Eljakim rannte um sein Leben

Gideon! Ich habe es schon zum dritten Mal gesagt und sage es jetzt zum vierten und letzten Mal, es ist jetzt Schlafenszeit!", ruft Gideons Mutter ganz aufgebracht. "Aber Mama, ich bin nicht müde." - "Das ist mir jetzt egal." "Kann Opa mir wenigstens eine seiner Geschichten erzählen?", fragt Gideon schüchtern. "Gut, nur eine Geschichte, aber dann gehst du auch wirklich schlafen." - "Versprochen. Opa, Opa, wo bist du? Kannst du mir wieder eine deiner Geschichten erzählen?"

"Und? Was für eine Geschichte wird es heute sein?" - "Heute erzähle ich dir von meiner ersten Liebe", sagt Opa. "Igitt! Nein! Das ist doch etwas für Mädchen." Der Opa lacht und erwidert darauf: "Nein, ich erzähle dir von meiner Schwester, die mich das Lieben lehrte." - "Wie können sich Geschwister lieben?", fragt Gideon überrascht. "Ich streite mich doch auch nur mit meinem nervigen Bruder." "Vielleicht wirst du deine Meinung bei der Geschichte ändern. . ."

Ein Tropfen fiel auf Eljakims Nase. "Ich sollte langsam gehen. Es fängt an zu regnen", gab Nathan, Eljakims bester und einziger Freund, Bescheid. "Ja, du hast recht. Ich sollte jetzt auch lieber nach Hause gehen. Sonst macht sich meine Familie noch Sorgen." Die beiden jüdischen Freunde verabschiedeten sich und liefen nach Hause. Eljakim beobachtete, wie die Menschen um ihn herum rannten und sich unter ein Schutzdach stellten. Er beschloss, das Gleiche zu machen.

Wie immer benutzte er die Kellertür, was zugleich die Geheimtür war, und zu Hause angekommen, freute er sich endlich, im Trocken zu sein. Ohne sich abzutrocknen, ließ er sich auf das Sofa fallen und dachte darüber nach, dass seine Mutter ihn jetzt als Faultier bezeichnen würde. Auf der Kommode sah er nur einen Stern anstatt drei und wunderte sich darüber. Denn zu Hause waren sie nur zu viert, also liegen immer vier Sterne auf der Kommode. Einen für seinen Vater, einen für seine Mutter, einen für seine Schwester und einen für ihn. Er stand auf und ging die Treppe hoch, um nach seiner Familie Ausschau zu halten. Als er fast oben war, sah er plötzlich einen fremden Schuh, in dem ein Mann steckte, und er wusste, wer solche Schuhe trug. Die Nazis. Einer fing mit dumpfer Stimme an zu sprechen: "Die Eltern sind schon auf dem Weg. Es fehlt nur noch der Junge, der jeden Moment da sein könnte. Seine Schwester ist uns entwischt." All das hörte Eljakim. "Und ich mache mich auf den Weg zum Elde-Haus. Ach ja, da war noch was. . ."

Eljakim fragte sich, warum er mitten im Satz aufhörte, doch genau vor ihm konnte er sich selbst die Frage beantworten. Man hat ihn entdeckt! Schnell rannte er nach unten, und im selben Moment erkannte er erst, dass der Keller ganz anders aussah: Bilderrahmen lagen kaputt am Boden, Kisten waren geleert worden. Und da, die zwei fehlenden Sterne, lagen auch auf dem Boden. Er hatte nur noch Zeit, seine Schuhe zu schnappen und durch die Geheimtür zu fliehen, aber man hate ihn gesehen und folgte ihm hinterher. Als er draußen war, kamen auch Nazis von der Seite, und er konnte nur noch geradeaus gehen, aber ihm versperrte eine Mauer den Weg. Er hätte auch drüberklettern können, aber er hatte Angst, dass er erschossen wird. Eljakim versuchte eine Lösung zu finden, aber er bekam Panik. Schweiß tropfte ihm von der Stirn runter, er hörte sein Herz laut und schnell klopfen, seine Hände zitterten. Die einzige Lösung, die ihm einfiel, war, um sein Leben zu rennen. Er wusste, es war nicht die beste Lösung, aber er dachte sich dabei, dass er eine Lösung finden und ihm vielleicht Gott helfen würde. Denn Eljakim war gläubig. Nur noch ein paar Meter entfernt war die Mauer, also hatte er nicht mehr so viel Zeit, nach einer Lösung zu suchen.

