Computer für die Medis

Ich mag die Spätschicht lieber, ich bin kein Morgenmensch", lacht Loris Lischetti und richtet seine Brille. Um 14.30 Uhr beginnt heute sein Arbeitstag. Im Spital Linth in Uznach im Kanton Sankt Gallen ist Schichtwechsel. Mit dem Lift geht es in den vierten Stock. An den Wänden hängen Gemälde, der Boden ist in Gelb gehalten. Die Geriatrie wirkt ruhig an diesem Samstagnachmittag.

Nachdem Lischetti seine beiden Teamkollegen begrüßt hat, geht der großgewachsene 19-Jährige ins Stationszimmer, das mit einer Küche und seinem Büro verbunden ist und die Medikamentenreserve beherbergt. Wie alle Pflegekräfte trägt er weiße Arbeitskleidung und Turnschuhe. Mit seinem Kollegen richtet er die Medikamente her. Auf seinem fahrbaren Computer sind die Daten gespeichert, die besagen, welcher Patient welche Medikamente erhalten soll. Die Tabletten kommen in einen blauen Behälter, diejenigen, die nicht trocken eingenommen werden können, werden mit einem bunten Becher geliefert. Die Farbe steht für die Tageszeit, wann die Tablette geschluckt werden muss. "Natürlich besteht die Gefahr, dass ich die Medikamente vertauschen könnte. Damit mir das nicht passiert, nehme ich immer den Computer mit und kontrolliere nochmals, bevor ich die Medis verteile. Das ist zeitaufwendiger, dafür sorgfältig." Danach werden die Patienten "übergeben": Die Pflegenden der Frühschicht erzählen, wie sich die Patienten verhalten haben und worauf Loris achten sollte.

Während seiner Lehrzeit, die er vor fünf Monaten abgeschlossen hat, war er nur einer von drei Jungen in der Klasse. "Mein Onkel hat mir gesagt, dass ich gut mit Menschen umgehen kann, danach habe ich eine Schnupperlehre hier im Spital gemacht und gleich die Lehrstelle bekommen. Auf jeden Fall hatte er recht, der Kontakt mit Menschen gefällt mir sehr gut. Auch die Verantwortung, die ich übernehmen darf." Dies merkt man, sobald der gebürtige Tessiner ins Zimmer tritt: "Guten Abend Madame, wie geht es uns heute? Haben Sie Schmerzen?"

Im Verlauf des Nachmittags besucht er jeden seiner neun Patienten, wechselt Pflaster, macht Ordnung in den Zimmern, verteilt die Medikamente. Sobald die Patienten versorgt sind, schreibt Loris auf seinem Computer einen kurzen Bericht, wie es dem Patienten geht. Diese Informationen werden am Schluss der Nachtschicht weitergegeben. Manchmal scherzt er locker, manchmal kommt er etwas angespannt auf den Flur. "Vor dem Zimmer darf man seine Emotionen zeigen, aber sobald man bei den Patienten ist, darf man sich nichts anmerken lassen." Auch wenn man kein Verständnis für ein Verhalten habe, dürfe man dies den Patienten auf keinen Fall zeigen. "Es gibt leider immer wieder Fälle, in denen ich lieber nicht arbeiten würde. Einmal hatte ich eine Patientin, die irgendwie das ganze Zimmer und sich selbst verdreckt hat. Meine Aufgabe war es dann, alles wieder zu putzen und aufzuräumen. Später kann man glücklicherweise darüber lachen."

Als die roten Leuchtziffern im Stationszimmer 17.30 Uhr anzeigen, wird das Abendessen verteilt. Es gibt Spätzleauflauf mit Käse überbacken. Zusammen mit der Pflegehilfe verteilt Loris die Tablars und gießt je nach Wunsch die Sauce über den Salat oder schenkt Kaffee ein. Die Spätschicht dauert bis 23 Uhr, es läuft relativ ruhig ab. Aber gleich nachdem Loris sich, eine halbe Stunde nach dem Verteilen, zum Abendessen hingesetzt hat, beginnt es auf der Station wie wild zu klingeln. "Es ist immer das Gleiche. Sobald man selber essen will, beginnt es zu klingeln", scherzt der dunkelblonde Mann und eilt, um einem Patienten nach dem anderen zu helfen, auf die Toilette zu gehen. Mit ruhiger Hand führt er sie und hilft ihnen, sich bettfertig zu machen.

Um 20 Uhr wird es wieder ruhiger. Kurze Zeit später klingelt es noch einmal. Die Patientin verspürt Schmerzen in der Herzregion. Loris holt das EKG-Gerät, lässt ein EKG schreiben, und misst ihren Blutzucker. Der zuständige Arzt wird bei der nächsten Visite das EKG lesen und die Patientin entsprechend versorgen. "Um diese Zeit sitzen wir meistens nur noch am Computer und schreiben wie der Tag verlaufen ist. Eigentlich nicht so spannend, aber man weiß ja nie", schmunzelt Loris Lischetti und putzt seine Brille.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2019, Nr. 99, S. 26 - Melinda Attinger

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