Wer wird mir heute dabei helfen, diese schweren Ordner zu tragen? Wird mir jemand mit den schweren Türen helfen? Hilft mir jemand mit dem Kopierer, der so groß ist, dass ich ihn sitzend kaum bedienen kann? Wie komme ich diesmal zur Arbeit?" Das sind Fragen, die sich Zeynep Hayta täglich stellen muss. Es ist 6.10 Uhr. Ein neuer Tag beginnt. Jetzt muss sie sich beeilen. Sie ist gestresst. In 50 Minuten steht ihr Taxi vor der Tür. Es wird sie zur Arbeit fahren, so wie sonst auch. Zu einer privaten Mittelschule, in der sie als Buchhalterin beschäftigt ist. Erleichterung überkommt sie, als sie endlich im Taxi sitzt. Die Sorgen, die sie hätte, wenn sie mit der Bahn fahren müsste, wären zu groß gewesen. Gehbehinderte haben einfach viel zu viele Schwierigkeiten, am Bahnhof zurechtzukommen. Viel zu oft sind die Aufzüge defekt, oder es fehlen Rampen, ohne deren Hilfe sie es vergessen kann, in die Bahn zu gelangen, was ihr eigentlich ganz recht ist, wenn sie an die überfüllten Waggons denkt. Der Gedanke, sich dort hineinzuzwängen und den Blicken der anderen Fahrgäste ausgesetzt zu sein, erfüllt Zeynep mit mehr Selbstzweifel, als sie zugeben würde.
Die 29-Jährige aus Stuttgart-Remshalden ist seit ihrem 17. Lebensjahr berufstätig. Sie lebt mit ihrer siebenköpfigen Familie zusammen, mit der sie sich gut versteht. Seit ihrer Geburt leidet sie an ihrer Gehbehinderung, sie sitzt immer schon im Rollstuhl und weiß nicht, wie es ist zu laufen. Auch wenn sie sich in ihrer Familie und unter Freunden niemals eingeschränkt fühlen musste, wird sie im Arbeitsleben doch häufiger damit konfrontiert, als sie dachte. Bei der Arbeit angekommen, steht sie schon den ersten Hürden gegenüber. "Wer öffnet die Tür, die dreimal so groß ist wie ich?" Nach Hilfe zu fragen, musste sie sich angewöhnen. "Ich muss das selber schaffen", sagt sie sich immer wieder. Die Türen öffnen sich. Das Geschrei der Schüler kommt ihr entgegen. "Ich schäme mich nicht oder so, ich habe mich mit meiner Situation abgefunden und kann ganz aufrichtig sagen, dass ich stolz auf mich bin und auf das, was ich bis jetzt alles erreicht habe." Macht ihr unsere oft zu schnell urteilende Gesellschaft nicht manchmal Angst? "Ich bin jedoch temperamentvoll und zweifle daran, ob ich bei dummen Blicken von anderen wirklich in der Lage bin, nichts zu sagen", antwortet sie eher amüsiert.
Entspannung, Erleichterung und das Gefühl, willkommen zu sein, verspürt sie, sobald sie zur Arbeit aufbricht. Ihr Arbeitsplatz bietet ihr trotz des Rollstuhls genug Raum zur Bewegung. Sie fühlt sich sofort wohl, als sie die Tür zu ihrem Büro hinter sich schließt. Es ist noch ein bisschen dunkel. Im Raum hängt der leichte Duft von Kuchen, den sie am Tag zuvor von ihrer Kollegin bekommen hatte. Trotzdem ist es durch die zwei Meter hohen Schränke mit den schweren Ordnern nicht immer leicht für die junge Frau. Auch der Drucker, der sich nicht auf ihrer Sitzhöhe befindet, macht ihr Schwierigkeiten.
"Zeynep empfindet es häufig als eine Hürde, die sie zu überwinden hat, wenn sie uns etwas fragen muss. Trotzdem stellen wir immer wieder klar, dass es für uns selbstverständlich ist, ihr zu helfen", sagt Kanagasabai Dahrmiswaran. "Wir wissen alle, dass das mit dem Ordnersystem nicht schlau durchdacht ist, dennoch versuchen wir jedes Mal, es für sie leichter zu machen." Dahrmiswaran ist der Hausmeister ihrer Schule. Er kommt aus Senegal und arbeitete hier schon, als Zeynep gerade erst angefangen hatte. Auch wenn sie anfangs ein wenig eingeschüchtert auf seinen grimmigen Blick reagiert hat, hat sie ihn inzwischen ins Herz geschlossen und kann sich die Arbeit ohne ihn und seine Witze gar nicht mehr vorstellen. Das Verhältnis, das alle Kollegen miteinander haben, sei so oder so überdurchschnittlich gut.
Die Schule hat elektrische Türen mit Sensoren installiert, die sich öffnen, sobald man sich ihnen nähert. Die Tische sind inzwischen in ihrer Höhe verstellbar. Auch die Behindertentoiletten in der Schule sind für Rollstuhlfahrer kein Problem mehr. Zeynep fühlt sich mit der Einrichtung in der Schule wohl, da sie auch noch einen Fahrstuhl hat, der jederzeit für sie verfügbar ist. Meist fährt sie gemeinsam mit ihren Kollegen runter in die Kantine, um dort mit ihnen zusammen zu essen. Diese bringen ihr dann das Essen an den Tisch, damit sie sich mit ihrem Rollstuhl nicht in der Schlange anstellen muss. Die Schlange, die so lang ist, dass sie bis zum Flur hinausführt, besteht zum größten Teil aus hungrigen Schülern, die so laut sind, dass man sie in der ganzen Schule hört.
"Ja, sie ist mir schon öfter begegnet, als ich in der Schule unterwegs war, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich nie wirklich wahrgenommen, dass sie im Rollstuhl sitzt. Man sieht es schon, klar, aber es ist nicht so, dass es jemanden stört, im Gegenteil", erklärt eine Schülerin, die wir ansprechen. "Ich wünsche mir, dass andere Menschen, die sich in derselben Situation wie ich befinden, auch so viel Glück haben, an einen Ort mit so viel Verständnis zu kommen und sich einbringen zu können, auch wenn es anfangs ein wenig Kraft erfordert, mit allem klarzukommen und die Situation, wie sie ist, zu akzeptieren", sagt Zeynep Hayta.