Die Notwendigkeit, während der anhaltenden Flüchtlingskrise zu helfen, verspürt auch Inge Fiss aus Bösel im Norden des Landkreises Cloppenburg. Sie ist seit zwölf Jahren im Gemeindekirchenrat tätig und Diakoniebeauftragte der evangelischen Kirche in Bösel. Hinzu kommen ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten bei der Tafel "Carla", die sie seit zehn Jahren mit großem Engagement durchführt. Die Menschen, die die "Carla" in Anspruch nehmen, müssen den Erwachsenenpreis von einem Euro zahlen, Kinder zahlen 50 Cent.
"Wenn jemand Hilfe braucht, ist die Tür zu mir immer offen", sagt die 66-Jährige, die ihr Geld als Apothekerin verdiente. Ihre Familie sei zu damaligen Kriegszeiten selbst eine Flüchtlingsfamilie gewesen, so dass sie gar nicht anders könne, als den Flüchtlingen in Deutschland zu helfen. "Mein Vater kam aus Ostpreußen und meine Mutter aus Pommern. Das einfache Wegschauen, und zwar genau da, wo die Probleme liegen, ist für mich unvorstellbar." Die Familie habe sie in ihrer ehrenamtlichen Arbeit immer unterstützt und helfe auch jetzt noch immer, wenn sie etwa Sachgegenstände für die Flüchtlinge benötigt.
Zusammen mit weiteren Ehrenamtlern gründete Fiss das Café International, bei dem jeder herzlich eingeladen ist. "Als die ersten Besucher kamen - es waren hauptsächlich Flüchtlinge -, haben wir Namensschilder gebastelt. Doch schon hier gab es ein Problem, denn nicht jeder Flüchtling konnte schreiben. Durch gegenseitige Hilfe und gleichzeitig auch viel Spaß haben wir aber auch dieses Hindernis überwunden. Denn man darf nie vergessen: Hinter jedem dieser Namensschilder steckt ein ganz persönliches Schicksal."
Die Flüchtlinge erzählen eher weniger über ihre Erlebnisse. "Man erkennt die Trauer dieser Menschen vor allem in den Augen. Wenn einige von ihnen etwas über ihre Vergangenheit berichten, dann erst, wenn das vollständige Vertrauen da ist", erklärt Fiss, die vor allem bei den Papieren hilft. Für die meisten Flüchtlinge ist es schwer, das Beamtendeutsch zu verstehen, viele sprechen gar kein Deutsch. "Es ist irre, was von den Familien alles verlangt wird, obwohl es generell schon sehr schwer ist, sich in Deutschland zurechtzufinden." Auch bei Arztbesuchen begleitet Fiss einige ihrer Flüchtlingsfamilien, wenn diese nach ihrer Unterstützung fragen. Oder sie sucht ihnen eine Wohnung, ein Bett zum Schlafen, sogar um einen einzigen Esslöffel kümmert sie sich. "Ebenso, wenn einmal ein Kinderwagen benötigt wird, gebe ich mein Bestes, um den Familien einen solchen Wagen zu ermöglichen. Ich frage viele Bekannte, recherchiere im Internet und, und, und..." Zurzeit betreut Fiss acht Familien und ein paar alleinstehende Männer.
Leider hätten viele Menschen ein komplett falsches Bild von den Flüchtlingen. "Wir Deutschen arbeiten für die Flüchtlinge", heiße es oft. Grund hierfür ist aber auch, dass die Flüchtlinge zunächst gar nicht arbeiten dürfen, wenn beispielsweise eine Aufenthaltsgenehmigung fehlt oder ausreichende Sprachkenntnisse nicht vorhanden sind. Zwar nehmen die Flüchtlinge Deutschunterricht, doch benötigt es Zeit, um eine Sprache richtig sprechen zu können. Zur weiteren Hilfestellung besitzt jeder Flüchtling, der von Fiss unterstützt wird, einen Ordner, in dem Sprachübungen enthalten sind.
Inge Fiss ist es aber auch wichtig, Ausflüge mit den Flüchtlingen zu unternehmen, zum Beispiel in den Tier- und Freizeitpark Thüle, da so ebenfalls Sprachkenntnisse verbessert werden. Vor allem möchte sie den Familien eine neue Perspektive geben. Diese sind froh, dass es Menschen gibt, die sich ehrenamtlich für sie einsetzen. Jedoch werden genau solche Leute auch oftmals persönlich angegriffen. "Was soll das?", hat Fiss schon oft gehört. "Eine solche Kritik kommt oft nur von den Leuten, die einen stabilen Lebensunterhalt haben und auch sonst nicht wirklich wissen, was es heißt, in Not und Sorge zu sein", sagt sie.