skateboarden ist ein kreativer Sport. Neben den Disziplinen Hoch- und Weitsprung, Freestyle und Slalom habe ich zusätzlich die Halfpipe eingeführt", sagt der Unternehmer. "Diese kommt aus Kalifornien. Im Sommer davor war es dort so heiß gewesen, dass alle Swimmingpools hatten trocken bleiben müssen. Aber da sie rund geformt sind, sind immer wieder Jugendliche in die Gärten geschlichen, um in ihnen zu fahren."
Er gründete weitere Skateboard-Gruppen. 1979 baute er in Münster einen Skatepark und kaufte sämtliche in der Nähe auffindbaren Vorräte an Skateboards und Zubehör, die er in seinen Gruppen benutzte oder unter der Marke "Titus" weitervermarktete. Aus dieser wurde später die Titus GmbH, die sich 2008 bei ihrem 30-jährigen Jubiläum europaweit an der Spitze des Handels von Skateboards und Streetwear befand. Außerdem gründete er das "Monster-Skateboard-Magazin". Diese Dinge nahmen den Geographen derart in Anspruch, dass er 1984 seine Stelle als Studienrat kündigte. "Obwohl ich wahnsinnig gerne Lehrer war. Mit den Schülern hat es mir viel Spaß gemacht, das Einzige, was störte, war das ,Korsett Schule'", erzählt der Mann mit dem blauen Beanie. "Aber schlussendlich bin ich das ja auch geblieben. An die Anzahl der Schüler kamen eben nur ein paar Nullen dran. Statt 20 waren es nun 20 000 und zweitweise sogar Millionen."
Im Jahre 2009 gründete er die Titus-Dittmann-Stiftung, die den Verein "skate-aid" unterstützt. Dieser fördert weltweit Skateboard Projekte mit Kindern, aktuell zum Beispiel in Palästina, Kenia, Tansania und Südafrika. "Diese Projekte sind Auslöser einer positiven Spirale. Das Selbstbewusstsein der Kinder, die oft vorher hoffnungslos waren, stärkt sich dadurch, dass sie selbstgesteckte Ziele erreichen. Wenn sie das erste Mal sicher über die Bahn fahren, haben sie das Gefühl, sie könnten fliegen", sagt der Jugendlobbyist. "Und dadurch werden aus ihnen starke Menschen, die Selbstvertrauen haben und in ihren eigenen Ländern wieder etwas aufbauen möchten, die wieder anfangen, über eigene Werte nachzudenken."
Heute besteht der Großteil seiner Arbeit daraus, Spenden für "skate-aid" zu sammeln. "Durch meine Popularität kenne ich viele reiche Säcke, die gerne etwas Gutes tun möchten. Denen erkläre ich dann, was wir machen und wie sie helfen können." Außerdem unterrichtet Dittmann an der Universität Münster Skaten. Er sei schon immer hyperaktiv unterwegs gewesen, das müsse auch so bleiben.