Das Kloster St. Peter zeigt, wie bereits vor Jahrhunderten Bilder symbolisch aufgeladen wurden und mit Emblemen Politik gemacht wurde", sagt Hans-Otto Mühleisen, emeritierter Professor für Politikwissenschaften. "Ein anschauliches Beispiel für die reiche Symbolik des Klosters findet sich hier in der Bibliothek", erklärt Mühleisen und deutet auf ein Ensemble von vier gelehrten Benediktinern in Ölbildern über den Bücherborden. Zwei von ihnen hängen am einen, die anderen beiden am gegenüberliegenden Ende der Rokokobibliothek des Klosters St. Peter auf dem Schwarzwald und zeigen jeweils einen Mönch, der zweimal von einem Engel bei seiner Arbeit "geleitet" und "kontrolliert" wird und zweimal als sogenannter "Selbstdenker" eigenständig forscht. "Schöner kann man die aufklärerischen Spannungen im 18. Jahrhundert nicht darstellen", findet der 77-Jährige. Seit mehr als 50 Jahren führt Mühleisen Interessierte durch das Kloster, weil es ihm wichtig ist, dass die Erinnerung an seine bewegte Geschichte nicht verlorengeht.
Doch nicht nur die gesellschaftlichen Konflikte der damaligen Zeit beschäftigten die Mönche in St. Peter. Ein Beispiel für Spannungen innerhalb des Klosterlebens selbst ist der Bau der Bibliothek, die an den Wänden von verzierten Bücherregalen und in der Mitte von einem antiken Kartentisch eingenommen wird. Mühleisen deutet dazu auf ein Bild außerhalb der Bibliothek, das vier schlafende, träumende Mönche zeigt, in deren Mitte der heilige Benedikt dem Betrachter einen Bauplan entgegenhält. "Die Autorität des Heiligen wurde hier gezielt genutzt, um die Bauvorhaben des Abtes zu unterstützen", erklärt er. Die Mönche hatten nämlich ursprünglich kein Interesse am Bau einer Bibliothek und leisteten dem Abt, der in ihren Augen auch des eigenen Ruhms wegen eine Bibliothek errichten wollte, zunächst Widerstand. 1737 aber wurde der Bau beschlossen, zwei Jahre später stand bereits der Rohbau. Der daraufhin neu gewählte Abt ließ weitere Arbeiten jedoch aufgrund einer drohenden Belagerung der Franzosen und eines Bauernstreiks einstellen, so dass der Bau zehn Jahre lang stilllag. Nach dem Aufstieg der österreichischen Kaiserin Maria Theresia wurde für das Kloster der Besitz einer Bibliothek plötzlich von hoher Bedeutung. Als unter dem übernächsten, 1749 gewählten Abt Philipp Jacob Steyrer der Bau wiederaufgenommen wurde, stand nun das Ziel im Vordergrund, zu zeigen, dass St. Peter ein modernes und nützliches Kloster sei. Die fertige, damals nicht heizbare Bibliothek war aus diesem Grund weniger Arbeits- als Schauraum. "So entstand hier nach über 25 Jahren des Aufs und Abs schlussendlich der schönste Rokokoraum im Breisgau", sagt der gebürtige Freiburger. Auch die üppige Emblematik der Bibliothek sollte das Ansehen des Klosters aufpolieren. "Die Emblematik zeugt von Ideenreichtum, hoher Belesenheit und einem hohen Wissensbestand des Klosters", erläutert der Historiker. St. Peter war neben dem Kloster St. Blasien das wichtigste Wissenszentrum im Schwarzwald, insbesondere für Naturwissenschaften, zu deren Studium Mönche von St. Peter zur Universität Salzburg geschickt wurden.
Das im Mittelalter als politische Konkurrenz gegründete Nachbarkloster St. Märgen ging in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts diesen Weg nicht mit. Missbilligend schrieb der Abt von St. Märgen in sein Tagebuch, als junge Benediktiner auf dem Weg nach Salzburg bei ihm Station machten: "Der Herr von St. Peter sollte sie lieber Theologie anstatt die Natur studieren lassen." Die langjährige Konkurrenz zwischen den Klöstern, die ihren Ursprung in der bei der Gründung päpstlichen beziehungsweise kaiserlichen Orientierung hatte, war höchstwahrscheinlich ein Impuls für die intensiven naturwissenschaftlichen Forschungen in St. Peter. Sicher ist, dass die Kultur im Schwarzwald vom Mittelalter bis zur Säkularisation weitgehend von den Niederlassungen verschiedener Orden geprägt wurde.
