Es ist 8.30 Uhr, als Jürgen Auth sein Büro betritt. Ein nasskalter Wind fährt durch seine kurzen, graubraunen Haare, während er das weiße Schild mit der roten Aufschrift "Fahrschule" an seinem Auto anbringt, das er auch das "kleinste Büro der Welt" nennt. Das Hinweisschild lässt einige Autofahrer vorsichtiger, andere riskanter an dem kleinen, grauen Auto vorbeifahren, das zu diesem Zeitpunkt noch in der Einfahrt der Fahrschule Auth in Fulda steht.
Langsam lässt er sich auf den Beifahrersitz fallen und begrüßt Michelle, die bereits neben ihm Platz genommen hat. Die Hände der Achtzehnjährigen zittern leicht, als sie die Spiegel und den Sitz auf ihre Größe einstellt, die Aufregung vor der Fahrstunde ist ihr deutlich anzumerken. Vorsichtig startet sie das Auto, das Anfahren klappt jedoch nicht sofort. Viel zu schnell lässt sie die Kupplung wieder los, das Auto rattert und geht aus.
Michelle steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, für Auth hingegen ist das kein Problem. Aufmunternd sieht er sie an, lächelt leicht und hebt beschwichtigend die Hände. Er weiß, dass kein Fahrschüler absichtlich Fehler macht, und nimmt es mit Humor. Ihn erinnert das an seine erste Zeit als Fahrlehrer, in der er ähnlich nervös war wie die zierliche Schülerin jetzt neben ihm. 34 Jahre ist es schon her, dass er seine neunmonatige Ausbildung zum Fahrlehrer abgeschlossen hat, seit 19 Jahren führt er nun seine eigene Fahrschule als Familienbetrieb. Doch kein Arbeitstag des 62-Jährigen gleicht dem anderen. Michelle ist mittlerweile ruhiger geworden, seine losen Sprüche haben geholfen, die Stimmung aufzulockern.
Jürgen Auth ist sich auch der Verantwortung bewusst, die er in seinem Beruf hat. Bisher hatte er noch keine ernsthaften Unfälle - "und das soll auch so bleiben" -, auch wenn das bedeutet, dass er sich bei einigen Fahrschülern enorm konzentrieren muss. Ein einziger Moment der Unaufmerksamkeit kann fatale Folgen haben. Mit den Jahren kommt die Erfahrung und mit der Erfahrung die Sicherheit. Er habe gelernt, Situationen besser einzuschätzen, und trotzdem gibt es immer neue Situationen im Straßenverkehr.
255 Fahrstunden umfasste die längste Ausbildung, die Erleichterung war groß, als dieser Fahrschüler seinen Führerschein endlich bestanden hatte: Die Regelzeit liegt zwischen 30 und 40 Fahrstunden. "Einen Wagen mit Schaltgetriebe konnte der Fahrschüler trotzdem nicht bedienen, nach 100 Fahrstunden ist er dann auf eine Automatikausbildung umgestiegen." Für die hat sich Auth bei einem befreundeten Fahrlehrer ein Fahrschulauto ausgeliehen, da er selbst nur zwei Wagen für die Ausbildung besitzt und sonst mit anderen Fahrschulen kooperiert.
Aufgeregt ist Auth trotz all der Jahre vor jeder Prüfung, da er nie weiß, wie der Fahrschüler in einer solchen Drucksituation reagiert. "Einmal hatte ich eine Fahrschülerin, die war während der Prüfung so blass, dass ich mir nicht mehr sicher war, ob sie überhaupt noch lebt", meint er schmunzelnd.
Ein leichter Duft von Käse zieht durch den Wagen, als Jürgen seinen nächsten Fahrschüler abholt. Für ein warmes Mittagessen zu Hause bleibt selten Zeit, obwohl sich seine Tochter freut, wenn der Vater mittags mal da ist. Die Arbeitszeiten sind unangenehm, da diese häufig in den Abend reichen. Außerdem steht zweimal in der Woche Theorieunterricht auf dem Plan; jeweils von 18 bis 19.30 Uhr.
