Das Musikzimmer der Primarschule im Schweizer Dorf Bühler, das nicht einmal 2000 Einwohner zählt, ist groß. Die kniehohen Holzbänkli sind unter die Tische geschoben. Stattdessen werden Notenständer im Kreis aufgestellt - allesamt von Damen, die wild durcheinanderplappern, während sie ihre Blockflöten auspacken. Eine Frau mit leicht graumeliertem Lockenkopf verkündet, dass heute mit einem zweistimmigen Appenzellerli begonnen werde. "Ihr dürft die Stimme spielen, die ihr möchtet. Es wäre aber schon schön, wenn sich auch ein paar für die zweite entscheiden würden", bemerkt die Blockflötenlehrerin lächelnd. Kurz darauf tanzt die lustig-leichte Melodie eines Volkslieds durch das Kellerzimmer. Dass das Lied schon beim ersten Durchspielen so ansprechend klingt, könnte den Anschein erwecken, dass Flötespielen kinderleicht wäre. Derselben Meinung war auch die 68-jährige Elisabeth Stingelin, als sie mit 30 Jahren beschloss, mit dem Musizieren zu beginnen. "Ich habe gedacht, wenn ich schon ein Instrument lerne, dann nehme ich das einfachste. Blockflöte - das kann ja jeder", lacht sie. Mittlerweile sieht die Musiklehrerin dies deutlich differenzierter. Sie findet aber immer noch, dass die Flöte ein geeignetes Anfängerinstrument für Kinder sein kann, wenn die Finger zum Beispiel noch zu klein sind für ein Cello oder ein Saxophon. Außerdem sei eine Flöte erschwinglich. Eine gute Sopranblockflöte für Anfänger ist ab 100 Schweizer Franken zu bekommen.
Mitte des 20. Jahrhunderts waren viele Schulen der Meinung, dass jedes Kind das Recht haben sollte, ein Instrument zu lernen. "Wir haben einfach in der ganzen Klasse mit unserem Lehrer zusammengespielt", erinnert sich eine 70-Jährige mit roter Brille, die eine große Bassflöte in ihren feinen Händen hält. Bei den meisten anderen war es ähnlich. "Wir haben nur Klassik gespielt, sonst nichts. Etwas anderes konnte man sich gar nicht vorstellen mit der Blockflöte." Heute, rund 40 Jahre später, haben die Damen ihre Flöten wieder herausgekramt, um an einem der Ensembles teilzunehmen, die Elisabeth Stingelin gegründet hat.
Viel hat sich verändert. Dies zeigt sich am Repertoire. Auf das Volkslied folgt eine Pavane, ein Tanz aus dem 17. Jahrhundert. Die Lehrerin sitzt ganz vorne auf ihrer Stuhlkante und dirigiert mit ausladenden Handbewegungen. Hin und wieder begleitet sie singend ein paar der langen Töne, die durch den Raum schweben. Plötzlich unterbricht sie das Stück: "Do müänder gad wiiter spilä! Stelläd eu mol vor wiä diä am Tanzä sind - wenner do so ä Pausä machäd, denn keiäd diä alli gad um!" "Hier müsst ihr gleich weiterspielen! Stellt euch mal vor wie die tanzen - wenn ihr hier so eine Pause macht, dann fallen sie alle um!"
Dass die Flöte heute auch für Barock- und Renaissance-Stücke genutzt wird, hat den Grund, dass das Instrument in den 50er Jahren ein Revival erlebt hat. Elisabeth Stingelin, die mit 38 Jahren in Basel und Zürich Blockflöte zu studieren begann, erklärt, dass Ende des 18. Jahrhunderts die Orchester größer geworden seien. Laut und leise sowie ein größerer Tonumfang wurden modern. Deshalb wurden die Instrumente der neuen Aufführungspraxis angepasst. Da die Blockflöte nicht mehr dem damaligen Klangideal entsprach, geriet sie in Vergessenheit. Erst Anfang 1900 wurde eine Flöte auf einem Dachboden in Deutschland wiederentdeckt. Diese Flöte wurde aus heutiger Sicht mit falschen Griffen bespielt und dementsprechend als nicht stimmend empfunden. Die Bohrung der Löcher wurde im Laufe der Jahre angepasst, so dass die sogenannte "deutsche Bohrung" entstand. Ungefähr 50 Jahre später begannen Instrumentalbauer im Zuge der Studie der alten Musik und deren Spielweise Blockflöten nach altem Vorbild nachzubauen. So erlebte das Holzblasinstrument mit den anderen Barockinstrumenten eine Renaissance. Die alten Stücke wurden hervorgeholt und gespielt. Die Musikwelt erkannte das Potential des Instruments und beschloss, dass der oberflächliche Unterricht auf dem Speuzknebel, dem Spuckeknebel mit der deutschen Bohrung, in den Klassen so gar nicht nach Blockflöte klang und deshalb aufzuhören hatte.
Im Ensemble in Bühler klappt die Pavane beim zweiten Mal schon viel besser. Die Spielerinnen im Alter von 50 bis 75 Jahren sind sich einig, dass das Stück anspruchsvoll sei, aber schön. Das Zusammenspiel sei "eine Herausforderung", stellt eine in Dunkelgrau gekleidete Dame fest. Genau das ist es aber, was allen so gefällt. "Es ist ja sehr spannend, wenn man zusammen Musik macht. Jeder muss ganz stark bei sich selbst bleiben, sonst kann man den Puls nicht halten, spielt falsch, passt sich an, und dann passt es eben doch nicht. Und trotzdem muss man im Kontakt sein mit den Mitspielern", schwärmt die Blockflötenlehrerin, während ihre sandbraunen Augen hinter der filigranen, goldumrahmten Brille glänzen.
Zu alt zum Spielen fühlt sich aus der Gruppe noch lange niemand. Eine Musikerin beschwert sich zwar, dass ihr der "Schnuuf" nicht mehr so lange reiche wie früher, ansonsten aber überwiegen klar die Vorteile, die die elf Frauen in ihrem Alltag dank der Musik haben. Caroline Schumann Berghändler berichtet, wie sehr sie das Flötespielen zentriert: "Wenn du Flöte spielst, musst du wirklich in deine Mitte kommen." Nicht nur, weil die Flöte in der Mitte des Körpers gehalten wird. Elisabeth Stingelin sagt: "Wenn wir ein Instrument spielen, wird das Gehirn optimal gefordert und gefördert. Es werden alle Sinne angesprochen, die Koordinationsfähigkeit verbessert, und auch die sozialen Kontakte wirken belebend. Musizieren ist das beste Mittel gegen Alzheimer, auch wenn erst spät damit begonnen wird."