Was Augen zum Leuchten bringt

Mit den richtigen Farben unmittelbar unter dem Gesicht kommen die Augen zum Leuchten, oder die Haut erscheint ebenmäßiger", sagt Aga Sesterhenn, die sich Farbberaterin nennt und ihre Farbberatung aus therapeutischen Gründen vor allem für psychisch kranke Menschen einsetzt. Mit ihren Methoden versucht die Ergotherapeutin, das Selbstbewusstsein und die Selbstwahrnehmung vieler depressiver und suchtkranker Patienten zu stärken, da Farbberatung besonders dem inneren Wohlbefinden diene.

Sie berichtet hauptsächlich von depressiven Patientinnen, die kaum Selbstwertgefühl haben und beim Betrachten im Spiegel erst einmal anfangen zu weinen, weil sie ihr eigenes Spiegelbild nicht ertragen können, wie eine Patientin, die sich hinter Kapuzen und schwarzen, tristen Klamotten versteckt habe und erst beim dritten Versuch vor dem Spiegel sitzen geblieben sei und sich anschauen konnte. "Der Anfang ist etwas schwierig, doch mit viel Ruhe, Zeit und Einfühlungsvermögen schaffen wir es, die eigenen Vorzüge der Patienten zu entdecken", sagt Aga Sesterhenn.

Die Idee, eine Weiterbildung zur Farbberaterin zu machen, entstand an ihrem Arbeitsplatz in der psychiatrischen Klinik in Gerolstein, wo sie seit sechzehn Jahren hauptberuflich als Ergotherapeutin arbeitet. "Wir arbeiten ja sowieso schon immer viel mit Farben, mit Bildern und mit verschiedenen Materialien. Und irgendwann haben mich Patientinnen gefragt: Wie schminkt man sich eigentlich richtig? Und wieso steht Ihnen die Farbe so gut?" Nach diesen Fragen merkte Aga Sesterhenn dann, dass ihre Patienten auch äußerlich eine Veränderung brauchen und wollen.

"Für jeden Farbtypen gibt es bestimmte Farben in der Oberbekleidung, und wenn die gut an einem harmonieren, zum Gesicht, zu den Augen, zu der Haarfarbe, dann hat man den Farbtypen bestimmt", erläutert die Frau aus Kaisersesch, während sie einen Stapel lauter bunter Farbpässe, die praktisch ins Portemonnaie passen, präsentiert. Jede Karte stellt einen eigenen Farbtypen mit 44 Farben dar, wobei es sechs verschiedene Typen gibt: Frühling, Sommer, Herbst, Winter, Frühling-Herbst und Sommer-Winter. Starkes Augenweiß, dunkle Iris und dunkle Haare zeichnen beispielsweise einen Wintertypen aus, der dann stärker pigmentierte Farben gut tragen kann.

Um herauszufinden, welche Farben zu einer Person passen, legt Aga Sesterhenn ihren Patienten und Kunden verschiedene Tücher an, um zu sehen, ob ein harmonisches Gesamtbild entsteht. Sie selbst ist ein Sommertyp, erläutert sie, während sie die Farben ihrer karierten Bluse mit denen auf dem Farbpass des Sommertyps abgleicht. Sie beugt dabei gleich einem möglichen Missverständnis vor: "Farbberatung hat nichts mit Mode zu tun. Sie sorgt eher für ein harmonisches und natürliches Gesamtbild."

Auch im Wohnzimmer der 41-Jährigen harmonieren die hellen Pastelltöne an den Wänden und Möbeln mit dem warmen und hellen Licht im Gelbton. Licht ist ebenfalls eine Methode, mit der die Farbberaterin arbeitet, da dieses ebenso Auswirkungen auf das Wohlempfinden haben kann wie die verschiedenen Farben: "Wenn ich in einem Raum bin, wo kaltes Licht ist, habe ich automatisch ein kühleres Gefühl. Dann ist mir automatisch etwas kühler. Das Wohnzimmer sollte daher immer warmes Licht haben, weil Wohnzimmer oft für Behaglichkeit steht."

Da sich im Rahmen ihrer Arbeit mit psychisch kranken Patienten auch immer mehr Kollegen für ihre Farbberatung zu interessieren begannen und die Ergotherapeutin immer mehr Anfragen erhielt, entwickelte sich daraus eine Nebentätigkeit als mobile Farbberaterin, die nach Terminabsprache zu Kundinnen und Kunden nach Hause kommt. Mit einem Citykoffer, der Farbpässe und bunte Tücher beinhaltet, und einem speziell beleuchteten Spiegel begibt sich Aga Sesterhenn dann unter dem Namen "TrueColors" auf den Weg zu ihren Kunden und Kundinnen jeglichen Alters. "Es ist zwar zeitintensiv, doch der Spaß steht immer im Vordergrund", erklärt sie mit vor Begeisterung sprühenden Augen.

Nach den Beratungen erfolgt auf Wunsch ein farbtypgerechtes Make-up, was ihr ebenfalls große Freude bereitet und für die Kunden abschließend einen Aha-Effekt schafft. Die Vorliebe zu Kunst, Farben und kreativer Arbeit spielte schon immer eine große Rolle in Aga Sesterhenns Leben, doch seit sie Farbberaterin ist, hat sich diese noch weiter ausgeprägt. Damit bewahrheitet sich in ihrer Arbeit das, was der Philosoph und Schriftsteller Prentice Mulford, der von 1834 bis 1891 lebte, so formulierte: "Es ist heilsam, sich mit farbigen Dingen zu umgeben. Was das Auge freut, erfrischt den Geist, und was den Geist erfrischt, erfrischt den Körper."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2019, Nr. 138, S. 26 - Annalena Keller

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