Umso besser, dass seine Frau Petra ihm immer ein frisch belegtes Brötchen mit zur Arbeit gibt. Sein rundlicher Bauch ist dabei immer Anlass für kleine Späße, um die angespannte Stimmung aufzulockern. In einer Prüfung hat eine Fahrschülerin weit links eingeparkt, Auth rechtfertigte dies damit, dass er besonders viel Platz zum Aussteigen braucht.
Auch sonst wird er tatkräftig von seiner Frau unterstützt: Petra Auth verwaltet die Fahrschule und nimmt vor allem Anrufe der Fahrschüler entgegen, wenn ihr Mann unterwegs ist.
Lachend begrüßt er Adham, der als Nächster mit seiner Fahrstunde beginnt. Der Usbeke hat seine Tochter mitgebracht, die auf dem Rücksitz Platz nimmt und dolmetscht, wenn es mit dem Deutsch mal nicht so klappt. "Die Ausbildung mit Nichtmuttersprachlern ist oftmals mühselig", sagt Auth. Doch meist sind es weniger die Verkehrsregeln oder das Sachverständnis als gesellschaftliche Einstellungen und Gewohnheiten, die zu Schwierigkeiten beim Fahren führen, was sich an der nächsten Kreuzung zeigt.
Dort steht ein Schild mit der Anweisung "Vorfahrt achten". Statt an diesem vorschriftsmäßig anzuhalten, drückt der Fahrschüler Adham jedoch auf die Hupe. Er hat sich ein solches Verhalten angewöhnt und von anderen abgeschaut, doch jetzt erntet er dafür einen wütenden Blick des Kontrahenten, der mit seinem mausgrauen Opel schon weit in die Kreuzung eingefahren war. Auth muss eingreifen. Kräftig tritt er auf die Bremse, mit quietschenden Reifen kommt der Fahrschulwagen zum Stehen. Das Käsebrot rutscht von seinem Schoß und fällt in den Fußraum. Entschuldigend sieht Adham Auth an. Doch dieser ist nicht sauer. "Solche Fehler und Missverständnisse sind ganz normal und gehören dazu."
Stattdessen fordert Auth den muskulösen Mann per Handzeichen auf, am Fahrbahnrand anzuhalten. Aus dem Handschuhfach zieht er einen verknickten, leicht vergilbten Zettel, auf dem eine ähnliche Verkehrslage aufgezeichnet ist. Die kleinen Zeichnungen helfen, die Situation zu verstehen, auch wenn Adham kaum Deutsch spricht. Langsam erklärt Auth ihm, was er falsch gemacht hat und wie der Fahrschüler sich eigentlich hätte verhalten müssen.
Das zeigt, dass die Sprache für den Führerscheinerwerb kein Hindernis ist, obwohl Auth sich mit der Zeit einige Sprachen angeeignet hat. Mit einem Kollegen hat er gewettet, wer die Worte "rechts" und "links" in mehreren Sprachen kennt. Jürgen Auth hat mit 27 verschiedenen Sprachen haushoch gewonnen. Sein Lieblingsbeispiel ist dabei Kotokoli, eine Sprache, die hauptsächlich in Togo gesprochen wird und die einer seiner Fahrschüler ihm beizubringen versucht hat.
Nicht nur der Praxisteil, sondern auch der Theorieunterricht der Ausbildung findet ausschließlich auf Deutsch statt. Da die Fahrschüler gezwungen sind, diesen zu besuchen, wenn sie den Führerschein machen wollen, ist der Unterricht für viele Ausländer neben Sprachkursen und Alltagserfahrungen eine weitere Möglichkeit, Deutsch zu lernen. Auth sieht sich dabei weniger als Lehrer, sondern vielmehr als Pädagoge, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Fahrschüler so weit auf den Straßenverkehr vorzubereiten, dass sie sich in diesem sicher zurechtfinden.
Es ist dunkel geworden und der morgendliche Wind hat sich gelegt, als Auth mit dem Fahrschulauto zurück in die Hofeinfahrt der Fahrschule fährt. Die letzte Fahrstunde ist geschafft, und Theorieunterricht steht nicht mehr an. Ein langer Tag und zahlreiche Kilometer auf Autobahnen, Bundesstraßen und Feldwegen liegen hinter ihm. Er ist froh, als er um kurz vor 19 Uhr das kleinste Büro der Welt verlassen kann.