Das Leben geht weiter

In meinem Alltag bemerke ich ehrlich gesagt nicht, dass ich eine Prothese trage, da ich es eher wie mein zweites Bein ansehe." Rahsan Evin ist im öffentlichen Dienst tätig und alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Sie war elf, als sie erfuhr, dass sich oberhalb ihres Knies ein bösartiger Tumor befindet. Schlagartig änderte sich das Leben der gebürtigen Eberbacherin. "Ich hatte monatelange Schmerzen an meinem rechten Bein. Ich redete mir ein, dass diese Schmerzen durch den Sport verursacht worden sind. Zur damaligen Zeit machte ich viel Leichtathletik und Karate. Die Schmerzen wurden immer stärker. Auf dem Weg zur Schule entschied ich mich, einen Orthopäden aufzusuchen. Meine Eltern wussten nichts davon, wurden aber von den Arzthelferinnen kontaktiert." Von dem Augenblick an ging alles schnell. Die Ärzte entschieden sich für eine Amputation, damit der Knochentumor nicht weiter streut.

Es handelte sich um eine sogenannte Umkehrplastik. Der Fuß wird durch den Eingriff um ganze 180 Grad gedreht und an den Oberschenkelknochen geschraubt, so dass das Fußgelenk die Funktion des Knies übernimmt. Der rotierte Unterschenkel einschließlich Fuß wird so an den verbliebenen Teil des Oberschenkels angeschraubt, dass sich der Fußknöchel auf Höhe des ehemaligen Kniegelenks befindet. "Mein Fuß nimmt in der Prothese die Spitzfußstellung ein", erklärt die 44-Jährige. Dabei ist der Fuß in Richtung Fußsohle gebeugt. Evin war die erste Person in Deutschland und die erste Frau weltweit, die eine Umkehrplastik erhalten hat. "Ich wollte ehrlich gesagt nur, dass die Schmerzen weg sind, und hab nicht viel darüber nachgedacht." Es habe immer wieder Tiefpunkte gegeben, in denen sie sich gefragt habe: "Warum ich?" Jedoch rappelte sie sich in solchen Momenten schnell wieder auf, "denn das Leben geht weiter", sagt sie voller Mut.

Ihre Familie litt. "Meine Eltern waren am Boden zerstört, denn sie konnten stärker nachvollziehen, was auf sie zukommt. Ich konnte in jungen Jahren nichts mit der Diagnose anfangen. Ich erhielt viel Unterstützung durch Freunde und Familie, was dazu führte, dass meine jüngere Schwester manchmal vernachlässigt wurde."

Natürlich nimmt sie die Blicke anderer wahr, aber sie störe das nicht. "Ich wollte auch nie, dass man Rücksicht auf mich nimmt. Wofür denn auch? Ich kann ja auch tanzen und laufen." Treppen hinunterzusteigen fällt ihr nicht schwer, beim Aufsteigen braucht sie ein Geländer. Ab und an entstünden Druckstellen am Fuß, wenn sie an warmen Tagen zu lange läuft oder hohe Schuhe trägt.

"Ich stehe um 6 Uhr auf und ziehe zunächst meine Alltagsprothese an. Beim Anziehen achte ich darauf, die Klettverschlüsse an der Innenseite meines Oberschenkels nicht zu eng festzumachen, da es sonst auf Dauer sehr unangenehm werden könnte. Danach gehe ich ins Bad, mache mich frisch, trinke meinen Kaffee und bereite die Brotdose meines Kindes vor. Gegen 7 Uhr laufe ich zur Arbeit." Manchmal fährt sie mit ihrem Sohn einkaufen. Zum Autofahren benötigt sie ein Gestell, um mit dem linken Fuß bremsen und Gas geben zu können. Mit dem rechten Fuß kann Frau Evin nicht bremsen, da sie mit der Prothese kein Gefühl dafür hat. Nachmittags fährt sie ihren Sohn zum Karate-Training, trifft sich mit Freunden oder geht ins Fitnessstudio. Dort legt sie ihre Sportprothese an und läuft auf dem Laufband. An warmen Tagen fährt sie Rad oder legt die Schwimmprothese an. Gegen 22.30 Uhr legt sie sich erleichtert hin. "Ich fühle mich frei, wenn ich die Prothese ausziehe. Gerade im Sommer."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Dilara Tasan

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