Abstand zu den Keglern halten

Heulend, rufend und vergnügt räkeln sich Kegelrobben am Strand der Helgoländer Nebeninsel "Düne" in der Sonne. Ab und zu streckt eines der mehr als 30 Tiere seine Schwanzflosse in die Höhe. Anhand von Schildern, die am Strand aufgestellt sind, erklärt die für die Düne zuständige Schutzbeauftragte Rebecca Ballstaedt der Besuchergruppe, wie der vorgeschriebene 30-Meter-Abstand zu den Robben ermittelt und eingehalten werden kann. Schilder zeigen einem in Metern den jeweiligen Abstand zur Robbenkolonie an. "Dieser Abstand ist sehr wichtig, denn Kegler sind nicht nur neugierig, sondern auch Raubtiere. Hinzu kommt, dass die Mütter ihre Jungtiere beschützen wollen", warnt sie. Zur eigenen Sicherheit, aber auch damit die Kegler den ihnen zustehenden Ruheplatz erhalten, dürfen die Dünenbesucher die Tiere nur aus dieser Entfernung beobachten und fotografieren.

Während Ballstaedt ihr Fernglas in der Gruppe durchreichen lässt, kreisen über den Robben und ihren Beobachtern am Himmel mehrere Seevögel, deren Rufe und Schreie deutlich am Boden zu hören sind. Einige von ihnen verlassen die Schar und steuern ihren Flug zur Hauptinsel, wo sich unzählige Nester am berühmten Lummenfelsen von Helgoland befinden. Zusammen verwandeln diese und ihre Insassen den Felsen zu einer weiß-grauen Wand. Dem allgegenwärtigen Gekreische der Vögel ist in der Nähe des Lummenfelsens kein Entkommen. Genau dort hat Elmar Ballstaedt, Rebeccas Ehemann, auf dem Oberland am Geländer des gepflasterten Inselweges einen idealen Beobachtungsposten bezogen. Durch sein Fernrohr beobachtet der begeisterte Ornithologe die verschiedenen Vögel in ihren bunten, zum Teil aus Plastikschnüren bestehenden Nestern. Ein Basstölpel reckt, sich aufplusternd, den Schnabel in die Höhe, während sich zwei Dreizehenmöwen einen federfliegenden Kampf liefern. Teils respektvoll, teils misstrauisch gegenüber der jeweiligen anderen Art ziehen die unterschiedlichen Tiere nebeneinander ihre Jungen groß, jede Vogelart an einem eigenen Platz am roten Felsen und auf ihre eigene Weise. Eines ist den verschiedenen Vogelarten Basstölpel, Eissturmvogel, Tordalk, Trottellumme und Dreizehenmöwe jedoch gemeinsam: "In Deutschland brüten sie alle nur am Helgoländer Lummenfelsen", sagt der gebürtige Freiburger Ballstaedt.

Der 31-Jährige wuchs in Frankfurt am Main auf und absolvierte zunächst eine Ausbildung in Touristik und Management. Dann sattelte der Vogelfreund auf Umweltwissenschaften um und ging als Praktikant zur Vogelwarte auf Deutschlands einziger Hochseeinsel Helgoland, die "ein Traum für jeden Ornithologen" sei. Bei seiner Arbeit lernte er Rebecca kennen. Die 36-Jährige promovierte Biologin ist seit sechs Jahren auch selbständig tätig. Mit ihrem Unternehmen "sustainable me" bietet sie beispielsweise Gemeinden die Konzeption und das Monitoring von nachhaltigen Projekten an oder ist an Schulen in der Umweltbildung tätig. "Vom Wald ans Meer" ist die gebürtige Sauerländerin schließlich nach Helgoland gekommen, wo sie und Elmar Ballstaedt 2018 auch heirateten.

Dort arbeiten die beiden heute als Stationsleitung mit den Schwerpunkten Meeressäuger und Ornithologie für den Verein Jordsand, der sich vor mehr als 100 Jahren dem See-, Küstenvogel- und Naturschutz an der Nord- und Ostsee verschrieben hat. Mit einem vom Verein gestellten Rahmen, aber auch mit Gestaltungsfreiheit, obliegt ihnen und weiteren, freiwilligen Mitarbeitern die Betreuung der Naturschutzgebiete Lummenfelsen, Helgoländer Düne und Helgoländer Felssockel. "Wegen des Felswatts ist Helgoland ein Magnet für Tiere und Pflanzen", begründet das Ehepaar die besondere Bedeutung der Insel für den Naturschutz. Dieses Felswatt ist das einzige seiner Art in Deutschland und verdankt seine Existenz den Felsen der Insel.

Für das Gebiet Helgoländer Düne ist in erster Linie Rebecca Ballstaedt gemeinsam mit der Gemeinde Helgoland verantwortlich und damit auch für die bedrohten Kegelrobben, die dort ihren wichtigsten Wurfplatz in Deutschland haben.

