Mit 26 Jahren habe ich es zum ersten Mal geschafft, Brötchen beim Bäcker zu kaufen", sagt Harald Weiß. Der heute selbstbewusste und offene 58-jährige Berliner ist einer von rund 800 000 stotternden Menschen in Deutschland. Diesen Menschen gelingt nicht, was den allermeisten so mühelos erscheint: zu sprechen, wann und wie sie wollen. Es handelt sich hierbei um eine körperlich bedingte Sprechbehinderung, die Unterbrechungen des Redeflusses durch Wiederholungen oder Blockaden zur Folge hat.
Über die genauen Ursachen des Stotterns ist wenig bekannt. Es wird von einer Funktionsstörung im Gehirn ausgegangen. Auch wird ein erheblicher genetischer Anteil vermutet. Fest steht jedoch, dass es sich um kein schichtenspezifisches Phänomen handelt. Jeder Mensch kann betroffen sein. Sogar der Schauspieler Rowan Atkinson (Mr. Bean), die Wissenschaftler Charles Darwin und Isaac Newton wie auch der englische König George VI. stotterten.
Die Hauptbetroffenen sind Kinder. Laut Angaben der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. (BVSS) tritt bei fünf Prozent von ihnen ein Stottern auf. Es beginnt meist im Zeitraum der Sprachentwicklung im Alter von zwei bis fünf Jahren. Leichtes Stottern verschwindet bei Kindern häufig bis zur Pubertät wieder von selbst, ein starkes Stottern kann hingegen ein Leben lang bleiben. Besonders auffällig ist, so die BVSS, dass 80 Prozent der erwachsenen Betroffenen Männer sind.
Harald Weiß begann im Alter von etwa sieben Jahren zu stottern. Damals besuchte er die Grundschule in Dohr, einem kleinen Ort am Rande der Eifel. Mit einem Schulwechsel zur 5. Klasse auf ein großes Gymnasium in Cochem an der Mosel wurde seine Sprechbehinderung immer stärker. Eine eindeutige Ursache für den Ausbruch seines Stotterns habe es nicht gegeben. Es sei die Summe verschiedener Belastungen gewesen, die im Endeffekt ausschlaggebend war, sagt er.
Mit den Worten "tiefste Verzweiflung" und "Hilflosigkeit" beschreibt Harald Weiß seine Schulzeit. Es sei beinahe kein Tag vergangen, an dem er nicht überlegte, seinem Leben ein Ende zu setzen. Das Stottern habe seine Kommunikationsmöglichkeiten so erschwert, dass er sich wie viele stotternde Menschen zurückgezogen habe und nur noch wenig Kontakt hatte. So entwickelte er schon früh Vermeidungsstrategien, um dem Sprechen zu entgehen. Regelmäßiges Zuspätkommen, um seine Hausaufgaben nicht vorlesen zu müssen, gehörte zu seinem Schulalltag. So war es in erster Linie nicht das aktive Verhalten oder Mobbing der anderen, sondern sein eigenes, was ihn schließlich zur Isolation führte. Neben den psychischen Folgewirkungen des Stotterns gibt es regelmäßig auch eine Reihe physischer Konsequenzen. "Jede gescheiterte sprachliche Auseinandersetzung erzeugt enorme Adrenalinstöße und Stress", erklärt Weiß. Es sei mit einer extremen Aufregung, vor Publikum zu sprechen, vergleichbar. Diese ist vielen bekannt. Der Unterschied, so Harald Weiß, sei jedoch, dass man dieses besonders unangenehme, ängstliche Gefühl als stotternder Mensch häufig verspüre, was nicht nur zu körperlichen Beeinträchtigungen, sondern zu starken Minderwertigkeits- und Schamgefühlen führe.
Ein weiteres typisches physisches Merkmal sind Begleitsymptome wie Zuckungen oder Verkrampfungen. Hiervon war auch Weiß stark betroffen. Er erinnert sich, dass er seine Schultern häufig stark zusammen und seinen Kopf auf die Brust gezogen habe, wenn er an einem Wort hängenblieb. Grund hierfür sei, dass ihm diese Bewegung einmal geholfen habe, ein Wort zu beenden. Daher ging er davon aus, es würde auch weiterhin so funktionieren. Nur - so war es nicht.
Hilfe hatte Weiß als Kind und Jugendlicher keine, da es damals für ihn keine effektiven Sprechtherapien gab. Seine erste logopädische Therapie startete er mit 19 Jahren. Geholfen habe ihm diese aber auch nicht. Erst am Ende seines Studiums der Volkswirtschaftslehre in Kiel begann er eine Therapie, bei der es ihm gelang, Techniken zu erlernen, die ihm ein flüssigeres Sprechen ermöglichten. Damit konnte er sich zum ersten Mal von Strategien, wie dem ausschließlichen Kauf von abgepackten Produkten im Supermarkt, verabschieden. Schließlich war es ihm sogar möglich, sich bei Bewerbungsgesprächen durchzusetzen. Auf Grund seines guten Abschlusses und seiner neu erlernten Kommunikationskompetenzen gelang es ihm, als Referent im Bundesministerium für Wirtschaft eingestellt zu werden. Für manche Kollegen war seine Art zu sprechen problematisch, die zu dieser Zeit noch durch Wortdehnungen zur Vermeidung des Stotterns geprägt war. Trotzdem wurde er Jahre später sogar zum Personalratsvorsitzenden gewählt. In dieser Funktion gehörte es zu seinen Aufgaben, vor einem großen Publikum frei zu sprechen.
Einfach war seine Berufstätigkeit für ihn gleichwohl nie. Sein Alltag war immer wieder geprägt von unverhältnismäßig starkem Stress und Adrenalinschüben. "Ich habe über einen längeren Zeitraum niedrig dosierte Beta-Blocker genommen, um meinen Adrenalinspiegel abzusenken und sprechmotorisch gut handlungsfähig in Stresssituationen zu sein", berichtet Weiß. Auch die kurzzeitige Einnahme von Tranquilizern empfiehlt er zum Meistern von besonderen Stresssituationen.
Außerhalb der Arbeit war es für Weiß nichts Ungewöhnliches, dass das fremde Gegenüber auflegte, sobald er nicht in der Lage war, flüssig zu sprechen. Umso einprägsamer war für ihn das eine Mal, bei dem sich sein fremder Gesprächspartner nach langem Warten auf Worte, erzwungen durch einen Stotteranfall, für das Gespräch bedankte.
Durch die Mitgliedschaft in der BVSS und besonders durch den Besuch einer Selbsthilfegruppe hat Weiß viel Unterstützung gefunden und sich deutlich weiterentwickelt. Das Stottern hat und wird ihn nie vollständig verlassen. Insbesondere in stressbeladenen Momenten und auch schon bei Müdigkeit ist seine Sprache auch heute noch nicht flüssig.
Was Harald Weiß jedem Betroffenen und besonders Eltern rät, ist, sich unverzüglich logopädische Hilfe zu holen, da besonders bei Kindern große Chancen der Heilung bestünden. Für weitere Unterstützung empfiehlt er die Bundesvereinigung. Auf die Frage, wie er sein Stottern heute beschreiben würde, antwortete er: "Es spielt keine Rolle mehr in meinem Leben. Die vielen Jahre ungelebten Lebens wirken aber bis heute nach."