Anhand von Selfies zeigen sie ihre Änderungswünsche

What are you optimistic about? What questions are you asking yourself?" Diese Fragen springen einem auf dem leuchtenden Bildschirm entgegen, sobald man das Wartezimmer der "Causa Dermis" betritt, die vor zwei Jahren eröffnet wurde. Die Praxis an der Hottingerstrasse 2 in Zürich ist ein Kompetenzzentrum für Dermatologie, Allergologie, ästhetische Medizin und Lasertherapie. "Den Patienten und Patientinnen soll ein stressfreies und ruhiges Ambiente mit Kaffee, Schokolade, Sitzmöglichkeiten und Fragen, die zum Nachdenken anregen, geboten werden", erklärt Eliane Dorschner, die Ärztin und Gesamtleiterin der Praxis. Die sonst so häufige Nervosität, die man verspürt, wenn ein Termin beim Arzt ansteht, rückt in den Hintergrund, sobald man das Bild eines glitzernden High Heels an der Wand, die funkelnden Kronleuchter an der Decke oder den mit Ornamenten verzierten Boden sieht. Zeitschriften und die Bildschirmschriftzüge dienen zur Unterhaltung und Entspannung der Nerven, da es an einem hektischen Arbeitstag auch mal zu Verspätungen kommen kann.

Um acht Uhr früh kommt die erste Patientin für eine Muttermaluntersuchung durch die hochglänzend weiße Tür, wird von einer oder einem der insgesamt acht schwarz gekleideten Angestellten empfangen und in eines der hell erleuchteten Behandlungszimmer geführt. An diesem Morgen stehen neben der Muttermaluntersuchung auch Botox-Termine, Lasertherapien und einfache Sprechstunden an. Die Arbeitstage haben keine klare Struktur, sondern beinhalten von früh bis spätabends all diese unterschiedlichen Bereiche. Nach der ersten 15-minütigen Untersuchung wird sofort der nächste Patient aufgerufen. An besonders hektischen Tagen erfolgen die Termine unmittelbar nacheinander, ohne jegliche Pausen. Eliane Dorschner, die unter ihrem weißen Arztkittel ebenfalls schwarze Kleidung trägt, mag dieses Durcheinander von Terminen, da dies ihrem Arbeitstag das gewisse Etwas verleiht. Am meisten Freude bereiten der Ärztin die strahlenden Augen der behandelten Person, sobald diese beispielsweise nach einer Operation in den Spiegel schaut und die gewünschte Veränderung sofort erkennen kann. Auf die Frage, ob es schwer sei, perfektionistische Kunden zufriedenzustellen, antwortet sie: "Ja, denn das Zeitalter des Selfies ist da. Heutzutage wissen viele ganz genau, welches ihre sogenannte Schokoladenseite ist und welches ihre Macken sind. Ich hatte zum Beispiel vor kurzem eine Patientin, die mir anhand eines Selfies ganz genau zeigte, was sie an ihren Lippen verändern möchte. Oft höre ich dann auch den Spruch, dass es doch bitte möglichst natürlich sein solle." Die schwarzhaarige, dunkeläugige Ärztin muss sich ein Grinsen verkneifen, als sie dies sagt, schließlich weiß jeder und jede, dass weder die Lippen voller noch die Wangenknochen auf natürliche Weise prägnanter werden.

Früher wurde vieles im Bereich der ästhetischen Medizin einfach ausprobiert, aber jetzt sind etliche Ärzte und Ärztinnen an einem Punkt angelangt, wo sie nur das anbieten wollen, was erstens wirklich eine Veränderung aufzeigt und zweitens vertretbar ist. "Ich würde niemals etwas anbieten, was ich nicht an mir selbst machen lassen würde", erläutert die Ärztin, die auch schon selbst Laserbehandlungen und Botox-Eingriffe hat machen lassen. Gerade in der heutigen Zeit sei das so wichtig, weil die Leute immer früher dazu bereit seien, etwas Ästhetisches zu verändern, und dementsprechend die Patienten und Patientinnen immer jünger würden. "Wenn vor ein paar Jahren ein 20-Jähriger in meine Praxis spaziert wäre, der einen Botox-Eingriff gewollt hätte, hätte ich gesagt, er solle wieder nach Hause gehen", kommentiert die Ärztin diese Tatsache. "Auch ich muss mich auf Veränderungen einlassen und sollte diese nicht allzu oft hinterfragen", sagt sie, als ihr Blick zu den leuchtenden Buchstaben an der gegenüberliegenden Wand schweift, die die Worte "why not" bilden. Das Faszinierende an ihrem Beruf sind ihrer Meinung nach aber nicht all die neuen Möglichkeiten, sondern die sofortige Blickdiagnose, die nicht nur bei der Arbeit stattfindet, sondern auch in ihrer Freizeit, wenn sie in der Stadt herumläuft und die vorbeigehenden Menschen beobachtet. "Ein Patient betritt mit einem Hautausschlag den Behandlungsraum, und ich weiß häufig schon, was zu tun ist. Es sind keine Tests notwendig, wie das bei einem Kardiologen der Fall ist", erläutert die 46-Jährige mit einem Lächeln. Es braucht zum Beispiel nur eine bestimmte Creme, um den Ausschlag zu lindern, und ein paar Tage oder Wochen später ist das Problem komplett beseitigt. Die Praxis unmittelbar neben dem Schauspielhaus in Zürich mag durch die moderne und stilbetonte Einrichtung auf manche wie eine Beautyklinik wirken, doch laut Eliane Dorschner lässt sich auch hin und wieder der eine oder andere Patient die Chance nicht entgehen, auf einen Kaffee vorbeizukommen und den Ausblick auf die Stadt zu genießen. Obwohl die Frage auftaucht, wie sie dies bei ihrem strengen Zeitplan und keinen Pausen überhaupt bemerke, laden die gepolsterten Sessel durchaus dazu ein, sich kurz hinzusetzen, einen Tee oder Kaffee zu trinken und einfach den Geräuschen des Stadtzentrums zu lauschen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2019, Nr. 138, S. 26 - Nina van der Ploeg

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