Der Gemeinde ist vor allem die Erhaltung des Tourismus auf Helgoland wichtig, der bedeutend für die Insel und ihre Einheimischen ist. Rebecca Ballstaedt achtet darauf, dass die wirtschaftlichen Interessen mit den Bedürfnissen der Naturschutzgebiete und ihrer Bewohner vereinbar sind. Zu diesem Zweck erarbeitet sie Kompromisse, die den Naturschutz auf Helgoland fördern und gleichzeitig auch für die Interessenvertreter des Tourismus annehmbar sind. "Trotz dieser nicht immer leicht zu bewältigenden Aufgabe ist es eine faszinierende Herausforderung, solche Situationen aufzulösen", sagt die Naturschützerin. Richtig komplex wird es dann, wenn sich die Bedürfnisse der Kegler nicht nur mit denen der Gemeinde und der Touristen überschneiden, sondern auch im Gegensatz zu den Absichten ihres Mannes stehen. Rebecca Ballstaedt handelt dann getreu nach ihrem Motto: "Welcher Kompromiss wird den Bedürfnissen der Kegelrobben am effektivsten gerecht?" Bei der Planung und Verlegung des Bohlenweges auf der Nebeninsel war dies zum Beispiel ein längerer Prozess. Der Bohlenweg, der es den Besuchern ermöglichen soll, sich frei ohne Führung, aber dennoch gelenkt rund um die Düne bewegen zu können, durfte nicht mit den Wurfplätzen der Kegelrobben kollidieren. Gleichzeitig sollte die Rücksicht auf die Wünsche der Touristen als auch auf die Bedürfnisse der Kegler nicht auf Kosten derjenigen Möwen gehen, die im Streckenverlauf des Weges brüteten. Für deren Rechte macht sich Elmar Ballstaedt stark, der sich um die Vögel kümmert, die auf der Düne oder am Lummenfelsen ihre Brutstätte haben. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt den "Big Five", den fünf Vogelarten seines Arbeitsplatzes am Lummenfelsen, die allesamt auf der Roten Liste der bedrohten Arten stehen. "Auf diese Weise erlebe ich jeden Arbeitstag außergewöhnliche Erlebnisse", schwärmt der Vogelkundler. Das Bewusstsein, dass diese Tiere, wenn sie auf Helgoland aussterben, in ganz Deutschland nicht mehr zu finden sind, motiviert ihn zusätzlich. Zurzeit arbeitet Elmar Ballstaedt an einer durch ein vierjähriges Stipendium der Gemeinde Helgoland finanzierten Promotion mit dem Titel "Basstölpel und Meeresmüll". Inhaltlich setzt er sich dabei vor allem mit der Herkunft des Plastikmülls in den Nestern der Basstölpel und seinen Auswirkungen auf die Populationen der Seevögel auseinander. Denn Seevögel sterben teils elend an im Meer umhertreibenden Plastikteilchen, da sie die umweltschädlichen Müllreste mit Nahrung verwechseln und nicht mehr ausscheiden können, so dass sie bei vollem Magen verhungern.

Zusätzlich verwenden einige Arten vor allem markante orange Plastikfasern für den Bau ihrer Nester. Die Jungvögel verheddern sich teilweise darin und verenden, wenn eine Schnur, aus der sie sich nicht selbständig befreien können, in ihr Fleisch einwächst. Alttiere erleiden einen langsamen Tod, wenn sie sich an Plastikschnüren, die nicht wie natürliche Materialien nachgeben, am Felsen selbst aufhängen. Elmar Ballstaedt will unter anderem über Kameraaufnahmen diese Vorgänge genau dokumentieren und durch Datenaufnahme betroffener Individuen beweisen, was schon lange geschieht. "1991 starb nachweislich das erste Küken am Lummenfelsen durch Plastik", sagt der Vogelbegeisterte, als in seiner Nähe ein Vogel mit einer Gummibärchentüte im Schnabel zu seinem Nest zurückkehrt, um sie als Nistmaterial zu verwenden.

Mit seiner Promotion will er zum einen die Herkunft und Auswirkungen auf Seevogelpopulationen am Beispiel des Basstölpels bestimmen, um Handlungsempfehlungen für Politik, Naturschutz und Industrie abzuleiten. Zum anderen möchte er das Bewusstsein der Menschen auf den Meeresmüll und seine Auswirkungen lenken, auch wenn er weiß, dass die Leute heute zum Teil bereits anders denken als früher: "Die Menschen sind nun selbst betroffen. Meeresverschmutzung ist zu einer realen Bedrohung für uns und das marine Ökosystem geworden."

Auf ihren Führungen wurden Elmar und Rebecca Ballstaedt schon mehrmals aufgefordert, Tiere, die in Plastikresten gefangen sind, zu befreien. Das sei aber oft nicht möglich, erklären die Naturschützer, da gefangene Vögel an der Felswand von Menschen nicht zu erreichen sind und der Buntsandstein porös ist. Ein unschönes Schicksal ereilt auch Kegelrobben, in deren Haut sich im Meer zurückgelassene, aus Plastikfasern bestehende Fischernetze von der Hochseefischerei eingeschnitten haben. Sie können nicht von ihrem Leid erlöst werden, da es zu gefährlich ist, sich ihnen zu nähern und eine Betäubung durch Pfeile ebenso wenig in Frage kommt, weil sie nach dem Einstich schreckhaft ins Meer flüchten und dort ertrinken würden.

"Der Ansatz, die Tiere von dem Plastikmüll zu verschonen, muss woanders liegen", sagt Elmar Ballstaedt. Einen alternativen Ansatz sieht das Ehepaar in der Aufklärung der Inselbesucher und Bewohner über die Bedürfnisse der Tiere. Die Menschen sollen erkennen, dass auch sie als Teil der Natur ein Verständnis für das ökologische Gleichgewicht entwickeln müssen. Bei ihren Umweltvorträgen in Schulen gibt Rebecca Ballstaedt ihre Überzeugung an Schüler weiter und appelliert, dass sie, ähnlich wie sie bei ihrer Arbeit, Kompromisse machen müssten und so zum Beispiel ihr Konsumverhalten überdenken und ändern sollten. "Man muss nicht auf alles verzichten", sagt das Ehepaar. "Aber Naturschutz ist nur dann erfolgreich umsetzbar und sinnvoll, wenn alle daran teilnehmen und gemeinsam einen Mittelweg beschreiten."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Julian Burmeister

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