Es ist später Nachmittag im Schweizer Rheinvorland. Hinter den gelbgrünen Wiesen erstreckt sich ein endloses Panorama aus bewaldeten Berghängen, halb verdeckt von dunstig-grauen Wolkentürmen. Im trüben Licht jagen auf einem kurzgeschnittenen Rasen ein Pferd und sein Reiter über ein Hindernis, dahinter an Seilen hängend ein Mann, ausgerüstet wie ein Motorradfahrer in einem purpurnen Fellmantel. Hier, wenige Meter neben dem Rhein, liegt Kriessern, gleich an der Grenze zum österreichischen Vorarlberg, 417 Meter über dem Meer. Kriessern, das ist Alemannisch für "Ort, wo viel Kies liegt", und genau das ist das, was Daniel Seitz so sehr gefällt. "Die Bodenbeschaffenheit ist das Wichtigste. Und die ist hier wirklich gut", meint der 48-Jährige und lächelt verschmitzt. Er gehört zu einem der sieben Teams, die heute zu einer Offroad-Kjöring-Prüfung hier sind. Zusammen mit einer Reiterin und einem Pferd bildet er das "Swiss Power Team Seitz Legal".
Während über die Lautsprecher noch die letzten Gewinner bekanntgegeben werden, verschwinden Daniel Seitz und seine Kollegen zum Umziehen: Helm, Schulterschutz, Rückenprotektor, Knieschoner und Outdoorskates. Denn beim Offroad-Kjöring geht es nicht ohne sie: Hier lässt sich ein Rollerblader von einem berittenen Pferd ziehen, durch Slaloms, über Schanzen oder ab und zu sogar über Autos. "Ich durfte einmal bei einem Anlass mit Pferd und Reiter über ein Polizeiauto springen - das war schon toll. Normalerweise könnte man das ja nie, da haben wir uns schon genial gefühlt", schwärmt Seitz und wird dabei beinahe von schrillem Pferdewiehern übertönt.
"Wir hatten selbst Pferde und wollten etwas miteinander machen. Dann habe ich in einer Zeitschrift gelesen, dass es Swiss Offroad-Kjöring gibt - so hat alles angefangen", erzählt der Skater begeistert und fährt sich durch das grau melierte Haar. Offroad-Kjöring, das sich 1998 aus dem Skikjöring entwickelte, bei dem sich ein Skifahrer von einem Pferd ziehen lässt, stammt ursprünglich aus St. Moritz. Dann beschloss man, die Sportart in den Sommer zu übertragen und sie im Rheintal auszuprobieren, wo die Wiesen weniger steil und steinig sind und oft nur als Weidefläche für Vieh benutzt werden. Mittlerweile finden im Jahr drei bis fünf Events statt.
"Für uns sind es Wettbewerbe, für die Veranstalter ist es Pausenprogramm", findet auch Sven Frei, der Vorstand des Swiss Offroad-Kjöring-Vereins und Organisator des Wettbewerbs. Die Offroad-Kjörer liefern anstatt von Musikgruppen und Reden die Show für alle möglichen Festlichkeiten. Unterhaltung gibt es zur Genüge: Mit Kostümen, Teamnamen und Musik fahren die ersten Teams auf den Turnier-Rasen. "Das erste Mal, als ich es ausprobiert habe, war es unglaublich anstrengend. Ich bin zwei-, dreimal umgefallen und habe am Schluss noch eine Blumenkiste umgefahren. Am Ende war ich so müde, dass ich gar nicht mehr aufstehen konnte", lacht Daniel Seitz, und ein Dutzend kleiner Fältchen erscheint um seinen Mund.
Das ist mittlerweile 15 Jahre her, und er denkt nicht einmal daran aufzuhören. Auch bei ihm zu Hause kommt man nicht umhin, die Wand im Flur zu bemerken, an der Dutzende von Preisrosetten, Medaillen mit eingravierten Inlineskates hängen und kleine, silberne Pferdeköpfe anstatt Pokale stehen. Draußen, mitten in der idyllischen Wiese mit Sicht über das Appenzellerland, steht eine Schanze. Das ist Seitz' Revier. "Ich trainiere zu Hause mit dem Quad: Die Kinder fahren, und ich hänge mich hinten ran. An einem Abend schaffe ich dann vielleicht 30 Sprünge."
Auch Sven Frei ist heute in Kriessern. Der 42 Jahre alte Schreiner und seine Frau Fabienne bilden zusammen das "Team Ponyhof 33" - das vierte Team, das heute hier startet. Der Sport, das ist für sie schon lange ein Familienunternehmen: Der 12-jährige Sohn Gian tritt heute zum ersten Mal an einem Wettbewerb an. "Er ist mit fünf bereits mit dem Shetty gefahren", sagt Fabienne Frei, die als Pflegefachfrau im Altersheim arbeitet, und streicht sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. "Er durfte damals an der Schweizermeisterschaft schon mal damit eine Runde drehen", ergänzt ihr Mann und fährt sich durch die Bartstoppeln am Kinn.
Für Daniel Seitz ging es schon ein paar Mal um mehr als nur um die Schweizermeisterschaft: Seit 2011 hat der Accountmanager für Informatik mit seinem eingefahrenen Team den Weltrekord im Hochsprung inne. 1,61 Meter hoch schafften sie es damals, bis heute immer noch ungeschlagen. Auch in Kriessern geht es jetzt ans Eingemachte: Das "Swiss Powerteam Seitz Legal" mit Daniel Seitz prescht auf die Wiese. Schon nach wenigen Minuten macht der Dritte im Bunde nicht mehr mit: Das creme-weiße Pferd beginnt zu bocken und wirft seine Reiterin ab. Doch der erfahrene Skater hält sich aufrecht an den zugfesten Seilen fest, trotz heftigen Tänzelns und Rennens kommt der Schimmel wenige Minuten später zum Stillstand. In der zweiten Runde läuft es dann: Daniel Seitz springt über die Schanze, fährt um die Kurve und durch den Slalom. Er transportiert einen Blumenkranz und hängt ihn an ein Hindernis.
Längst nicht alle Teams kommen reibungslos durch den Parcours; beinahe jeder Skater stürzt einmal. Minuspunkte werden vergeben, wenn das Pferd wieder einmal die Hindernisstange herunterschlägt. "Drum sag ich immer, das ist ein Sport, wo mich meine Frau so richtig durch den Dreck ziehen kann", sagt Sven Frei und lacht. "Das erste Mal, als wir zusammen ausgefahren sind, da hat's uns schön reingelegt. Voll ins Wasser, alle beide", erzählt er und kneift amüsiert die braunen Augen zusammen.
"Wir waren einmal für ein Showevent in Aachen, wo wir Autogramme und Interviews geben durften. Für uns war das so ungewohnt, wie Stars haben wir uns gefühlt", berichtet Daniel Seitz und streckt seine langen Beine gemütlich aus. Für das CHIO 2015 vertraten sie dort zu fünft, drei Skater und zwei Pferde, die Schweiz und holten auch ihren ersten Weltrekord. Zumindest ein wenig Ruhm bekommen der Skater und sein Team am Ende des Tages doch noch ab. Während die Rheintaler Berge in die Dunkelheit abtauchen und alle zu einem Bier im Zelt verschwinden, wird seinem Pferd die Siegerrosette angehängt.