An diesem Tag endete ihre unbeschwerte Jugend

Ich habe meine wirkliche Mama verloren und einen neuen Menschen bekommen." Lara (Name geändert) ist 19 Jahre alt, hat lange, braune Locken, ein selbstbewusstes Auftreten und kommt aus der Nähe von Alzey. Sie war noch ein junges Mädchen und gerade in ihrer Pubertät, als ihre Mutter vor mittlerweile vier Jahren einen Schlaganfall erlitt. Lara kann sich noch ganz genau an den Tag erinnern, an dem sie als 15-jähriger Teenager von den Ferienspielen nach Hause kam und sich ihre Mutter über Kopfschmerzen und Übelkeit beklagte. Ihre Familie hatte sich nichts Schlimmeres dabei gedacht und ging von einer harmlosen Migräne aus. "Ich saß im Wohnzimmer, als ich einen lauten Schrei von meinem Vater hörte. Ich rannte sofort ins Badezimmer und hab gesehen, wie meine Mutter blass und regungslos auf dem Boden lag. Das war ein Bild, dass ich nie wieder aus meinem Kopf bekommen werde." Kurz darauf kam ihre Mutter ins Krankenhaus. Sie als junges Mädchen konnte einfach nicht realisieren, wie ernst die Lage war, da ihre Mama noch immer mit ihnen reden konnte. Innerhalb von wenigen Tagen erblindete sie, war linksseitig gelähmt und wurde ins künstliche Koma versetzt.

 "Seitdem verhält sie sich wie ein kleines Kind, das nicht weiß, wer sie selbst oder wer ich bin, ihre Tochter", sagt Lara gefasst mit einem traurigen Blick. Anfangs hatte ihre Familie einen Pflegedienst, doch der hat ihre Mutter emotionslos wie ein Gegenstand behandelt und sie innerhalb von Sekunden frisch gemacht.

 Da entschlossen sich Lara und ihr Vater, von nun an alles selbst zu machen, das heißt morgens, mittags, abends Essen geben, mehrmals am Tag ihre Mutter frisch machen. Nebenher musste Lara noch die Schule und den ganzen Haushalt managen. Genau in der Zeit, während ihre Freunde anfingen, jeden Abend wegzugehen, musste Lara schnell erwachsen werden und schon mit 15 Jahren eine große Verantwortung übernehmen.

 Genauso musste sie feststellen, dass es keine Möglichkeiten gibt, diese verlorene Zeit und Erfahrungen nachzuholen, die normalerweise jeder Teenager in diesem Alter sammelt. Da ihr Vater selbständig ist und seinen eigenen Weinhandel zu Hause hat, brauchen sie wenigstens keine betreuende Hilfskraft, während Lara in die Schule gehen muss. Dennoch ist ihre Jugend an ihr vorbeigeflogen, da immer jemand zu Hause bleiben muss, falls ihre Mutter einen Anfall bekommt, denn immer kann ihr Vater natürlich nicht zu Hause sein. Außer diesen neuen Aufgaben kommt noch die psychische Belastung hinzu, denn Lara hat ihre Mutter in einer Zeit verloren, in der sie sie besonders gebraucht hätte. Denn ihre Mutter war ihr einziger Ansprechpartner, ihre direkte Bezugsperson, mit der sie über ihre Gefühle und Probleme gesprochen hat. "Anstatt mit irgendjemanden über das Geschehen zu reden, habe ich alles in mich hineingefressen, da ich natürlich auch niemandem aus meiner Familie zur Last fallen wollte. Heute weiß ich, das war ein großer Fehler, der sich stark auf meine Psyche ausgewirkt hat."

 Bis heute merkt sie, dass sie nach so vielen Jahren immer noch viel verarbeiten muss, was sie besonders durch ihre häufigen Albträume zu spüren bekommt. Vor dem Schlaganfall war es ihr auch besonders peinlich und unangenehm, wenn ihre Mutter fremde Leute mit weit aufgerissenen Augen angestarrt hat, aber sie würde jetzt alles dafür geben, diesen Blick noch mal zu sehen. Früher, wenn Lara mit ihrem Vater und ihrer Mutter im Rollstuhl in der Öffentlichkeit unterwegs war, wurden sie offensichtlich angestarrt. "In so Situationen habe ich zu mir gesagt: Hey, Lara, komm, das ist deine Mama, sie ist nun mal jetzt, wie sie ist, und sie kann ja nichts selbst dafür, trotzdem sind die Blicke der Leute sehr unangenehm."

 Für ihre Zukunft wurde ihr oft geraten auszuziehen, um ihren eigenen Weg gehen zu können und dieser ständigen Verantwortung zu entfliehen. Jedoch kommt das nicht in Frage, denn ihren Vater im Stich zu lassen mit dieser ganzen Situation ist keine Option. Also hat sie sich dazu entschlossen, zur nächstgelegenen Universität zu pendeln, während sie einen sozialen Studiengang belegt, anstatt der Verantwortung zu Hause den Rücken zu kehren und weit weg zu studieren. "Ich habe natürlich eine Verantwortung, aber jeder hat irgendwo eine Last, die er mit sich schleppen und damit klarkommen muss. Solange man nicht den Kopf hängen lässt, weitermacht und nicht aufgibt, kann man alles schaffen. Vor allem mit Freunden, die einen immer unterstützen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine GmbH - Marie-Sophie Döß

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