Abenteuer erleben wie seine Helden

Die Rastlosigkeit hat uns nicht verloren. Kaum sind wir zurück, überlegen wir, wo es das nächste Mal hingehen könnte", erklärt Rainer Maria Schröder das Reisefieber, das ihn und seine Frau regelmäßig ergreift. "Das ist Segen und Fluch zugleich", meint der Autor, vor dessen Haus in Palm Coast in Florida der zehn Meter lange, graumetallene Wohnwagen, angehängt an einen roten Pick-up, schon zur Abfahrt bereitsteht. Diesmal führt die spontan aufkommende Reiselust das Paar mit ihrem Haus auf vier Rädern nach New Orleans.

 

Die Rastlosigkeit begleitet Schröder seit seiner frühen Kindheit. Der in Rostock geborene 68-jährige Schriftsteller floh 1960, kurz vor dem Bau der Mauer, mit seiner Familie aus Ost-Berlin in den Westen. Aufgrund der häufigen Umzüge in den folgenden Jahren - die Familie wohnte unter anderem in Dortmund, Düsseldorf und Köln - war sein Leben voller Zensuren. Er habe nie heimatliche Wurzeln schlagen können. Vielmehr verspürte er schon als Kind den Drang, die Welt zu bereisen. Ausgelöst und verstärkt wurde dieses Verlangen bei ihm, als er die Bücher seiner Lieblingsautoren Stevenson, London, Hemingway und Twain verschlang. "Ich wollte meinen Helden nacheifern und Abenteuer erleben."

 

Mit seiner ersten großen Reise in die Vereinigten Staaten nahm Schröders Karriere als Autor von Abenteuer- und Jugendromanen, Mysterythrillern sowie historischen Gesellschaftsromanen 1980 Fahrt auf. Viele Ideen seiner unzähligen Bücher stammen aus den Erlebnissen und Erfahrungen, die er während seiner Reisen zusammen mit seiner Frau sammelt. "Es ist ein großes Glück, dass sie bereit ist, sich auf meine Rastlosigkeit und die zum Teil riskanten Abenteuer einzulassen", sagt er über seine Frau, die ihn seit mehr als 40 Jahren auf seinen Reisen begleitet.

 

Riskante Situationen erlebten beide, als sie allein im Kanu die Everglades erkundeten, oder in Key West, wo sie mit professionellen Tauchern in einem Unterwasserkrater nach dem Schatz eines vor über 400 Jahren gesunkenen Schiffes suchten. Die dabei gesammelten Erlebnisse verarbeitete er später in seinem Buch "Das Goldriff". Die Geschichte "Goldrausch in Kalifornien" dagegen basiert darauf, dass er in einer Goldmine in der Sierra Nevada arbeitete. "Nur durch die eigenen Eindrücke wird ein Roman realistisch", betont der Abenteurer. Ganz besonders sei das bei seinen Romanen über Australien gewesen. "Das Gefühl für die unendliche Landschaft des Outbacks oder den bloßen Geruch der Eukalyptusblätter kann man nur authentisch beschreiben, wenn man selbst dort gewesen ist." Dieser Auffassung folgend, reist Schröder immer an die Orte, über die er schreibt. Dabei hat er keine bestimmte Vorgehensweise: "Die Regel bei meinen Reisen ist, keine zu haben." Die Ideen zu seinen Büchern kommen spontan. In Australien fiel ihm beim Besuch eines Museums ein Gemälde auf, auf dem Menschen in für das 19. Jahrhundert typischer Kleidung unter einemJacarandabaum zu sehen waren. "Ich stellte mir die Frage, welches Schicksal diese Personen auf dem Bild wohl gehabt hatten", erzählt der seit 1995 in den Vereinigten Staaten lebende Mann. Von diesem Einfall ausgehend, begannen seine Frau und er detaillierter zu recherchieren. "Wie die Wühlmäuse" hätten sie nach Informationen in Büchern, Interviews und Kopien gesucht, erzählt er schmunzelnd. Mehr als 50 große Kisten voller Recherchematerial und 100 Seiten Notizen zu Kleidung, Geld oder Waffen seien zusammengekommen. Für den Roman habe er dann jedoch nur fünf bis sieben Prozent tatsächlich nutzen können. Doch die Mühe hat sich gelohnt: Laut der Bundeszentrale für politische Bildung zählt Schröders Australien-Roman "Unter dem Jacarandabaum" neben Werken von Günter Grass oder Hemingway zu den 100 lesenswertesten Romanen des 20. Jahrhunderts.

