Ab welchem Zeitpunkt gilt man als süchtig und wie viel Konsum ist eigentlich noch gesund? Die Selbsterkenntnis, dass man ein Problem mit Medien hat, ist eine schwierige Sache. Denn mit der Mediensucht ist es so, dass es nicht nur eine Sucht ist, sondern auch das Hobby des Patienten. "Also wie erklärt man einem Menschen, dass man ihm nicht nur das Problem nehmen will, sondern auch seine Freizeitbeschäftigung?", fragt Michael Krämer. Der 37-jährige Psychotherapeut aus Königswinter arbeitet im Bereich der Suchttherapie an den Salus Kliniken in Hürth bei Köln.
Auch medienabhängige Personen werden dort behandelt. Es gibt 16 Bezugsgruppen mit jeweils durchschnittlich zehn teilnehmenden Personen. Man kann die Patienten des Pathologischen Mediengebrauchs in "Gaming", "Soziale Netzwerke" und "Cybersexangebote" separieren. Der Schwerpunkt des Psychologen liegt bei der sogenannten indikativen Gruppe, bei der die Medienkompetenz genauer untersucht wird, unerheblich davon, in welchem Bereich sich die Medienabhängigkeit bewegt, das heißt, es wird untersucht, wer was wie viel nutzt, was die Funktion der Nutzung ist und inwiefern man die Nutzung verändern kann. Darin liegt der Unterschied zur Therapie von substanzgebundenen Süchten, denn im Gegensatz zum Beispiel des Kokainsüchtigen zielt die Therapie der Mediensucht auf einen kontrollierten Konsum ab.
"Computer und Co. sind präsent. Dennoch würde ich die Medien nicht als Problem unserer Gesellschaft ansehen. Es ist genauso wie mit dem Alkohol. Es ist an sich kein Problem; aber wenn man es falsch konsumiert, kann es zu einem werden", sagt der Psychologe. Michael Krämer gibt als Richtwert an, sich wöchentlich nicht mehr als 30 Stunden mit Medien auseinanderzusetzen, sonst hätte man ein Problem, dennoch sei der Wert variabel. Eher müsste die Funktion betrachtet werden. Man sollte also nicht ausschließlich die Zeit als einen Richtwert für den Konsum gebrauchen, denn es gibt auch noch andere Gefahren einer ausufernden Spieltätigkeit. So berichtet Krämer von einem Beispiel einer jungen Patientin zu einer Zeit, als die "Medienabhängigkeit" noch kein Begriff war. Anna (Name geändert) spielte mehrere Stunden am Tag ein sogenanntes Browser-Game, in dem ein Bauernhof geführt werden musste. Trotz des kostenlosen Zugangs zu diesem Spiel hatte die junge Frau damals knapp 8000 Euro in dieses Spiel investiert. Ihren Eltern hatte sie gesagt, dass sie das Geld für die Uni bräuchte.
Neben dem Zeit- und Geldfaktor muss zwischen dem Gebrauch der Medien innerhalb der Arbeitszeit und Freizeit unterschieden werden. "Die Arbeitszeit kann in der Zeitgleichung außer Acht gelassen werden, stattdessen stellt sich eher die Frage, ab wann der Mediengebrauch eine kompensierende Funktion übernimmt." Solange der Alltag, sprich Schule, Job und Freundschaften, funktioniere, sei alles in Ordnung. Wird beispielsweise jedoch versucht, durch soziale Netzwerke sein Selbstwertgefühl zu steigern, weil man dort eine gewisse Bestätigung sucht, dann führe dies zu einem Problem. Der Psychotherapeut führt weiter aus: "Die Erkenntnis, dass man ein Problem hat, ist das Schlüsselelement zur Besserung. Ohne das Eingeständnis und die Motivation, dass man krank ist und sich ändern will, funktioniert keine Therapie."
Angehörige sollten demnach den Betroffenen bestmöglich darauf hinweisen. Wenn die Person keine Einsicht zeigen möchte, ist es besonders bei Jugendlichen schwierig, einen Zugang zu finden. "Wenn jemand mit offenen Augen gegen die Wand läuft, dann tut das aus zwischenmenschlicher Sicht am meisten weh", sagt Krämer. "Obgleich Patienten in der Medienabhängigkeit zum Glück keine allzu tragischen Fälle sind, ist es hart mit anzusehen, wie die Menschen, die die Erkenntnis gefasst haben, nichts an ihrem Problem ändern können." Nach einer Neuerung der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, die im Mai dieses Jahres verabschiedet wurde und ab 2022 in Kraft tritt, werden die Online- sowie die Offline-Spielsucht als Störung anerkannt, so dass sich künftig die Kostenübernahme von Therapien als weniger heikles Thema erweisen sollte.
Ein weiterer Fall Krämers verdeutlicht dieses Problem: Er erinnert sich an einen 21-jährigen Patienten, der scheinbar gute Fortschritte in der Therapie machte. Das Spielen hätte Max (Name geändert) laut Eigenaussage aufgegeben, er berichtete keine Symptome, wie etwa Nervosität, mehr zu verspüren. "Nach seiner Entlassung berichtete ein Mitpatient, dass Max den gesamten Behandlungszeitraum über am Tablet gespielt habe. An seinem letzten Tag habe er sich sogar neue Hardware für seinen PC zu Hause gekauft", erzählt der Psychologe. "Auch wenn Unehrlichkeit sehr oft Teil des Krankheitsbildes Sucht ist und ich das oft und wiederholt erlebe, hat mich diese auf den ersten Blick recht unspektakuläre Geschichte traurig und verärgert zugleich gemacht. Der Patient hatte weder eine Ausbildung noch einen festen Freundeskreis."
Krämer, der ursprünglich eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht hat, hat sein Abitur nachgeholt, um sich seinen Traum eines Psychologiestudiums zu erfüllen. Obwohl ihm der Bereich Sucht anfänglich nicht zusagte, hat er gemerkt, wie interessant die Sucht aus therapeutischer Sicht sein kann: "Patienten bringen eine solche Fülle an unterschiedlichen Störungen mit, dass man es niemals mit dem gleichen Prinzip oder der gleichen Diagnostik zu tun hat." Jedoch sei eine gewisse Frustrationstoleranz für das Studium mit der anschließenden Ausbildung notwendig, da diese zeitintensiv und teuer sei und anfänglich durch die Vielzahl an Praktika kaum bezahlt werde, erläutert Michael Krämer in seinem Büro.
In der hell erleuchteten Klinik, die von einer grünen Umgebung geprägt ist, werden mehr als 180 Plätze für Suchtkranke zur Verfügung gestellt. Jeder seiner Patienten erhält durchschnittlich ein wöchentliches 30- bis 50-minütiges Einzelgespräch. Insbesondere unterstützt Michael Krämer jedoch jüngere Kolleginnen und Kollegen in der Therapie, beispielweise bei aufkommenden Problemen. Als Tipp gibt Krämer, mit sich selbst klare Zeiten für die Nutzung von Smartphone und Co. zu vereinbaren, unter anderem auch, um sein permanent erhöhtes Stressniveau zu senken.