I bi en Edelmessi", behauptet Matthias Krucker von sich selbst. Der 39-jährige Schweizer nennt sich aber lieber "Kuk", was "Kunst und Kritizismus" oder einfach "königlich und kaiserlich" heißt, denn manchmal fühlt er sich selbst wie ein König, der über sein Chaos herrscht. Der Appenzeller lebt, seit er 18 Jahre alt ist, allein in seinem Gesamtkunstwerk in Schwellbrunn. Dieses Haus hat er während der Lehre in Degersheim entdeckt. Sein Erscheinungsbild passt zu dem Haus, denn er präsentiert gerne gesammelte Hüte, Kleider und Schmuck. Kuk trägt ein Nasenpiercing, und viele alte, große Ringe finden an seinen Fingern einen Platz. Zum Frühstück gibt es gerne einmal eine Siedwurst, und wenn sie gut ist, dann hat auch noch eine zweite Platz.
Warum er in einem "Puff" lebt, wird einem spätestens klar, wenn man sein kleines Haus in dem 2017 zum schönsten Dorf der Schweiz gewählten Ort betrachtet. In jeder noch so kleinen Nische gibt es etwas zu sehen, und das nicht nur im Haus. Aber man muss erst einmal den Eingang finden. Neben einem alten Metzgerei-Schild befindet sich ein kleines Vordach, dessen Platz natürlich auch total ausgenutzt wird. Die Haustüre, genau unter diesem Vordach, befindet sich zwischen Bildern, Schildern, Laternen und geht in dem Ganzen völlig unter. Wenn man dann das Haus betritt, geht es genauso zu und her. Es gibt gerade mal knapp zwei Plätze an dem großen Holztisch in der Küche, wo man sich, ohne etwas umzustoßen, hinsetzen kann. Während viele sich nicht vorstellen können, so zu leben, findet Matthias, dass das eine Einstellungssache sei, es könne halt nicht jeder in einem Schloss wohnen, was aber eigentlich sein Traum wäre. Kuk hat aber, obwohl es auf den ersten Blick nicht so erscheint, eine gewisse Ordnung im Haus und kann zu fast jedem Gegenstand etwas erzählen. Er nennt das Ganze "die Ordnung im Chaos".
In seinem Lebenslauf stand nicht schon immer selbständig. Gelernt hat er Landschaftsgärtner, doch das war ihm zu anstrengend und forderte ihn nicht wirklich, weshalb er sich entschied, sein eigener Chef zu werden und Kunst zu sammeln, zu verkaufen und selbst zu machen. Die Gegenstände kauft er von Flohmärkten, Brockenhäusern oder einfach von Privatpersonen, die etwas Altes haben und es nicht mehr brauchen. Letzteres kommt öfters vor, und so geht es nicht lange, und Kuk steht mit seinem farbigen alten Auto vor der Haustüre und stöbert interessiert. Wenn er dann etwas mit Namen oder Daten darauf findet, recherchiert er gerne nach, um zu wissen, was er denn da besitzen oder kaufen möchte. So stellt sich öfters heraus, dass einige Gegenstände mehr als 100 Jahre alt sind und eine lange Geschichte erzählen könnten.
Auch wenn vieles von ihm gesammelt ist, gibt es durchaus auch Bilder, die er selbst kreiert und ausgestellt hat. Er selbst mag es, alte Bilder und Gegenstände zu verändern und etwas Neues hinzuzufügen, also kommt es schnell vor, dass ein alter französischer Adliger auf einmal eine Appenzeller Tracht trägt und dazu einen Stumpen im Mund hat.
Während man vorsichtig durch sein Haus geht und ständig Angst hat, etwas umzuwerfen, stellt man sich irgendwann die Frage, wie er denn hier Ordnung hält und putzt? Er ist der Meinung, dass nicht immer alles steril sein muss, es sollte einfach nicht stinken und modrig sein. Wohl fühlen tut sich jeder rasch, denn es gibt mehrere Mäuse und einen Marder, die bei dem Künstler zu Hause sind. Es gibt auch einige Spinnen, die für die Beseitigung der Fliegen zuständig sind.
Seine Kunden sind vor allem Kunstbegeisterte, Sammler oder auch einfach Bauern, die sich für seine Volkskunst, wie zum Beispiel eine alte Brosche oder eine Kuhglocke, interessieren. Mit dem Verkauf hat er eine Einnahmequelle, womit er sich seine kleine Villa leisten und neue Dinge kaufen kann. Er verlangt aber nicht immer nur Geld, sondern lässt sich auch gerne zum Abendessen und einem guten Glas Wein einladen. Mit ihm Kontakt aufzunehmen ist aber nicht so einfach, wie man sich es vorstellt: Seine Telefonnummer ist nicht im Internet zu finden. Also muss man es eben auf die gute alte Art versuchen, das heißt einfach auf gut Glück bei ihm vor der Haustüre klopfen und hoffen, dass er nicht gerade auf Schatzsuche ist.
Besonders mag Matthias Krucker Volkskunst. Er liebt urtümliche Gegenstände, die von einfachen Leuten gemacht und auch genutzt wurden. "I weiss vo vielne Sache gär nümme, wos sind." Wenn man jetzt aber das Gefühl hat, Kuk sei fertig mit seiner Sammlung, dann täuscht man sich. Sein Haus ist wie eine Geschichte: Es kommen immer wieder neue Kapitel dazu. Zum Abschied gibt er noch mit auf den Weg: "Im Chline glücklich sie und dött ine au d'Schönheitgseh."