Bleibt stehen, ich spiele das Lied für euch!

Helle und leichte, zarte Klänge flattern durch die Luft. Das Wetter ist regnerisch. Unmittelbar neben dem breiten und hohen Kulturpalast inmitten Sofias, aus mehr Stahl bestehend als der Eiffelturm, steht ein Gaidaspieler. Er ist rund 60 Jahre alt und trägt einen schweren Glockengürtel, mit dem er durch Schwingen für Rhythmus sorgt. Seine Wangen und Hände sind faltig. Er hat ungewöhnlich muskulöse Arme, bald wird er sie gebrauchen. Energisch lässt er sein Instrument erklingen, als hänge sein Leben davon ab.

"Ihr alle schmeißt nur da eure verflixten Münzen rein. Bleibt mal stehen und hört zu, ich spiele dieses Lied für euch!", schreit er auf, während die nächsten paar Lewa in seinen Becher fliegen. "Ich habe dir nichts zu verkaufen, das einzige, was ich will, ist, dich zum Träumen zu bringen: Und dabei ist dies das Natürlichste, was ein Mensch tun kann, erinnerst du dich nicht?"

Auf seine CDs zeigt er, die er verkauft. "Siehst du meinen Namen? Mein Name ist Peter. Zu bedauern ist es, wenn ein Land seine wirtschaftliche Unabhängigkeit verliert. Umso bedauerlicher ist es, wenn ein Volk seine Freiheit verliert. Doch unverzeihlich wäre es, wenn eine Nation ihre Lieder vergessen würde."

Die ersten Regentropfen beginnen vom Himmel zu fallen, doch sie halten ihn nicht auf. "Es besteht kein Zweifel, es gibt eine unsichtbare Welt", fordert er auf, die Augen zu schließen und sich vorzustellen, wieder ein vier Jahre altes Kind zu sein. Die Falten auf seinen Wangen verschwinden magisch, als er in sein Instrument pustet. Ein Volkslied aus den Rhodopen erklingt, eines der vielen bulgarischen Lieder aus der Region, die auf der ganzen Halbinsel dafür bekannt ist. Energisch und gleichzeitig fein und präzise klingt sein Instrument. Es ähnelt einer Sackpfeife. Seit Jahrhunderten ist es in verschiedenen Formen und Regionen bulgarische Tradition. Peter spielt die Kaba-Gaida, die ebenfalls in den Rhodopen beheimatet ist. Ihre Töne sind tiefklingender als andere Sackpfeifen und übertönen selbst das Brummen des Verkehrs.

Den Weg in die Realität zurückzufinden ist kaum möglich, als die Musik plötzlich aufhört. Zwei Polizisten, ein Mann und eine Frau, nähern sich mit hektischen Handbewegungen. Sie kennen Peter offenbar gut und teilen ihm mit, jemand habe wieder eine Beschwerde eingereicht. So erhält der Musiker einen Platzverweis. Nichts als verärgert ist er: "Tausend Leute können bei mir stehen bleiben und mich bewundern, doch wenn ich davon nur einen störe, dann war es das wohl schon. So ist es eben." Peter und die Polizei unterhalten sich lange. Den Personalausweis will er sehen - er will sicher sein, dass sein Gespräch nicht aufgenommen wird. Allerlei gründliche Überprüfungen auf Vorbestrafung und Urkundenfälschung fallen negativ aus. "Deine Notizen wirfst du jetzt weg! Was willst du nur hier!", fragt er. "Interview? So was habe ich seit Jahren nicht mehr erlebt", murmelt der Polizist ungläubig vor sich hin.

Die Frage, warum er sich unter solchen Bedingungen mit Musik beschäftige, irritiert den Künstler: "Das ist, als ob du mich fragtest: ,Warum isst du?' oder ,Warum atmest du?'" Er habe genug von Gesängen der neuen bulgarischen Popkultur, gesteht Peter, indem er eines der im Internet populär gewordenen Poplieder zitiert. "Was ich wirklich erreichen will, ist die Menschen daran zu erinnern, was für Musik wir einst geschaffen haben. Die Straße braucht einfach Kultur." Im alltäglichen Leben hat Peter einen Job als Möbelpacker. Auch erfüllt er gelegentlich kleine handwerkliche Aufträge, er baut Möbel zusammen, repariert Schlösser oder sonstiges Beliebiges - Peter ist anpassungsfähig. Dann berichtet er über seine sportliche Leidenschaft - er praktiziert die moderne, grenzwertig belastende und oft gefährliche Kampfsportart Mixed Martial Arts, die Elemente aus allen Kampfdisziplinen vereint. Alter sei für ihn kein Hindernis.

Nur drei Lewa, umgerechnet 1,50 Euro, nimmt Peter heute mit. Ihm sei das gleichgültig. Er weiß, dass er sich nicht bloß auf sein Geschick verlassen kann. Sein Ziel sei es, morgen noch jemanden zum Träumen zu bringen. Denn am nächsten Tag ist Peter wieder da - der Kulturträger am Kulturpalast in seinem eigenen unsichtbaren Kulturpalast.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2019, Nr. 122, S. 30 - Arno Piegeler

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