An Büffeln vorbei zur Bretterbude

Die Massai sind ein Halbnomadenvolk. Von ihnen leben in Kenia etwa zwei Millionen Menschen. Ihre Kinder können nur drei Monate im Jahr zur Schule gehen, denn die Stämme ziehen mit ihren Herden regelmäßig weiter, um Weideflächen mit frischem Gras zu finden. Als Jörg Baetge, emeritierter Professor für Betriebswirtschaftslehre, im Jahre 2011 an der Universität in der Hauptstadt Nairobi als Gast unterrichtete, lernte er einen Massai-Führer kennen. Dieser machte ihn darauf aufmerksam, dass die Massai-Kinder oft nicht einmal einen Hauptschulabschluss hätten. Dem heute 81-jährigen Münsteraner kam sofort der Gedanke zu helfen. "Ich fühlte mich dazu verpflichtet, weil es mir selber gutging. Außerdem bin ich Mitglied in einem Lions Club, also einer Hilfsorganisation. Und unserem Leitfaden 'We serve if there is a need', wollte ich folgen."

 

Über den Lions Club in Thika, einer nahe Nairobi gelegenen Stadt, nahm Baetge Kontakt zu Daniel Sunkuja, dem Anführer eines Massai-Stamms auf. "Er kann weder lesen noch schreiben und versteht kein Englisch. Dennoch ist er der Meinung, dass jedes Kind Bildung braucht", sagt Baetge über den Mann, dessen Ehrenbruder er heute ist. Nahe dem Vulkan Mount Suswa hatte Sunkajas Stamm eine Schule installiert. "Sie glich aber eher einer Bretterbude. Viele Kinder mussten täglich sieben Kilometer durch die Wildnis laufen, um zu ihr zu kommen. Und das, obwohl überall Elefanten, Löwen und Büffel lauern. Büffel sind auch sehr gefährlich", erklärt der Vater zweier Söhne.

 

Nachdem der Stamm von Sunkuja Baetge vor acht Jahren offiziell um den Bau eines Internats gebeten hatte, präsentierte der Betriebswirt die Idee in seinem Lions Club in Münster. "Die Reaktion darauf fiel eher mäßig aus, viele befürchteten, das Projekt könne versanden. Aber ich bin ein Terrier, wenn ich mich einmal festgebissen habe, lasse ich nicht mehr los." Er begann mit dem Sammeln von Spenden. "Ich wurde zum Bettler", schmunzelt er. "Überall habe ich nachgefragt, zum Beispiel bei ,Bild hilft' und meinen an die 100 Doktoranden. Viele von ihnen verdienen mittlerweile schon sehr gut und wollten mir helfen." Ohne die so gesammelten Spenden in Höhe von 300 000 Euro und einem Zuschuss des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung von 500 000 Euro würde das Internat heute nicht stehen. Auch sein Lions Club sagte Unterstützung zu. Durch Ausschreiben und Prüfen der Ergebnisse anhand der Regeln der Architekten- und Ingenieurkammern in Kenia versuchten Baetge und seine kenianischen Lions-Freunde die beste Baufirma zu ermitteln. "Dabei sind ein paar Meter Aktenordner entstanden, die stehen bei uns oben im Regal", lacht der Mann in blauem Blazer und kariertem Hemd in seinem Wohnzimmer.

 

Zwei Jahre später wurde der erste Bauabschnitt fertig. 115 Mädchen konnten in das neue Internat namens "Ilkeek Aare Primary School" einziehen. "Wir haben bewusst nur Mädchen genommen, denn sie werden in Kenia stark benachteiligt. Im Internat ist das nicht so. Die Kinder sind dankbar für die neun Monate Schule im Jahr. In anonymen Umfragen zu ihrem Befinden kommt meistens heraus, dass für sie das Schönste sei, abends noch lesen zu können, Schulaufgaben zu machen und ein eigenes Bett zu haben. Das ist auch verständlich, denn wenn die Mädchen mit ihren Stämmen unterwegs sind, schlafen sie zu dritt auf einfachen Pritschen", erklärt der Mann mit randloser Brille und lichtem Haar.

 

Kürzlich konnte auch der zweite Bauabschnitt vom kenianischen Vizepräsidenten feierlich eröffnet werden. Weitere 115 Mädchen und nun auch 230 Jungen finden in ihm Platz. Als Nächstes möchte Baetge für einen festen Zaun und Wächterhäuschen gegen Eindringlinge, Unterkünfte für sieben Lehrer und ihre Familien und die Anbindung an die staatliche Wasserleitung sorgen. Außerdem brauche die Schule dringend ein Verwaltungsbüro und einen Verwaltungsbeamten. "Bis jetzt haben wir noch nicht einmal ein Büro, in dem das Schulgeld eingezahlt und gebucht wird. Mit den Tageskindern sind es hier knapp 700 Schüler, da kommt bei 90 Dollar Schulgeld im Jahr und Person einiges zusammen." Langfristig sollte die Schule mindestens 1000 Kinder aufnehmen, da der Staat erst dann das Essen mitfinanziert.

 

Neben der Vermittlung von Wissen möchte Baetge den Kindern vor allem mitgeben, dass sie sich fragen müssen, wie sie ihre Bildung verwenden können. "Die Massai sorgen nie für die Zukunft vor, sie leben nur im Augenblick. Das muss sich ändern. Wenn man lernt, kann man etwas werden", erläutert Beatge, der als Kind aus Ostdeutschland floh und nichts als seinen Rucksack gehabt habe. "Mein Vater meinte zu uns, man könne Menschen alles nehmen, nur nicht das, was sie im Kopf hätten. Ich finde, das ist richtig, und deswegen haben mich das Lehren und die Betriebswirtschaft auch fasziniert: Letztere bietet die Möglichkeit, durch Nachdenken und Organisieren sein Leben zu verbessern, sein Schicksal in die Hand zu nehmen." Aktuell arbeitet er daran, eine Industriewaschmaschine zu bekommen. "Die spart mehr Wasser, als die Kinder in ihren großen Waschkübeln noch verbrauchen", erklärt er.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung - Elisabeth Hüffer

zurück