Wenn Kinder früh etwas im Bauch haben, dann sind sie leistungsfähiger." Stefan Labus, im November vor elf Jahren einer der Gründer der Schweinfurter Kindertafel und Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutsche Kindertafel e.V., erklärt, warum gerade in Schweinfurt dieses spezielle Sozialprojekt, das es mittlerweile in mehreren deutschen Städten unter dem Dach des Bundesverbandes gibt, entstanden ist.
Labus merkte schon 2003, als er kurze Zeit im Stadtrat und dort im Sozialausschuss saß, dass Kinderarmut Schweinfurt besonders betrifft. Drei Hauptgründe nennt er: "Wir haben hier in der Stadt relativ viele Familien, die von Hartz IV leben, das heißt sozial Schwächere, dann haben wir die Gruppe der Alleinerziehenden, die für die Kindertafel eine nennenswerte Bedeutung haben, und wir haben sehr viele Kinder, die aus Familien mit Migrationshintergrund stammen, die unser Angebot ebenfalls annehmen. Circa 20 Prozent der Drei- bis 15-Jährigen leben in Schweinfurt in Kinderarmut. Das ist bayernweit 2017 ein Spitzenplatz gewesen." Um dieses Problem anzugehen, hatten er und seine Mitstreiter eine Idee: Spenden sammeln und Kindern so ein gesundes Frühstück, ein Lunchpaket ermöglichen.
Im Januar 2009 wurde das Projekt örtlichen Schulen vorgestellt. "In den Schulen wurde gefragt, ob es denn Kinder gebe, die nichts zu essen dabeihaben", berichtet Labus. Zu großen Teilen teilten die Schulen mit, es gebe einen Bedarf. "Wir haben Kinder, die hungrig sind und keine Lust auf Unterricht haben, weil sie nichts im Bauch haben", lauteten die Aussagen, die Labus erhielt.
Am Anfang war es nur eine Schule - mit damals 35 Päckchen am Tag -, nach und nach kamen immer mehr Schulen dazu. "Manche Rektoren haben das zu Beginn ein wenig kritisch gesehen, wenn wir mit unserem Kindertafel-Bus in den Schulhof reinkamen. Da sieht man ja offenkundig, die Schulen werden von der Kindertafel versorgt. Das war immer so eine kleine Herausforderung", räumt Labus ein. Aus einer Schule wurden fünf, aus fünf irgendwann zehn, zurzeit werden 14 Schulen und fünf Kindergärten im Schweinfurter Raum beliefert, alles in der Auslieferungsstunde zwischen 8 und 9 Uhr.
"Derzeit sind es ungefähr 400 Lunchpakete am Tag für Schweinfurt und Schwebheim", berichtet Rainer Zink, der Pressesprecher des Bundesverbandes Deutsche Kindertafel. Der ehemalige Berufssoldat ist als Oberstleutnant im Jahre 2006 in den Ruhestand versetzt worden. Die letzten sechs Jahre hatte er als Tutor in der Offiziersschule der Bundeswehr in Dresden verbracht. Er war auch im Auslandseinsatz, in Mazedonien zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Truppe.
Jede Schule entscheidet selber, wie viele Pakete sie benötigt. Das kann auch tagesaktuell verändert werden. Sobald ein Schuljahr startet, achten die Lehrer darauf, ob jeder etwas zum Frühstücken dabeihat. Wenn es Kinder gibt, die nichts haben, übernimmt es die Schule, die Eltern zu informieren. Falls sich herausstellt, dass es finanzielle Probleme gibt, wird ihnen das Projekt der Schweinfurter Kindertafel erläutert, an dem das Kind teilnehmen kann. "Es gibt dann schon Eltern, die sich angesprochen fühlen", so Labus. Er selbst hat einen Hintergrund als Spätaussiedler. Der 65-Jährige kam im Alter von zwölf Jahren nach Deutschland und musste die deutsche Sprache erst mal lernen. Nach der Schule heiratete er schon mit 19 Jahren. "Seit über 46 Jahren sind wir glücklich verheiratet", merkt er an. Zunächst erlernte Labus den Beruf des Drehers bei SKF Schweinfurt und machte danach seinen Meister. Nach 23 Jahren eröffnete er eine Fahrzeugverglasung, ein zweiter Betrieb, spezialisiert auf Wasserstrahlschneidetechnik, kam hinzu. "Es ist bei uns alles auf Familie aufgebaut."
Wie funktioniert das eigentlich mit den Spenden? "Wir haben, was die Spenden betrifft, einen kleinen Vorlauf, ein Polster", erklärt Labus. "Dies schaffen wir durch die Unterstützung großer Spender, wie zum Beispiel die ,Sternstunden' des Bayerischen Rundfunks, die uns bis 2013 jedes Jahr großzügig unterstützt haben. Die Anmeldung der Schulen bekommen wir vor den Ferien oder gleich in der letzten Ferienwoche, in der die Schule noch nicht beginnt. Am Anfang ist die Nachfrage noch etwas zögerlich, wird dann immer mehr. Wir können uns anpassen, die Kapazität des Personals ist da, bis sich im Laufe des Schuljahres eine Sättigung der Nachfrage ergibt." Rainer Zink arbeitet eng mit der AOK zusammen. Die AOK helfe, Ernährungspläne zu erstellen, damit die Kinder richtig versorgt werden. Aber auch namhafte Großunternehmen wie Ikea oder Coca-Cola griffen unter die Arme. Manchmal seien es auch Sachspenden, zum Beispiel für die Kücheneinrichtung.