Ein einzigartiger Beweis für die intensive Astronomie-Forschung des Klosters St. Peter sind laut Mühleisen 1769 die Berechnungen eines Subpriors, der alle beweglichen Feiertage bis 1803 bestimmte. Diese Schrift ist erst vor 15 Jahren wieder aufgetaucht. Ebenfalls schreibt er der intensiven, wenn auch unkritischen Geschichtsschreibung eine hohe Qualität zu: "Es ist unglaublich interessant, wie die letzten 700 Jahre vor 200 Jahren gesehen wurden." Auch St. Peters Anteil an der Uhrmacherei war überaus bedeutend, so dass selbst Uhrenfunde in Amerika aus der Uhrenwerkstatt im Nordflügel des Klosters stammen. Im Schwarzwald betrieben lange nur Mönche aus St. Peter Uhrmacherei, da sie entsprechende technische Geräte und Möglichkeiten zur Zahnräderherstellung zur Verfügung hatten. Uhren im Kloster hatten aber auch symbolische Bedeutung: Eine Uhr im Treppenhaus sollte Gäste des Klosters ermahnen, den Aufenthalt nicht in die Länge zu ziehen: "Spätestens am dritten Tag sollen die Gäste weiterziehen oder arbeiten", zitiert Mühleisen süffisant die Magisterregel.
Die größte Errungenschaft der Uhrmacherei in St. Peter ist jedoch eine geographisch-astronomische Weltzeituhr, die als erstes erworbenes Objekt an die Uhrmacherschule in Furtwangen ging. Konstruiert wurde sie von einem der bekanntesten Vertreter des Klosters, Thaddäus Rinderle. Der Müllersohn aus Staufen im Breisgau kam 1763 nach St. Peter, wo ihn der Abt als Mönch förderte. Nach einem Studium in Salzburg wurde er Mathematikprofessor in Freiburg und baute parallel dazu mehrere astronomische Uhren und weitere technische Erfindungen. Als "Uhrenpater" gab er sein Wissen an die Dorfbevölkerung weiter.
Wie wichtig Wissensweitergabe in St. Peter war, sieht man auf einem Emblem in der Bibliothek, das einen Brunnen zeigt. Verbildlicht bedeutet dies, dass sich St. Peter allen anbietet, die "wissensdurstig" sind. Mit insgesamt acht Emblemen werden so die Vorwürfe der Aufklärer gegen das Mönchtum widerlegt. Hans-Otto Mühleisen, der in Freiburg Geschichte und Politikwissenschaften studiert hat, betont dies zusätzlich: "Die wichtigsten Errungenschaften des Klosters lagen in den Bereichen Kultur und Bildung." So habe das Kloster früh Schulen eingerichtet, in denen Benediktiner, wie Rinderle, als Lehrer unterrichteten und besonders begabte Kinder und deren Talente förderten.
Äbte des Klosters wurden von den Mönchen mit Hilfe einer freien Wahl bestimmt. Auch sorgten sie in ihrer Umgebung für ein Rechtssystem mit einer rahmengebenden "Polizeyordnung". Im Kapitelsaal kamen die Benediktiner zusammen, um Kapitel aus der Ordensregel oder kirchenväterliche Schriften vorzulesen, zu diskutieren und zu interpretieren. Gleichzeitig trafen sie wichtige Entscheidungen gemeinschaftlich und hielten sie im Kapitelprotokoll fest. Mühleisen, der in der Gemeinde St. Peter lebt, beschreibt das Zusammensein: "Das Gemeinschaftsleben spielte eine sehr wichtige Rolle im Kloster, ebenso eine intensive Kommunikation." Dabei entstanden dynamische Prozesse aus Individuen und Gemeinschaftlichkeit mit einer ganz besonderen Spannung, wie es das Leben eines Priors Michael Sattler zeigt, der sich für die neue christliche Lehre der Reformation entschied. Einige Jahre darauf wurde er zum Mitbegründer der radikalreformatorisch-christlichen Täufer-Bewegung, die bis heute existiert. Seine reformatorischen Aktivitäten hatten 1527 jedoch seine Hinrichtung zur Folge. Im Kloster St. Peter wurde die Erinnerung an ihn gelöscht. "Auch Äbte, die Schulden machten, sind bei den Porträts der Abtsgalerie nicht vertreten", erklärt Mühleisen. Durch Glück im Unglück blieben dem 1093 gegründeten Kloster die Porträts, die Embleme sowie der Großteil der restlichen umfangreichen Bilderwelt nach der Säkularisierung Anfang des 19. Jahrhunderts erhalten, da sie den Begutachtern als "nicht der Kunst wert" vorkamen.