Das ist voll meine Kindheit

Thomas war der Kaspermann. Er konnte den Kasper so gut spielen, dass man sich krankgelacht hat. Ich habe die anderen Figuren übernommen und mich dadurch viel im Handpuppenspiel geübt", erzählt Wilfried Plein. Er sitzt im Zuschauerraum seines "Charivari-Puppentheaters", wo an den Wänden lauter Handpuppen hängen. Manche sind mehr als 90 Jahre alt. 1979 erfuhr Plein über eine Freundin, dass deren Bekannter Thomas Bohrer von seinem Großvater, einem Puppenspieler, einen Fundus an Handpuppen und Bühnenrequisiten erben würde. "Du bist doch so jemand, der immer etwas auf die Beine stellt, kannst du daraus nicht etwas machen?", habe sie ihn gefragt. Der damalige Aushilfslehrer für Kunst am Kant-Gymnasium in Münster willigte ein.

 

Zwei Monate später führten er, die Freundin und Bohrer ihr Stück "Kasper will das Gruseln lernen", vor Freunden und deren Freunden in einem zufällig gefundenen Hauskeller auf. Pleins einzige Erfahrungen mit Handspielpuppen hatte er bis dahin im Kunststudium oder bei deren Herstellung mit Schülern gesammelt. Das Theaterspielen habe sofort funktioniert. "Wenn bei einem eine bestimmte Schraube locker ist, klappt das Sprechen intuitiv. Ich bin automatisch von Figuren inspiriert", sagt er und schiebt seinen Arm in eine Kasperfigur, die ihm bis zum Ellenbogen geht. "Hallo, Kinder, seid ihr alle da?", gibt er eine kleine Kostprobe.

 

Von den Aufführungen wussten bald immer mehr Menschen, so dass sie regelmäßiger wurden und Plein sich ihnen ab 1982 vollberuflich widmete. In diesem Jahr nahm auch der Mangel an Lehrern wieder ab, weswegen er ohne Referendariat hatte unterrichten können. Daher musste Plein seine Stelle als Ersatzlehrer ohnehin abgeben. Schwer fiel ihm das nicht, denn Unterrichten sei anstrengend gewesen. Außerdem hatte er keine Lust, nach eigener Schul- und Studienzeit wieder an der Schule zu sein. Im Puppentheater sei er viel freier. "Ich bin mein eigener Chef. Wer will schon nicht der Bestimmer sein?", fragt der eher kleine Mann in bunt kariertem Hemd und kurzer Hose. Wenn ein neues Stück entsteht, arbeitet er täglich zehn Stunden daran, und das vier bis sechs Wochen lang. Den Spielplan lege er, wie er wolle, berücksichtige dabei, dass die Nachfrage im Winter höher sei als im Sommer.

 

Ein anderer Vorteil ist, dass er Musik machen kann. "Das hat mich schon als Kind begeistert. Ich habe in mehreren Bands gesungen und Gitarre gespielt. Lehramt anstatt Musik habe ich nur studiert, weil man von Musik nicht leben kann. Und man muss ja irgendwas werden." In seinen Aufführungen singen die Figuren viel, außerdem hat er CDs mit eigenen Liedern veröffentlicht.

 

Heute besteht das Theater neben dem gebürtigen Duisburger aus zwei professionellen Puppenspielerinnen. "Ich selber habe ja nur Learning by Doing gemacht", merkt der verheiratete Mann an. Außerdem gebe es eine Mitarbeiterin, die neue Figuren modelliere und sie mit Kostümen ausstatte. Aus dem Nebenraum erklingt das Rattern der Nähmaschine. Ein Kassierer, ein Verantwortlicher für die Plakate und ein Informatiker, der sich um die Homepage kümmert, sorgen dafür, dass die 250 jährlichen Aufführungen reibungslos ablaufen. 40 Stücke für Erwachsene oder Kinder sind im Repertoire. "Theater und Märchen waren ursprünglich nur für Erwachsene gedacht. Zur Zeit ihrer Entstehung kannte man den pädagogischen Ansatz noch nicht, Kinder durch Erzählungen zu erziehen. Erst später hat sich das geändert, weil die Geschichten verniedlicht wurden", erklärt der 68-Jährige.

 

In Münster ist das Theater bekannt. Jugendliche reagieren gewöhnlich mit "Das ist voll meine Kindheit". Kinder bitten meist um einen weiteren Besuch. Thomas Bohrer stellte das Spielen vor zwei Jahren ein. "Nur dank der sich unverhofft angebotenen Unterstützung durch Hendrikje und Paula, die beiden professionellen Puppenspielerinnen, konnte es weitergehen. So etwas nenne ich Fügung. Das ist bei mir schon öfters vorgekommen, zum Beispiel als ich diese Räume gefunden habe." Das Theater befindet sich in einer Kellerwohnung nahe der Innenstadt. "Und jetzt möchte ich hier so lange weitermachen, wie es mir Spaß macht. Ein wenig habe ich schon reduziert. Auch in den Urlaub nehme ich immer zwei, drei Handpuppen mit. Die hole ich aus der Tasche und lasse sie sprechen, wenn ich Kinder treffe. So lernt man viele nette Menschen kennen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung - Elisabeth Hüffer

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