"Es gibt bei uns zwei Arten von Lunch-Päckchen, eine vegetarische Variante, Quark, Käse oder mit Ei, und eine mit Geflügelwurst. Immer dabei sind Getränk und Obst. Jeden zweiten Tag steuern wir das neu. Die Verantwortung hat immer voll die Schule, welche Kinder es bekommen, und vor allem auch, dass nichts übrig bleibt, das ist für uns ganz wichtig", betont Labus. Nach seinen Angaben wurden hochgerechnet etwa 700000 Pakete im Laufe der Zeit bis heute fertiggestellt, stets mit einem Warenwert von 1,60 Euro und finanziert zu 100 Prozent aus Spenden. "Wir haben ein ungefähres Jahresbudget von 45000 Euro allein für Lebensmittel. Wir sind aber andererseits auch Weltmeister im Schnorren", lacht Labus angesichts seiner Spendenerfolge.
Zu diesen 400 Lunchpaketen, die jeden Tag ausgegeben werden, kommen noch Sonderprojekte. So erhalten die Schulen auch Rohware. "Ähnlich wie das Schulobst kann man bei uns für ein gesundes Frühstück Rohware bekommen. Hier sollen die Kinder lernen: Wie schmeckt überhaupt eine Paprika, wie schmeckt eine Tomate, was ist überhaupt Schnittlauch?", erklärt Labus.
15 bis 20 ehrenamtliche Helfer tragen sich Tag für Tag in einen Schichtplan ein und sind abwechselnd um 7 Uhr in der Einrichtung anwesend. "Wir brauchen pro Tag vier bis fünf Personen, denn sie müssen innerhalb von einer Stunde 500 bis 600 Scheiben Brot in die Hand nehmen, belegen oder streichen, zusammenklappen und einpacken. Wir haben nur ganz kurz Zeit, Frische aus dem Kühlschrank auf den Teller zu bringen und wieder in die Box, die dann abgeholt wird", erklärt Labus. "Die vorbereiteten Boxen werden danach aus der Einrichtung geholt und im Zyklus der einzelnen Schulen mit einem kleinen Transporter verteilt, so dass eine Stunde später alle Schulen und Kindergärten ihr Frühstück haben."
Im Schuljahr werden nach Worten von Zink und Labus in Schweinfurt 3500 ehrenamtliche Stunden geleistet. Es gibt Helfer aus unterschiedlichen Räumen, aus dem russischen, dem polnischen, aus Syrien, Jung und Alt. "3500 Stunden, das ist ein Haufen Holz", sagt Labus stolz. Der Bundesverband der Deutschen Kindertafel habe sich gegründet, damit er für neu entstehende Kindertafeln mit Erfahrung und Knowhow zur Verfügung, aber anfangs auch mit finanziellen Mitteln zur Seite stehen kann. "Das ist ein Dachverband für die anderen Kindertafeln in Würzburg, im Münchner Glockenbachviertel oder Lüneburg. Wir helfen den Kindertafeln, wenn sie sich neu aufstellen", sagt Zink.
Das zehnjährige Bestehen wird im Herbst gefeiert, am 17. und 18. November sind Ehrengäste eingeladen. "Es ist als kleines Dankeschön an die Sponsoren und die Helfer gedacht. Barbara Stamm, ehemalige Landtagspräsidentin in Bayern, wird da sein, und auch der Kabarettist Michl Müller hat zugesagt", freut sich Labus.
"Auch wenn wir die Kinder selber nicht zu Gesicht bekommen, sie bleiben für uns anonym, freut es uns sehr, die ganzen Danksagungen und Bilder zu sehen, die wir mittlerweile in sehr vielen Ordnern mit sehr viel Stolz aufbewahren", versichern Labus und Zink.
Eines der schönsten Erlebnisse war der Anruf vom Zirkus Knie. Er hatte in Schweinfurt gastiert und von der Kindertafel gehört. "Der Verantwortliche sagte zu mir, dass er für den nächsten Tag 350 freie Eintrittskarten für Kinder habe. Das war die Gelegenheit, alles mobil zu machen, was geht. Wir haben es wirklich geschafft, einen Tag später mit vielen Helfern, Elternbeiräten und Schulen rund 300 Kinder zu organisieren, die zum Zirkus wollten. Obendrauf gab es Zuckerwatte und Popcorn. Der Zirkus hat an diesem Tag quasi nur für die Kindertafel gespielt. Wir haben als Danke-Symbol limitierte Pokale für besondere Sponsoren, von denen gibt es 100 Stück. Bis heute haben wir nur 44 Stück vergeben, und einen davon hat der Zirkus bekommen."