Plötzlich sah er etwas blinken. Als er hinübersah, konnte er seinen Augen kaum glauben. Die Mauer hatte ein Loch, das groß genug war, um einen kleinen Menschen hindurchzulassen. Bei der Mauer angekommen, quetschte er sich durch das Loch. "Was soll ich tun? Wenn ich weiter geradeaus renne, werden sie mich mit Sicherheit niederschießen. Doch wenn ich noch weiter wie angewurzelt stehen bleibe, dann ist mein Tod gewiss. Wenn nicht jetzt, wird mir das Arbeitslager blühen." Bevor er seine Überlegungen zu Ende führen konnte, packte ihn eine kleine Hand, die ihn in das nächstgelegene, weiß getünchte Haus zog und die Tür mit einem leisen Ruck zuschob. Verwundert blickte sich Eljakim um. Vor ihm eröffnete sich der idyllische Blick eines kleinen Hauses einer wohl mehrköpfigen Familie. Wie bei ihm zu Hause lag ein kleines Zierdeckchen auf einem Tisch. Auch die rustikalen Holzmöbel erinnerten stark an sein trautes Heim. Zuletzt fiel sein Blick auf ein etwa achtjähriges Mädchen, dass ihn wohl gerettet hatte und ihn mit seinen großen haselnussfarbenen Augen anstarrte. "Vielen Dank für deine Hilfe. Wer weiß, was ohne dich geschehen wäre. Aber sag, wie kommt es, dass du mir - jemand völlig Fremdem - zu Hilfe kommst und, als hättest du nicht schon ein großes Herz bewiesen - mich sogar in dein Haus holst?"

Entgegen seiner Erwartungen legte sich ein schelmisch trotziger Glanz über ihre Augen. "Meine Mama sagt immer, ich solle wenn nötig meine ganze Kraft darauf verwenden, anderen in Not zu helfen. Und im Übrigen wohne ich hier und darf somit auch Leute in das Haus einladen." - "Hast du denn noch nie gehört, dass du dich von Fremden fernhalten und ihnen schon gar nicht bereitwillig die Tür öffnen sollst? Deine Eltern werden sicher nicht erfreut darüber sein." Wie auf das Stichwort begann sich ein Schlüssel in der Wohnungstür zu drehen, die daraufhin leise aufging. Im immer breiter werdenden Spalt der Tür stand ein großer, gutaussehender Mann, der gerade zu einem Begrüßungswort an seine Tochter ansetzte, bis er Eljakim erblickte: "Ich kann das erklären, Papa!", sagte das Mädchen, das sich als Mila vorstellte, während sie aufgebracht mit den Armen wedelte. Mit hochgezogenen Augenbrauen folgte der Vater der überspitzten Erzählung seiner Tochter. Nachdem sie eifrig abgeschlossen hatte, begann Eljakim mit seinem Teil der Erzählung und endete mit den verzweifelten Worten: "Und nun habe ich keine Ahnung, wo meine Schwester ist oder ob man sie erwischt hat."

Eljakim: "Und letztendlich reagierte der Vater gut und half mir. Ich blieb für kurze Zeit dort und bekam zu essen und trinken."

Gideon: "Das ist aber nett von den beiden. Aber wie geht die Geschichte weiter?"

Eljakim: "Danach irrte ich ziellos in der Stadt herum. . ."

Schuldgefühle plagten ihn. Es wäre ihm egal gewesen, wenn man ihn verhaftet hätte. Während er durch die Stadt irrte, ließ er seinen Gedanken freien Lauf: "Wo ist sie nur, Rewa, meine geliebte Schwester?" Bis es dunkel wurde, stolperte er über seine Füße, und jeder Schritt trug das Gewicht der ganzen Welt. Auf einmal hörte er das Geräusch eines Lasters, das immer lauter wurde. Dunkle Männerstimmen, die wild durcheinander zu rufen schienen. Plötzlich hörte er eine Stimme aus dem Stimmengewirr heraus. "Halt, Stopp!" Und in seinen Augenwinkeln sah er einen Wagen der Gestapo aufblitzen.

