Glänzender Abgang

Wenns nid funktioniert, isches ä lehrrichi Zit gsi, wenns Anklang findet, kann es a Coca-Cola-Idee si", damit begann die Geschäftsidee von Rinaldo Willy. Der 37-Jährige mit etwas rundlicher Brille, braunem Haar und roter Cordhose hatte die Idee, aus dem Kohlenstoff der Kremationsasche Diamanten anzufertigen. Durch seine eigene Krebserkrankung musste sich der damals 23-jährige gebürtige Bündner relativ früh mit dem Tod auseinandersetzen. In seiner Familie war es üblich, die Asche der Verstorbenen zu verstreuen. Dies wollte er aber nicht.

 Während seines Studiums der Betriebswirtschaft in Chur las er einen Artikel, in dem es um die Diamantentwicklung aus verschiedenen Kohlenstoffquellen ging. Jedoch verstand Rinaldo Willy den englischen Text eines Russen falsch. Im Text wurde von allgemeiner Asche gesprochen, Willy jedoch verstand Kremationsasche darunter. So entstand seine Idee aus Kremationsasche einen Diamanten zu machen. Damals wusste er noch nicht, dass er den Text falsch interpretiert hatte. Sein damaliger Dozent klärte ihn jedoch auf. Trotz der falschen Annahme verfolgte Rinaldo Willy seine Idee weiter. Glücklicherweise fanden er und sein Lehrer nach vielen Nachforschungen heraus, dass man aus dem Kohlenstoff in der Asche tatsächlich einen Diamanten züchten kann.

 Nach vielen Testversuchen, unter anderem mit Tierasche, hatte Rinaldo Willy im Jahr 2003 die Produktionssicherheit. Obwohl kein klassisches Marketing betrieben werden konnte, weil es um den Tod geht, wuchs das Geschäft schnell. "Woni d Reaktione bi da Aghöriga gse ha, hani gwüsst, da hät Zuakunft." Bald übernahm die neugegründete Firma Algordanza aus Domat/Ems im Kanton Graubünden die Marktführerposition.

 "Im Grund gno isches scheisse för mi." Die sonst so positive und optimistisch wirkende Erika Ott sagt geradeaus, was sie denkt. Dass ihr Ehemann Robert Ott vor einigen Jahren verstorben ist, macht sie immer noch traurig. Sie sitzt in ihrer Stube, die mit vielen Bildern und Statuen von Tieren geschmückt ist, vor allem sind es Hunde. Der treue Windhund namens Nadal begleitet sie jeden Tag, auch heute noch. Mit ihrem königsblauen Strickpullover, der perfekt mit den blauen Brillenbügeln der sonst braunen Brille harmoniert, sieht die 77 Jahre alte Witwe deutlich jünger aus. Ihre Fingernägel sind rot lackiert. Am linken Ringfinger trägt sie einen goldenen Ring mit einem bläulichen Diamantstein. Dieser Diamant entstand aus der Kremationsasche ihres Mannes. Vor einigen Jahren erkrankte Robert Ott schwer. Als Erika Ott mit ihrem Mann eine Sendung zum Thema sah, waren sie erstaunt über die Tatsache, dass man aus Kremationsasche einen Diamanten herstellen lassen kann. "Da will i au vo dir", erklärte Erika Ott ihrem Ehemann. Die Familienangehörigen waren begeistert und erstaunt von dieser Idee, dass dies überhaupt möglich sei. Als es dann so weit war, trat die Familie Ott mit Simon Abderhalden in Kontakt. Der 47-jährige Bestatter mit eidgenössischem Fachausweis setzte sich mit der Firma Algordanza in Verbindung. Einige Wochen nach der Abgabe von ungefähr 500 Gramm Kremationsasche hatte Ott ihren geliebten Ehemann wieder bei sich. Den restlichen Teil der Asche verstreute die Witwe in ihrem Hochbeet vor ihrem zierlichen Holzhaus.

 Weil in der Schweiz kein Friedhofszwang für Kremationsasche besteht, ist so etwas zugelassen. Sie trägt den Ring mit dem gezüchteten Diamanten tagein, tagaus und legt ihn nie ab. Überall kann der Ring, also der Ehemann, mitgenommen werden, "er brucht nöd mol ä Billet". Wenn die aufgestellte Frau nicht am Lesen, Krimi schauen oder mit dem Hund beschäftigt ist, spricht sie auch gerne mal mit dem Ring, als wäre Robert Ott noch da.

 Im Industriegebiet von Domat/Ems befindet sich das einstöckige Firmengebäude. In einem hellen Raum mit großem Bildschirm, auf dem Firmenwerbung läuft, wird der fertige Diamant übergeben. Es herrscht eine angenehme Atmosphäre mit den bequemen Stühlen um den großen Holztisch. Der Ort ist zum einen ein Platz der Trauer, weil einem durch die Abgabe der Asche der Verlust eines Angehörigen bewusst wird. Zum anderen ist es eine Stelle der Freude, da ein geliebtes Familienmitglied als Andenken zurückkommt. Die Papiertaschentücher auf dem Tisch deuten diese Gefühlsbreite an.

 Die Diamanten werden in speziellen Maschinen unter naturähnlichen Bedingungen, die aus Hitze und Druck bestehen, gezüchtet. Das sogenannte Wachsen der Steine dauert je nach Größe zwischen zwei bis acht Wochen. Der dafür benötigte Kohlenstoff wird in einem komplizierten chemischen Vorgang der Asche entzogen. Der fertig gewachsene Rohdiamant kann nun nach Wunsch geschliffen oder mit einer winzigen Inschrift, die nur unter dem Mikroskop sichtbar ist, verziert werden. Jedes einzelne wertvolle Andenken wird vom Geschäftsführer nochmals genau begutachtet und überprüft. "Algordanza" bedeutet auf Rätoromanisch Erinnerung. Und diese Algordanza soll schließlich perfekt sein.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine GmbH - Leonie Abderhalden

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