Natürlich war es immer so ein kleiner Nervenkitzel, über die Bojen hinauszuschwimmen", erzählt Ute Schneider (Name geändert) aus ihrer Kindheit an der Grenze zur DDR. Eine Neubausiedlung am Rand von Kladow, einem Stadtteil von Berlin, die Häuser sind alle gleich gebaut, hinter ihrem Garten geht der Blick über ein Feld auf einen großen See, in dessen Mitte zu Zeiten des Kalten Krieges die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten verlief. Eine Reihe weißer Bojen, wie eine Perlenschnur aneinandergereiht, markierte die Grenzlinie. Am anderen Ufer stand dann die Mauer. Ute Schneider wuchs auf der westdeutschen Seite auf. Nun, mit 55 Jahren, lebt sie in einer minimalistisch eingerichteten Wohnung im Herzstück von Berlin-Kreuzberg. Mit ihrer schlanken Figur, den kurzen Haaren und den dezent geschminkten Augen macht sie auch mit einem schlichten Rock und Oberteil eine gute Figur. Sie sitzt auf ihrem kleinen, gelben Sofa, daneben zwei große Bücherregale, ein kleiner Fernseher und viele Topfpflanzen.
Es war für sie keine große Überraschung, herauszufinden, dass ihre Eltern Stasi-Spitzel waren. Es war eher ein langsam wachsender "Aha"-Moment, und als dieser kam, sei es erst mal komisch gewesen. "Und dann wollte ich auch wissen: Was haben die gemacht?" Mittlerweile haben sich viele Akten angesammelt, die seitenweise von bedeutungslosen, aber teilweise auch lustigen Informationen handeln. "Man wollte sich auf einem Autobahnrastplatz treffen, aber der eine stand in Richtung Nürnberg, der andere in Richtung Berlin, da ist klar, dass man sich nicht treffen kann. Und das eben nenne ich dieses Aufgebauschte. Dass man eben einen riesigen Mythos um den Geheimdienst macht."
Ihr Vater wurde 1953 von der Stasi als Spitzel rekrutiert, er gab sich selbst den Decknamen "Rabe". Rabe flog von der Leipziger Universität, wo er Medizin studierte. Ute Schneider erklärt, warum: "Er hatte mehrfach Frauenbesuch in seinem Wohnheim, obwohl dies gegen die Hausordnung verstieß, und dazu kam noch, dass er zu der Zeit eigentlich verheiratet war. Das wurde damals natürlich nicht gerne gesehen. Dazu kamen noch diverse Schlägereien und Events, an denen er hätte teilnehmen müssen, sich aber vertreten ließ und das Geld, welches er bekommen hätte, trotzdem einsteckte." Daraufhin reiste er nach West-Berlin, um sich dort an der Uni zu bewerben, doch auf dem Rückweg fing ihn die Transportpolizei ab, welche damals zur Stasi gehörte. Denn nach 1952 war es strafbar, die DDR ohne Genehmigung zu verlassen.
"Das Stichwort, mit dem sie ihn dann angeworben haben, war Wiedergutmachung. Das ist eine total übliche Methode gewesen, dass die Stasi gesagt hat: Du hast eine Straftat begangen, aber wir gucken mal großzügig darüber hinweg. Du musst uns nur einen kleinen Gefallen tun", schildert sie das System der Erpressung. Rabe hoffte, dadurch weiter in Leipzig studieren zu können. Doch die Stasi schickte ihn nach West-Berlin, wo er das "Amt für gesamtdeutsche Studentenfragen" auskundschaften sollte. Nach dem Mauerbau zählten allgemein zu den Aufgaben der Spitzel auf der Westseite die Sicherung der Mauer sowie das Melden von Flüchtlingen oder Fluchthelfern.
Auch seine Frau wurde 1958 unter dem Decknamen "Jutta" ein Spitzel. Da Jutta politisch engagiert war, hoffte die Stasi auf eine politische Karriere ihrerseits, um später mit ihrer Hilfe Politiker der Bundesrepublik positiv in ihrer Haltung gegenüber der DDR beeinflussen zu können. Diese Karriere blieb aber aus, da Jutta in den 1960er Jahren dreimal Mutter wurde. "Mein Vater wurde dann in den 70ern abgesetzt, weil er zu spießbürgerlich geworden war. Außerdem wurde er als nicht brauchbar eingeschätzt, da er fast zwei Jahre brauchte, um einen toten Briefkasten einzurichten. Das ist zum Beispiel ein Metallrohr im Boden, wo ein Spitzel etwas versteckt und ein anderer es abholen kann, damit die beiden nicht in Verbindung gebracht werden konnten." So endete die Stasi-Karriere der Eltern. Jutta blieb Hausfrau und Mutter, bis sie 1981 verstarb.
Rabe arbeitete als Arzt weiter und lebte noch bis 2013. Ute Schneider hält zwar nicht viel von dieser Tätigkeit ihrer Eltern, sie erklärt sich dies mit der anfänglichen Begeisterung der Eltern für die DDR, die dann schließlich in der Bereitschaft mündete, für die Stasi zu arbeiten.
Ihr versöhnlicher Ton und ihr mildes Urteil hat viel mit den Erfahrungen aus ihrer Kindheit zu tun: "Ich bin mit vielen Produkten aus der DDR groß geworden, und das waren gute Dinge. ,Professor Flimmerich' oder eben auch ,Der schwarze Kanal'. Wir haben jede Menge DDR-Fernsehen gesehen. Meine Mutter hat mich auch krankgeschrieben, damit ich Filme sehen konnte, die im DDR-Fernsehen spät abends liefen und für die Schichtarbeiter morgens wiederholt wurden. Dann musste ich mir Filme ansehen wie zum Beispiel ,Nackt unter Wölfen' oder ,Professor Mamlock'", schwärmt sie noch heute begeistert.
Auch die Erinnerungen an ihre Verwandten väterlicherseits sind durchaus positiv. "Der größere Teil unserer Familie war halt in der DDR, und die fühlten sich dort pudelwohl. Und die Großeltern, die schon Reiseerlaubnis hatten, sind auch immer brav wieder zurückgefahren. Die hatten einfach Familienleben." Mit diesen positiven Erlebnissen erklärt sie sich ihre geringe Empörung bei der Entdeckung der Stasi-Tätigkeit ihrer Eltern: "Daher war es für mich kein Schock: ,Wie kann man nur für die Stasi arbeiten?'. Sondern es war eigentlich eher mulmig von wegen: ,Was haben die da gemacht?', denn die Stasi war für mich nicht das Feindbild und auch die ganze DDR war halt kein Feindbild, und deswegen bin ich als Kind mit dem Verständnis aufgewachsen, dass da zwar ein anderes Land ist, aber kein schlechteres."
Während sie sich in der Bewertung ihrer Kindheit um ein ausgewogenes und gerechtes Urteil bemüht, ist sie sich in einem Punkt doch mehr als sicher: "Das DDR-Sandmännchen ist einfach echt besser gewesen als das West-Sandmännchen."