Auf dem Haltestellenmast der Berliner Verkehrsbetriebe spiegelt sich das Sonnenlicht. Eine große Weide lässt ihre Blätter neben dem Wasser der Müggelspree hängen. Auffällig viele Menschen stehen vor einem kleinen Steg. An der Fassade eines großen Hauses kündigt ein gelbes Plakat mit einem gezeichneten Fisch im Hintergrund an: "1. Mai, Saisonbeginn der Ruderfähre Rahnsdorf - Müggelheim". Paule III legt gerade ab. Das blau-rote Ruderboot fährt schon seit langer Zeit auf der Müggelspree und ist an seinem montierten Schild mit dem Buchstaben "F" zu erkennen, dem Zeichen für Personenfähren.
"War'n geiler Start auf jeden Fall!" Paule zum anderen Ufer zu bringen, das ist die Aufgabe von Marcel Franke. Mit seiner schwarzen Sonnenbrille und einem "Weiße Flotte Stralsund"-Polohemd setzt er die 36 Meter hinüber. Er schaut auf die Ausflügler, die in seinem Ruderboot sitzen. "Unsinkbar, wie die Titanic", sei es. Dies und anderes Seemannsgarn erzählt der 26-Jährige den Passagieren. Es wackelt beim Einsteigen und bremst abrupt, wenn Franke sich schnell aus dem Kahn hinauszieht, um seinen Fuß gegen den Pfosten des Steges zu bringen, damit das Boot hält. Schließlich bindet der junge Mann einen Knoten mit braunem Tau und beginnt sorgfältig die Fahrräder aus dem Boot zu heben. Nun winkt er andere hinein. Jeder Schritt, jeder Ruderschlag sitzt. Es dauert sechs bis sieben kräftige Armbewegungen, bis die Fähre auf der jeweils anderen Seite ist.
Der 1993 gebaute Paule bringt Ausflügler vom historischen Rahnsdorfer Ortskern schnell in den Ortsteil Müggelheim mit den angrenzenden Naturschutzgebieten. So entfällt ein Umweg von rund acht Kilometern. Eine Überfahrt kostet 1,70 Euro. Bei großem Andrang sollte man sich auf Wartezeiten einstellen, es passen nur acht Personen in das Boot der Linie 24. Meist ist Franke die achte Person, wenn er nicht von Kollegen vertreten wird. "Wenn alle anderen am Strand liegen, ist man arbeiten. Das ist halt so." Dicht beieinander setzen müssen sich die Fahrgäste in dem Boot am Ende doch, um ihm genügend Platz für seine Ruder zu überlassen.
"Traumjob. Kann ich jedem nur empfehlen", sagt Franke, aber er erklärt auch: "Tatsächlich hatte ich nie einen Berufswunsch." Sein Beruf wird Schiffsführer genannt. Es gibt für den Ausbildungsberuf zwei Schifffahrtsschulen in Deutschland: in Schönebeck bei Magdeburg und in Duisburg. Beim Paddeln mit seinem Vater kam dem jungen Franke ein großes Boot entgegen, die wirkliche Lust auf den Beruf entwickelte sich mehr während der Ausbildung. Zu Beginn bekommt jeder ein Schifffahrtsbuch, in das jeweilige Fahrzeiten und Dienstränge eingetragen werden. Am Anfang ist man der Decksmann, arbeitet im Hafen und misst unter anderem die Wassertiefe. Ausgelernt ist man Bootsmann, der nun schon auf dem Schiff beim Be- und Entladen, An- sowie Ablegen behilflich ist und alles ständig überprüfen muss. Nach dem Sammeln von Erfahrung in 180 Tagen Fahrzeit ist der Rang Steuermann erreicht. Ab einem Alter von 21 Jahren hat man die Möglichkeit nun das Schiffsführerpatent zu erlangen. Wer als Kapitän die Meere befahren möchte, der muss acht Semester studiert und eine einjährige Seefahrtzeit gemeistert haben. Franke ist bereits angekommen, wohin er wollte, beim Schiffsführer. "Ich will nichts anderes mehr machen."