Das zweite Mal an diesem Tag begann er, um sein Leben zu rennen. Haken schlagend schlängelte er sich durch das Gewirr der Straßen, bis er hinter ein paar Kisten an der Hauswand eines Cafés ein gutes Versteck fand. Kurz darauf hörte er den Wagen um die Ecke tuckern. "Hier muss er entlanggelaufen sein. Wir dürfen ihn nicht entwischen lassen!", ertönte dieselbe Stimme, die er kurz davor hatte rufen hören. Mit einem lauten Aufheulen des Motors verschwand der Wagen durch die nächstgelegene Straße. Vollkommen erschöpft und zitternd rollte sich Eljakim in seinem Versteck zusammen und fiel in einen unruhigen Schlaf.

Laute Stimmen weckten ihn. Es hatte sich Raureif auf seine Kleider gelegt. Mit steifen Gelenken erhob sich Eljakim mühevoll. Er hatte ziemlich lange geschlafen, denn der nächste Tag hatte bereits begonnen. Vorsichtig und unauffällig kam er aus seinem Versteck hervor. In der Stadt war schon einiges los. Menschen tummelten sich auf dem Markt, und Kinder plärrten. Immer noch müde machte er sich mit vier Pfennig auf die Suche nach etwas zu essen.

Wenig später lief er wieder ziellos durch die Straßen. Auf einem Platz angekommen, sah er am gegenüberliegenden Ende ein vertrautes Gesicht: Rewa! Sie saß verschlafen auf einer Bank und knabberte an einem Apfel. Tausende Fragen schossen ihm durch den Kopf, bevor er aus Versehen einen kurzen Freudenschrei ausstieß. Sie blickte auf. Mit stolpernden Schritten machte sie sich lächelnd und mit dankbarem Gesicht auf den Weg zu ihrem Bruder. Nur noch wenige Meter trennten die Geschwister. Immer wieder versperrten Passanten Eljakim den Blick auf seine Schwester und hinderten ihn daran, zu ihr zu gehen.

Ein lauter Pfiff! Nazis erschienen, Menschen wichen zurück. Rewa war hingefallen, und Eljakim versuchte zu ihr zu gelangen. Doch die Menschenmasse war zu groß. Er fiel hin und hörte die Schreie seiner Schwester.

"Rewa, Rewa wo bist du! Rewa!", schrie er durch die Menge. Und dann sah er sie. Mit aufgeschlagener Lippe und blutigen Knien versuchte sie, den Nazis zu entkommen. Einer hatte sie gepackt und schleifte sie mit sich. Angstvolle große Augen und das Wimmern seines Namens waren das Letzte, was er von seiner Schwester sah und hörte. Dann wurde sie in einen Wagen gezerrt und war verschwunden. Sie hatten Rewa! Die Nazis hatten sie gekriegt. Was war mit ihm? Hatten die Nazis ihn nicht auch gesehen? War er nicht auch geflohen, genau wie sie? Ja, das war er. Aber aus irgendeinem Grund blieb er verschont. Sie hatten ihn nicht bemerkt, die Hilferufe Rewas an ihn nicht gehört. Nun saß sie allein im Wagen, das Gesicht tränenüberströmt, und wünschte sich nichts sehnlicher als ihren Bruder. Genauso erging es auch Eljakim. Nichts wünschte er sich mehr, als seine Schwester jetzt in seinen Armen zu halten und sie beide in Sicherheit zu wissen.

"Ich werde dir ein andermal erzählen, wie ich Rewa nach 20 Jahren wiedertraf." sagt Eljakim zu Gideon, und ein sanftes Lächeln umspielt seinen Mund unter seinen traurigen Augen. Doch Gideon war eingeschlafen. Einen kurzen Moment lauscht der Großvater nach dem Atem seines Enkels. Bis er leise das Zimmer verlässt und die Tür sanft von außen schließt.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Safia Harrane, Canelle Trobrillant und Judith Voetter

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