Mit Hilfe von Oct-4 können Körperzellen so umgewandelt werden, dass sie von embryonalen Stammzellen kaum zu unterscheiden sind. Diese werden induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) genannt und können wie diese alle Zellen des Körpers bilden. Von den Oct-Proteinen, die an einer bestimmten DNA-Sequenz von acht Basenpaaren binden, waren 1988 erst zwei bekannt. Hans Robert Schöler entdeckte damals acht weitere, die er mit Oct-3 bis Oct-10 durchnumerierte. Oct-4 fand er am spannendsten, denn dieses wird spezifisch in der Keimbahn und in embryonalen Stammzellen gebildet und ist, wie sich später herausstellte, tatsächlich für die Fortpflanzung erforderlich.
Heute ist Schöler Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster. Sein Büro im zweiten Stockwerk ist lichtdurchflutet, auf dem Schreibtisch stehen Topfpflanzen. Vom Flur erklingen die Stimmen seiner Kollegen. "Die Forscher auf dieser Etage, also in dieser Abteilung Zell- und Entwicklungsbiologie, kommen aus 15 unterschiedlichen Nationen", erklärt der 66-Jährige, "zum Beispiel aus den Niederlanden, der Ukraine oder Israel".
Ein Hauptziel ihrer Arbeiten sei es, Medikamente gegen neurodegenerative Erkrankungen zu finden. Durch Organoide, also organähnliche im Labor hergestellte Strukturen, die Tierversuche zukünftig drastisch reduzieren können, wolle man herausfinden, wie Krankheiten, wie zum Beispiel Amyotrophe Lateralsklerose, eine Muskelerkrankung, oder Parkinson geheilt werden könnten. Dabei seien iPS-Zellen hilfreich, da sich Organoide aus ihnen ableiten lassen. "iPS-Zellen können seit dem Jahr 2006 aus Körperzellen abgeleitet werden und haben die sehr intensive Diskussion beruhigt, weil sie die ethischen Probleme umgehen, die mit dem Einsatz von embryonalen Stammzellen verbunden sind", erklärt er. "Außerdem bieten sie der Forschung hervorragende Möglichkeiten. So kann man sie von Patienten ableiten, deren Krankheitsverlauf bekannt ist. Die iPS-Zellen und die Organoide enthalten somit die Erbveränderungen des jeweiligen Patienten."
Als er an der University of Pennsylvania unterrichtete, konzentrierte er sich besonders auf die embryonalen Stammzellen. Zusammen mit seinem Team gelang es ihm, aus denen der Maus Eizellen werden zu lassen. "In den USA war das Interesse dafür um die Jahrtausendwende viel größer als in Deutschland." Fünf Jahre lebten der Forscher und seine Frau damals mit ihren beiden Söhnen in den Vereinigten Staaten. Für ihn sei die Umstellung kein Problem gewesen, denn forschen könne er grundsätzlich überall. Seine Frau hingegen musste dort noch ein Kurzstudium machen, um ihrer Tätigkeit als Anwältin nachgehen zu können.
Der ältere Sohn besuchte die High School und blieb bis zum Ende seines Bachelorstudiums der Biotechnologie in den Staaten. Seinem jüngeren Sohn sei der Umzug etwas schwerer gefallen. "Er ging noch zur Grundschule und konnte kein Englisch. Aber nach einem halben Jahr hatte er sich umgewöhnt. Als wir 2004 zurück nach Deutschland zogen, war er traurig darüber."
Auch Schöler lebte als Kind auf verschiedenen Kontinenten: Er wurde in Toronto geboren, besitzt die kanadische Staatsbürgerschaft und zog mit sieben Jahren mit seiner Familie nach Deutschland. "Die deutsche Sprache musste ich damals erst noch lernen und wurde in meiner Grundschule in Paderborn gehänselt, weil ich die Umlaute falsch aussprach. Das R konnte ich nur so komisch rollen, darum habe ich es bald ganz weggelassen." Schon damals interessierte er sich für Biologie. "Das Buch ,Tanz der Bienen' von Karl von Frisch fand ich sehr spannend, mein Großvater hat es mir geschenkt, wie so manches andere Buch mit wissenschaftlichem Inhalt." Nach Abitur und Bundeswehr begann er sein Biologiestudium in Heidelberg, um Forscher zu werden. Besonders die Molekularbiologie sprach ihn an. "Ich wollte nicht nur sehen, sondern auch verstehen, wie sich eine Eizelle bis zum Organismus entwickelt. Dabei habe ich mich erst auf Insekten und später auf Mäuse konzentriert", berichtet der hochgewachsene Mann im blauen Hemd und grauer Strickjacke. Er arbeitete an mehreren Forschungsinstituten in verschiedenen deutschen Städten, promovierte und wurde 1994 Professor für Molekularbiologie. Seine jetzigen Forschungsarbeiten wird er wohl in drei Jahren einstellen müssen. "Ich habe sogar schon einen Rentenausweis. Bis ich fast 69 bin, darf ich hier jedoch noch als Max-Planck-Direktor tätig sein." Er betreut auch ein Max-Planck-Zentrum in China und unterrichtet hin und wieder an seiner ehemaligen Universität in Pennsylvania.
In Südkorea gibt es das "Hans Schöler Stem Cell Research Center", dem er hin und wieder Besuche abstattet. Die Beziehung besteht schon lange. Schon früher habe er viel mit Koreanern zusammengearbeitet. Als er an der University of Pennsylvania tätig war, half er einmal einem Koreaner, dem seiner Meinung nach zu Unrecht spontan und fristlos gekündigt worden war. Er ließ ihn bei sich arbeiten. "Das hat er mir bis heute nicht vergessen. Da die Koreaner ein ausgezeichnetes Netzwerk untereinander haben, sprach sich das schnell herum. So bewarb sich so manch exzellenter Absolvent koreanischer Unis bei mir."
2006 befand sich das Land in einer Krise, denn es stellte sich heraus, dass der vielversprechende Klonforscher Hwang Woo-suk seine Forschungsergebnisse gefälscht hatte und es ihm entgegen seinen Behauptungen nicht gelungen war, einen menschlichen Embryo zu klonen. "Die Koreaner wünschten sich nämlich sehr, auch einmal den Nobelpreis zu gewinnen, und hatten große Hoffnungen in Hwang gesetzt." Diesen Vorfall kommentierte auch Schöler in den koreanischen Medien. "Ich machte darauf aufmerksam, dass es in Südkorea noch viele andere exzellente Wissenschaftler gebe, und versuchte, dadurch Hoffnung zu erwecken." So wurde der Deutsche Namensgeber des Stammzelleninstitutes in Ulsan. Auch privat sei er ein großer Fan von Südkorea und auch Japan, denn beide Länder hätten wunderbare Kulturen, und die Menschen seien ausgesprochen nett. "Leider beherrsche ich nur keine der beiden Sprachen, deswegen bin ich froh, dass mein jüngerer Sohn Japanologie studiert. Er hilft mir, zum Beispiel wenn wir demnächst in Japan wandern gehen."