Tuchfühlung mit den Kunden

Das bedeutet Arbeit, junge Frau", seufzt Arménio Taruga. Allein mit einer Schuhbürste, einer Schuhcreme und einem Billardtuch bringt der letzte Schuhputzer in Portos Innenstadt Schuhe zum Glänzen. In der Hektik eines Tages voller geschäftiger Touristen, die die Stadt mit großen Stadtplänen durchstreifen, neben Taxis und Sightseeing-Bussen, die am Bordstein geparkt sind, putzt Arménio Taruga die Schuhe seiner Kunden. Die Praça da Liberdade in Porto ist von 9 bis 17 Uhr der Arbeitsplatz für den 59-Jährigen, der seinen Stand neben einem Fastfood-Restaurant hat. Manuel Carvalho, der erste Kunde des Tages, sitzt auf dem Stuhl und hält seinen Fuß auf die metallene Stütze, während der Schuhputzer das Tuch kräftig hin und her bewegt "Der Kunde muss das Tuch an seinem Fuß fühlen", erklärt der Mann mit dem grauen Bart, und hat sein Gesicht nur Millimeter von dem Schuh seines Kunden entfernt, um alle Flecken zu entdecken. Mit der Hintergrundmusik eines Straßenmusikanten sprechen beide über Fußball und die nationale Politik, trotz Arménios Aussage, dass heutzutage die meisten Leute, insbesondere die Touristen, während der zehn Minuten der Arbeit den Mund nicht aufmachen. Nur wenige Touristen setzen sich auf seinen Stuhl, "Heutzutage haben sie alle Turnschuhe!", stellt er lächelnd fest. Der einzige ausländische Kunde des Morgens bezahlt ihn mit einem Fünf-Dollar-Schein. "Das ist mir noch niemals passiert", sagt Arménio, der am Anfang wegen seiner Sehprobleme einen Fünf-Euroschein gesehen hatte.

Die meisten seiner Kunden kommen immer wieder, weil sie in der Nähe arbeiten. Der Anteil der männlichen Kunden ist viel höher als der von Frauen, obwohl "alle willkommen sind". Für 2,50 Euro kann jeder Kunde sich seine Schuhe putzen lassen und gleichzeitig das Stadtzentrum beobachten. "In zehn Minuten habe ich meine Schuhe auf bequeme Art sauber, während ich bei einem Schuster die Schuhe abgeben und dann Stunden warten muss", bekennt Stammkunde Carvalho.

Was Arménio Taruga über Schuhe weiß, hat er von seinem Vater gelernt, der einen Schuhladen besaß. Die kleine Wohnung, in der Arménio, seine drei Schwestern und seine Eltern lebten, befand sich im Obergeschoss des Ladens. Er erinnert sich gern an das Arbeitszimmer seines Vaters, in dem dieser die Schuhe herstellte. Heutzutage gibt es den Schuhladen im Zentrum noch, aber er gehört nicht mehr der Familie. Arménio Taruga hat zwei Kinder, die noch in der Schule sind, aber er will nicht, dass sie sein "Schuherbe" antreten, sondern dass sie ihre eigene Zukunft suchen.

Arméniohat keinen Schulabschluss. Mit 19 Jahren begann er als Schuhputzer auf der Straße zu arbeiten. Im Laufe seines Lebens war er auch Fahrer und Bauarbeiter. "Die Rente reicht nicht für alles, also bin ich wieder Schuhputzer", erklärt er. An manchen Tagen, wenn er Pech hat, verdient er nur 10 Euro und an anderen 20 bis 30 Euro, es hängt von der Anzahl der Kunden ab und vom Trinkgeld, das er gelegentlich bekommt. Jetzt gibt es keine Konkurrenz mehr: Von drei Schuhputzern ist nur einer übriggeblieben. Die anderen fanden Arbeit in Schuhläden, aber Arménio bevorzugt die Straße, dort hat er seine Stammkunden. Er will die Straßen erst verlassen, wenn er keine Kräfte mehr hat.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2019, Nr. 122, S. 30 - Margarida Pedroso

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