Am gegenüberliegenden Flussufer befindet sich die andere Endhaltestelle der Fähre. Dort steht das kleine Bootshaus der F24. Hier kann Franke in Ruhe ein Fischbrötchen essen, das er sich am Stand der Müggelsee-Fischerei gegenüber gekauft hat. Im Raum befindet sich ein Schreibtisch, darauf ein schwarzer Kasten, in dem Wechselgeld und Fahrscheine in Reihen geordnet liegen. Rechts neben dem Tisch steht ein hölzernes Paddel, auf dem vier Namen früherer Fährmänner mit Zeiträumen angegeben sind. Beim fünften Namen wurden mit einem Kugelschreiber drei Fragezeichen hinzugefügt. Jemand wie Franke ist lange gesucht worden. Zum Saisonstart im Mai 2018 wurden ihm dann die Ruder übergeben.
Die Linie fährt seit 1911. Nach drei ehemaligen Fährmännern wurden Wege benannt, Paul Rahn, der bis 2002 die Fähre betrieb, wurde in Rahnsdorf zuletzt ein Straßenname geschenkt, der Name von Rahnsdorf selbst ist jedoch Zufall. Der Paul-Rahn-Weg liegt nah bei der historischen Fähre. Das derzeitige Boot trägt seinen Spitznamen "Paule".
Auf der Müggelspree sieht man schnell fahrende Motorboote und ein Ausflugsschiff, das Dutzende Touristen befördert. Die Wasserstraße teilt sich einige Meter von Paules Strecke entfernt und schlängelt sich durch die Rahnsdorfer Siedlung Neu-Venedig samt eigener Rialtobrücke und vielen Kanälen. "Ich muss alles versuchen, um jeder Kollision aus dem Weg zu gehen." Viele nehmen Paule nicht als offizielles Verkehrsmittel wahr, und so muss der Fährmann auch schon mal lautstark auf sich aufmerksam machen, um nicht mit anderen zusammenzustoßen.
Obwohl die F24 die einzige Ruderbootfähre im Linienbetrieb in Deutschland ist, wurde sie schon einmal abgeschafft. Die hohen Saisonkosten von rund 20 000 Euro waren Anlass dafür, dass 2014 Pause war, der damalige Senator für Stadtentwicklung Andreas Geisel brachte sie aber mit Hilfe einer Unterschriftenaktion der Rahnsdorfer zurück. Seit Mai 2015 verkehrt die Fähre nur noch an Wochenenden und Feiertagen. "Ob sich die Fähre rentiert, das werden wir sehen." An den Takt hält Franke sich nicht, er schaut, wann Leute am anderen Ufer stehen. Er muss eigentlich nur einmal die Stunde das Boot übersetzen, das dann aber bei jedem Wetter: "Ich kann höchstens absagen, wenn es blitzt oder wahnsinniger Sturm ist."
Wie anstrengend seine Tätigkeit ist, sieht man an Frankes Schweißfilm, wenn er seine Sonnenbrille hochklappt und verschnauft. Er lächelt und dankt Passagieren, wenn sie ihn ans Trinken erinnern. Er arbeitet unter praller Sonne, dafür aber nur acht statt der möglichen zwölf Stunden am Tag. Wochentags fährt er auf anderen Linien mit teils längeren Schichten. Dafür wird in der Binnenschifffahrt gut bezahlt. Der Durchschnitt liegt bei 3300 Euro brutto im Monat. Im Winter hilft er auch mal beim Gerüstbau, weil dann weniger Linien fahren. Faul zu Hause sitzen kommt für Franke nicht infrage. "Man muss immer drauf achten, dass der Körper gesund bleibt."
Viele Menschen säßen zu viel am Computer oder machen wenig Freizeitgestaltung, und, wenn sie mal wegfahren, dann sei es außerhalb von Deutschland. "Ich finde, man muss eher seine Heimat kennen als andere Länder." Die malerische Gegend östlich des Müggelsees mit historischer Fähre und Dorfidylle ist vielen aus dem Westen Berlins kein Begriff. "Die sagen immer, wir wussten gar nicht, dass es so eine schöne Ecke gibt in Berlin."