Nur drei Schritte laufen

Das kleine fränkische Schraudenbach ist ein sportverrückter Ort, und seine Korbballerinnen sind deutscher Meister. Der Sport ist eine Mischung zwischen Hand- und Basketball. Temporeiches Konterspiel wird zum schnellen Kreisspiel.

In Deutschland finden sich Randsportarten mit besonderer, rein weiblicher Geschichte. Korbball ist so eine reizvolle Sportart, bei der es keine männliche Variante, sondern nur eine Austragungsform für Frauen gibt. Schweinfurt und Umgebung kann als ein Zentrum des deutschen Korbballs gelten, auch wenn in anderen Gegenden der Sport ebenso betrieben wird. Mehrere Bundesligisten kommen aus der Region. Im Mai hat der SV Schraudenbach seinen Titel als deutscher Meister im Korbball erfolgreich in Porta Westfalica verteidigt. Zusätzlich schaffte es auch die Altersklasse der 12 bis 15 Jahre alten Mädchen aus Schraudenbach, sich den nationalen Titel 2019 zu sichern.

Um das Erfolgskonzept des SV Schraudenbach zu erklären, muss man den sportverrückten Ort wahrnehmen, denn Schraudenbach hat lediglich rund 750 Einwohner. "Wir sind ein sehr sportliches Dorf, unser Sportverein hat 350 bis 400 Mitglieder", erklärt Spielerin Christiane Rumpel stolz. "Für die Fahrten zur Meisterschaft ist der Fanbus immer ausgebucht." Natürlich benötigt der amtierende deutsche Meister einen Coach, der das Beste aus den Spielerinnen herausholt. Diese Rolle hat Ludwig Rumpel inne, der einzige Mann im Bunde und Christianes Ehemann.

Der 54-jährige Exfußballspieler und -trainer tritt inzwischen schon zwölf Jahre als ehrenamtlicher Korbballtrainer in Erscheinung: "In den Ferien sind die Turnhallen zu, da muss dann eben mehr gelaufen werden, und wenn die Laufeinheiten Früchte tragen, sind die Mädels im sich anschließenden Balltraining auch schon voll da", erklärt er mit einem Schmunzeln. Der SV Schraudenbach muss zum Training allerdings ins nahe gelegene Schweinfurt fahren. Die Trainingseinheiten beschränken sich laut der Spielerinnen Jennifer Rumpel, Theresa Rumpel und Sabrina Heuler auf zwei Einheiten in der Woche, wenn es aber zur Meisterschaftsvorbereitung kommt, steigt die Taktung auf drei- bis fünfmal wöchentlich. Ist eine spezielle Ernährung während der Trainingsphasen vonnöten? Ludwig Rumpel verneint fränkisch-knapp: "Ernährung net, Erholung ja!"

Auch geben die Spielerinnen offen zu, dass die Motivation für die Hallenmeisterschaft größer sei als für die Feldspiele. "Die deutsche Meisterschaft geht vor, auf dem Feld geht's ja nur bis zur bayerischen Meisterschaft. Da es keinen europäischen Wettbewerb oder Größeres gibt, sind wir ja quasi Weltmeister", stellt Jennifer Rumpel keck fest. Sie ist die Tochter des Trainers und auch die erfolgreichste Korbschützin des Vereins. Seit der Einführung des Hallenkorbballs 1939 in Deutschland fanden 51 deutsche Meisterschaften statt. Die nationalen Meisterschaften im Feldkorbball mussten dabei 1999 der immer beliebter werdenden Austragung in der Halle weichen. Eine Entwicklung wie im Handball. Die Bundesliga im Hallenkorbball wird unterteilt in eine Süd- und eine Nord-Bundesliga. Die jeweils drei besten Mannschaften der jeweiligen Ligen spielen nach Saisonende im Turnier um den Titel des deutschen Meisters, so wie in Porta Westfalica.

Korbball kann man als eine Zwischenform von Hand- und Basketball beschreiben. Auf einem Spielfeld von 30 mal 15 Metern, getrennt in zwei Spielfeldseiten, treten zwei Mannschaften, bestehend aus fünf Feldspielerinnen inklusive einer Korbfrau, gegeneinander an. Dabei sind drei Auswechselspielerinnen, die durch fliegenden Wechsel ins Spiel gebracht werden können. Ziel des zweimal 20 Minuten langen Spieles ist es, den 500 Gramm schweren Ball so oft wie möglich im gegnerischen Korb unterzubringen. Dieser besitzt einen Umfang von 1,73 Metern und ist auf einer Höhe von 2,50 Meter angebracht, im Gegensatz zum Basketball ist der Korb brettfrei. Der Weg zum gegnerischen Korb ebnet sich durch viele Pässe, da eine Spielerin vor und nach dem einmalig erlaubten Prellen nur drei Schritte laufen darf. Eine weitere Besonderheit ist die Korbraumlinie, die den Korb in einem Teilkreis mit einem Radius von drei Metern umgibt. Dieser Korbraum darf nur von der Korbfrau der eigenen Mannschaft betreten werden, weswegen sich die Feldspielerinnen bei der Defensive auf ihrem Radius verteilen, sich aber an die Regeln eines körperlosen Sports halten müssen, das heißt kontaktfrei.