 

Ein ähnlich prägendes Erlebnis hatte er bei seiner Recherche zu dem Roman "Sir Francis - Pirat der sieben Meere". Mit Gänsehaut unternahm der damals 26-Jährige einen Besuch in die ehrwürdige British Library in London. In einen klimatisierten Spezialraum brachte ihm ein Saaldiener das originale Logbuch des englischen Weltumseglers Francis Drake. Bei der Studie des Schiffstagebuchs durfte er selbst keine der 400 Jahre alten Seiten umblättern, das übernahm der Saaldiener. Eine Stunde lang las Schröder in dem Buch und machte sich Notizen für seinen Roman. "Die Authentizität des Buches und seines Inhaltes ließen mich in die Geschichte dieses berühmten Freibeuters eintauchen." Wie unkontrollierbar der kreative Schreibprozess sein kann, wurde besonders bei Schröders Arbeit an dem Abenteuerroman "Die wundersame Reise des Jonathan Blum" deutlich: "Kaum fing ich an, mir die Figur Jonathan Blum vorzustellen, hat sie mich gepackt. Ich führte Gespräche mit dem Typen, nachts oder beim Spazierengehen." Innerhalb kurzer Zeit wurde so aus dem ursprünglichen 200-Seiten-Konzept ein Roman von mehr als 600 Seiten, in der die Figur neben einer Reise um die ganze Welt auch eine Reise zu sich selbst erlebt.

 

Wie intensiv die geistige Arbeit an seinen Bücher sein kann, zeigen Schröders Aufenthalte im Zisterzienserkloster Himmerod in der Eifel, wo der Autor in asketischer Lebensweise ohne Telefon oder Handy an einem Klosterroman schrieb. Auch in seinem Arbeitszimmer vergisst er alles um sich herum und konzentriert sich ganz auf seine Arbeit. Vor allem die finanzielle Abhängigkeit vom Erfolg seiner Werke musste er dabei gerade zu Beginn seiner Karriere ausblenden. Früher habe er noch nahezu am Bankrott vorbeigeschrieben, erinnert sich Schröder, doch seit dem Erfolg seines Schreibens könne er sorgenfrei reisen.

 

Bei der Entwicklung seiner Romane entscheidet er ganz spontan, zu welcher Zeit die Handlung spielen wird. Oft falle die Entscheidung schon bei der ersten Idee, wie bei der Entstehung des Romans "Das Geheimnis des Kartenmachers". Dessen Ursprung geht auf einen kleinen Artikel aus einem Magazin der "Times" zurück, in dem Schröder von einem Antiquitätenhändler gelesen hatte, der alte Karten aus dem 16. und 17. Jahrhundert gestohlen hatte. Während einer Reise nach Venedig baute er die Idee weiter aus.

 

Dass Geschichte Spuren hinterlässt, entdeckte Schröder auf jeder seiner Reisen. In den Vereinigten Staaten ließ er sich nieder, weil die persönliche Freiheit dort spürbar sei und eine viel größere Bedeutung habe als in Europa. Neben der amerikanischen besitzt er noch die deutsche Staatsbürgerschaft. "In den USA vermisse ich trotz allem das kulturell tradierte Umfeld Europas. Sind wir jedoch länger in Europa, verspüren wir wieder den Drang, in die USA zurückzukehren." Nicht zuletzt diese Zwiespältigkeit führt dazu, dass Rainer Maria Schröder und seine Frau spätestens alle sechs Monate aufbrechen. Wenn die Reise mit Wohnwagen losgeht, sind sich die Weltenbummler bewusst, dass das Paradies nirgends zu finden ist: "Überall, wo es Sonne gibt, ist auch Schatten!"

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung - Julian Burmeister

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