Die Kantstraße ist nicht wirklich schön, aber cool

Könnte Kant die Kantstraße sehen, würde er sich im Grab umdrehen, denn von seiner so hochgehaltenen und geschätzten Disziplin ist hier nicht viel zu entdecken. Schließlich fand der aufklärerische Philosoph, dass ein strenges Sittengesetz eine neue Qualität des Menschseins schaffe. Und in der Kantstraße gibt es genau die eigentlich nicht. Die vier Kilometer lange Straße in Berlin-Charlottenburg ist laut, dreckig und für jeden Fahrradfahrer ein Graus, und es gibt eigentlich alles - und alles ist wild durcheinandergewürfelt. LED-Reklamen für Nagelstudios reihen sich an etliche asiatische Restaurants, und dazwischen gibt es Thai-Massagen und Friseure.

 "Letzten Endes ist die Kantstraße einfach so eine Art Asia-Town, mit Anwohnern und ab und zu einer Garage zwischendrin", beschreibt Daniel Schünemann die Kantstraße. Zwischen Reisebüro und Fußreflexzonenmassage befindet sich der mikroskopisch kleine Imbiss "Son Kitchen", den er sich zusammen mit seinen zwei Freunden aufgebaut hat. Gerade steht er davor und plant mit seinem Nachbarn ein Fest für die Hausgemeinschaft. Der Laden ist winzig, durch ein kleines Fenster in der rot gefliesten Wand wird das Essen herausgereicht, und man kann es an zwei Stehtischen auf der Straße verspeisen. Das Essen ist aber keineswegs normal, hier wird koreanisch mit südamerikanisch und arabisch kombiniert. Daraus entsteht zum Beispiel ein Taco, gefüllt mit Kimchi und arabischen Gemüse. "Was uns außergewöhnlich macht, ist: Dadurch, dass wir Berliner Jungs sind - mit koreanischen Wurzeln -, haben wir letzten Endes nur das produziert, was wir mögen und was Berlin herzugeben hat." Davon inspiriert, sind die Gerichte auf der Karte von "Son Kitchen" entstanden. Die Kantstraße ist dabei eigentlich nur zufällig der Standort geworden.

 Ähnlich ist das bei Hamid Nosrati, der einen Friseur-Salon in der Straße betreibt. Die Kantstraße war für ihn Schicksal. "Das war zufällig, ich bin einen Tag nach Wannsee gefahren, und auf dem Rückweg war hier der leere Laden. Ich habe so reingeschaut, und dann habe ich gesehen: Die Sonne steht da oben, und dann dachte ich: Hier gibt es Sonne, hier kann ich meinen Salon machen." Und auch heute noch kann man Hamid Nosrati im Sommer vor seiner Tür sitzen sehen - in der Sonne. Genau das macht er auch am liebsten, erklärt er: "In der Sonne sitzen, ab und zu auch Haare schneiden und dann viel Fahrrad fahren." Beim Haareschneiden bekommt man laut Internet-Bewertungen gratis Tanzeinlagen dazu. Auch jetzt läuft die Musik so laut, dass man sein eigenes Wort kaum verstehen kann, aber das scheint die Kunden nicht zu stören. Das Herzstück seines Ladens ist, so sagt er, "ich selber". Und das ist unschwer zu erkennen. Der gesamte Laden trägt seine Handschrift, das Schaufenster ist voll mit Bildern von ihm. Er selbst ist dünn, hat lange, schwarze Haare und ist auf den Bildern beim Ausführen von Pudeln, beim Reiten oder Joggen zu sehen. Der Rest des Ladens ist mit Plastikblumen und Marmorstatuen geschmückt, und alles erstrahlt in Rot und Gelb. Für Hamid Nosrati, der in den 80er Jahren aus Teheran nach Berlin kam, steht die Kantstraße für "Multikulti - und wenn man aufsteht und am frühen Morgen sieht, wie alle zusammenarbeiten".

 Genau das ist es, was auch Daniel Schünemann schätzt - die Gemeinschaft in der Kantstraße. "Ich kenne wirklich jeden Ladenbesitzer hier, was zumindest die asiatische Küche angeht, und man unterstützt sich, wo man kann." Seit einiger Zeit kommt die Kantstraße immer mehr in Mode, das bemerkt auch er. "Es kommen sehr, sehr viele Leute her, die international sind. Das liegt auch daran, dass die Kantstraße zurzeit mehr als gehypt wird."

 Die Kantstraße ist nicht wirklich schön, aber das ist cool, das ist für viele Berlin. Der Mix aus vor allem Asia-Town, normaler Straße und Cafés hat seine ganz eigene Aura. Man kann hier aber auch tatsächlich noch in einem über sechzig Jahren alten Familienbetrieb Korsette kaufen, in einem anderen alteingesessenen Laden Plastikblumen und Parfum nach Gewicht oder ein paar Meter weiter Briefmarken. In der Kantstraße muss man nicht suchen - man findet.

 Außerdem scheint jeder Berliner, zumindest jeder Westberliner, diese Straße zu kennen. Und immerhin gibt es in Berlin 5477 Straßen, wobei zu bezweifeln ist, dass jeder jede kennt. Für manche bedeutet diese Straße aber noch mehr, wie für Melissa Schwanke, die gerade vor dem Asia-Supermarkt steht. "Ich verbinde mit der Kantstraße meine Kindheit, weil ich hier aufgewachsen und mit meinen Eltern die Kantstraße runtergeschlendert bin." Und für sie ist die Kantstraße auch ganz klar irgendwie Asia-Town: "Es gibt bemerkenswert viele Asia-Läden, und dieses ganze Flair kommt auch sehr gut rüber." Sie will jetzt Zitronenbasilikum kaufen. Vielleicht würden Immanuel Kant die Haare zu Berge stehen, wenn er koreanisches und wild kombiniertes Streetfood zu essen bekäme oder jemand bei seinem Haarschnitt anfangen würde, wild zu tanzen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine GmbH - Carlotta Cölln

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