In der Bundesliga stehen zwei Schiedsrichter auf dem Platz, um das Reglement zu wahren. Leichte Regelverstöße wie Schritt- oder Wechselfehler oder das unerlaubte Sperren, also Umfassen mit beiden Armen, werden mit Freiwürfen an Ort und Stelle bestraft, solange sie außerhalb der Freiwurfmarkierung liegen. Schwere Verstöße wie unsportliches Verhalten oder absichtlicher harter Körperkontakt führen zu einem Freiwurf von der Vier-Meter-Linie. Bei allen Freiwürfen darf direkt auf den Korb gezielt werden. Höchststrafen sind die zweiminütige Auszeit oder die komplette Sperrung für den Rest des Spiels. Schiedsrichter müssen von den Vereinen gestellt werden, sonst droht ein Bußgeld oder Punktabzug in der Liga.

"Eine Korbfrau darf nicht größer als 1,78 Meter sein, spielt aber eine ganz große Rolle", sagt Jennifer Rumpel, Technikerin im Maschinenbau, und blickt dabei zu ihrer Namensvetterin. Sie verweist auf Theresa Rumpel, die Korbfrau des Meisters. Mit 1,73 Metern hat die 30 Jahre alte Zahnarzthelferin und Mutter von zwei Töchtern das Korbballvirus schon an die Kinder weitergegeben, ihr Trumpf ist die Schnellkraft, die sie gezielt einsetzt. "Sehr wichtig für mich ist die Sprungkraft, um Bälle von innen abwehren zu können."

Im Verein herrscht ein starkes Verbundenheitsgefühl. Sabrina Heuler, Feldspielerin, 22 Jahre und Wirtschaftsingenieurstudentin, bezeichnet das Teamgefühl als überdurchschnittlich: "Wir sind eine große Familie, auch außerhalb der Verwandtschaft, aber natürlich gibt's auch mal Stress, ist doch normal bei lauter Frauen", gibt sie lachend zum Besten. Die Korbfrau Theresa Rumpel benennt zusammen mit Jennifer Rumpel auch die entscheidende Qualität für den Erfolg: "Unser Korbball ist ein temporeiches Konterspiel, was vorne zum schnellen Kreisspiel wird." Für Laien heißt das, die Abwehr zu überwinden und durch Überzahl zusammen mit der nach vorne stürmenden Korbfrau eine Anspielstation mehr zu haben und eine Spielerin frei zum Wurf zu bekommen.

Alle Akteurinnen sind sich einig, dass sie den Sport aus der Leidenschaft heraus ausüben. "Man macht das nicht wegen des Geldes", sagt Christiane Rumpel, die selbst noch in der zweiten Mannschaft spielt und den Jüngeren mit gutem Rat und anfeuernden Worten zur Seite steht. Es gebe auch kein Preisgeld oder einen Pokal, Sponsoring finde durch umliegende Gewerbetreibende statt, was aber nichts daran ändert, dass die deutschen Meister auf Schulturnhallen angewiesen sind.

Die Verletzungsgefahr sei zwar aufgrund der Körperlosigkeit gering, jedoch träten Probleme wie Kapselrisse oder auch Fußverletzungen durch die Geschwindigkeit oder die Sprünge auf. Zum Abschluss berichtet das Quintett vom härtesten Derby: "Gegen TuS Helpup mussten wir im Meisterschaftsendspiel 2018 in die Verlängerung und haben am Ende durch drei Vier-Meter-Freiwürfe gewonnen", berichtet Ludwig Rumpel. Eine etwas andere Spielerfahrung machten sie im Zweikampf mit ihrer heimischen Fußball-Herrenmannschaft: "Die haben g'meint, das mit dem Korbball sei net so anstrengend, und dann haben sie haushoch verloren, und was haben die geschnauft!", erzählt Christiane Rumpel lachend.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2019, Nr. 149, S. 26 - Manuel Häpp

zurück