Oft reichen Zuhören und Nachfragen

Sobald ein Anrufender Suizidgedanken oder -vorhaben erwähnt und seinen Standort angibt oder seine Identität aufgibt, sind wir verpflichtet, der Polizei Bescheid zu geben", sagt Susanne Reichert. Doch wenn die Person am Ende der Leitung nichts über sich selbst preisgibt, müssen die Telefonseelsorger das akzeptieren. "Deshalb können wir nie wissen, wie es mit den Anrufenden nach dem Gespräch weitergeht. Auch ob das Telefonat hilfreich und sinnvoll war, bleibt meist ein Geheimnis."

Wenn Susanne Reichert Nachtschicht hat und in ihrem geräumigen Büro in der Dresdner Zentrale der Telefonseelsorge auf dem orangefarbenen Sofa sitzt, kann sie nur so lange den Blick in die Nacht durch das Dachfenster genießen, bis das Telefon wieder klingelt. Wenn sie den Hörer abnimmt, weiß sie nicht, wer sie erwartet. Die 1956 in Berlin gegründete deutsche Telefonseelsorge ist anonym, kostenfrei, "24/7" erreichbar und kann bei allen möglichen Problemen kontaktiert werden. Die Endvierzigerin und die 70 Kollegen der Zentrale können nur schätzen, wie alt ihre Gesprächspartner sind. Statistiken zufolge sei die Mehrheit im Alter von 40 bis 60, doch auch Kinder rufen an. Über die Hälfte der Kontaktsuchenden sind weiblich. Die katholische und evangelische Kirche tragen die bundesweite Organisation und verhelfen Ratsuchenden durch Gespräche mit ehrenamtlichen, professionell ausgebildeten Seelsorgern zu einer neuen Perspektive.

Der Grund für einen Gesprächswunsch kann ganz unterschiedlich sein. "Meistens sind Einsamkeit, Krankheiten, eine depressive Stimmung oder Probleme in Beziehungen der Auslöser für eine Kontaktsuche. Damit meine ich nicht nur Partnerschaftsbeziehungen, sondern auch familiäre Probleme mit Verwandten und schwierige Alltagsbeziehungen wie die von Arbeitskollegen und Nachbarn können durch verschiedene Umstände belastend werden." Ab und zu seien Sexualität und Suizid auch Themen, die angesprochen werden, allerdings nicht so häufig, erklärt Reichert.

Außer der Schweigepflicht gibt es noch weitere Regeln über die Arbeitsweise und das Verhalten der Mitarbeiter, die alle in einem Handbuch vermerkt sind. Abgesehen davon müssen sich die Ehrenamtlichen einer einjährigen Ausbildung unterziehen und nehmen danach an verschiedenen Fortbildungen teil. Susanne Reichert ist hauptamtlich bei der Telefonseelsorge beschäftigt und leitet solche Fortbildungen. Interessenten benötigen Belastbarkeit, Einfühlungsvermögen und Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit. "Einmal im Monat treffen sich alle aus der Zentrale und sprechen über unsere Erfahrungen, können Meinungen teilen und Fragen diskutieren und klären", sagt Reichert und gesteht: "Denn auch wir als Zuhörer können bei solchen Gesprächen gerührt werden. Vor allem, wenn wir selbst schon einmal Erfahrungen gemacht haben, die der Geschichte des Anrufenden ähneln."

Oft reicht es schon, mit offenem Ohr zuzuhören, zu verstehen und an passenden Stellen nachzufragen. So kann die Sicht des Hilfesuchenden auf seine unglückliche Situation von einer anderen Perspektive beleuchtet werden und verhilft eventuell zu einer Meinungsänderung. Dabei sieht sich Reichert nicht als Lebensberatung oder Therapeuten. Ziel ist, den Anrufenden zu einer eigenen Erkenntnis zu führen und seine Gedanken und Gefühle zu sortieren. "Da wir ja keinen persönlichen Bezug zu den redebedürftigen Menschen haben, können wir ganz unvoreingenommen und sachlich mit ihnen sprechen", erklärt Reichert mit ihrer angenehmen Stimme. Oft stellt sich heraus, dass hinter dem Problem etwas viel Tieferes liegt, was sich in dem Gespräch erst herauskristallisiert. Bei einigen muss sie die Unterhaltung abbrechen, wenn der Anrufende beispielsweise aggressiv wird oder sogar Drohungen ausspricht. "Das passiert meistens dann, wenn die Leute nicht nur persönliche Probleme haben, sondern mit der Welt an sich, der Politik oder anderen unzufrieden sind.".

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2019, Nr. 110, S. 30 - Hanna Kazmirowski

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