Zu Unrecht belächelt

Der Fachbereich 06 Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim bietet den einzigen Übersetzungs- und Dolmetscherstudiengang mit Ausgangs- und Zielsprache Niederländisch im deutschsprachigen Raum. Niederländisch wird von rund 25 Millionen Menschen gesprochen und ist Amtssprache in acht Ländern. Englisch sprechen 330 Millionen Menschen, fast ebenso viele sprechen Spanisch. Sogar Deutsch wird von rund fünfmal mehr, nämlich von 130 Millionen gesprochen.

Niederländisch kann man an einer Universität in fast jedem europäischen Land studieren. Die meisten Studenten sind in Deutschland, dem französischsprachigen Teil Belgiens, Frankreich, Polen, Spanien und Italien zu finden. Außerhalb der Niederlande und Flandern studieren 15 000 Studenten Niederländisch, davon drei Viertel in Europa. Auch in den Vereinigten Staaten, Kanada, China, Indonesien, Japan und Argentinien kann man Niederländisch studieren. "Das ist eigentlich nicht schlecht für eine mittelgroße Sprache mit 25 Millionen Muttersprachlern", sagt Jo Sterckx. Er arbeitet für die "Nederlandse taalunie", eine Wissens- und Politikorganisation der niederländischen, flämischen und surinamischen Regierung. Ein Ziel ist die Unterstützung der Niederlandistik im In- und Ausland. Die Organisation bietet Sprachberatung und -technologie, achtet auf die Standardsprache und fördert die kulturelle Zusammenarbeit zwischen den Niederlanden und dem Rest der Welt. Jo Sterckx ist zuständig für die Unterstützung von Niederländisch als Fremdsprache in der Schulbildung Wallonien-Brüssel, Belgien sowie Deutschland und Frankreich. Er kümmert sich beispielsweise um die Lehrerfortbildung, die Finanzierung und Nachbereitung von Projekten und um die Kontakte zu den Behörden. Er engagiert sich an den Universitäten und verwaltet das Facebook-Profil. Zurzeit lernen rund 60 000 Deutsche Niederländisch, davon sind etwa 40 000 Schüler in der Grund- und Sekundarstufe in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Es gibt 3000 Studierende der Niederlandistik an deutschen Hochschulen. "Des Weiteren gibt es im ganzen Land etwa 17 000 Menschen, die einen Niederländischkurs an einer Volkshochschule besuchen. Schließlich gibt es Menschen, die einen Kurs an einer privaten Sprachschule besuchen."

Viele Gymnasien in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, insbesondere in den Grenzgebieten, bieten Niederländisch an. So fand Anne Engelskirchen, eine 23-jährige Bachelor-Studentin nach Germersheim. "Ich bin selber nah an der Grenze zu den Niederlanden groß geworden und habe mit der Zeit bemerkt, dass der Dialekt, der in der Eifel gesprochen wird, der niederländischen Sprache ähnelt. Außerdem finde ich, dass Niederländisch in Deutschland oft als Sprache belächelt wird und es nicht als notwendig betrachtet wird, diese zu lernen. Dabei finde ich Niederländisch eine sehr schöne Sprache, und es macht Spaß, sie zu lernen."

Mehr als 500 Lehrer unterrichten die Sprache an Grund- und Sekundarschulen. "Schließlich gibt es in diesen Regionen ausgezeichnete wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden. Für die Jugendlichen dort sind Niederländischkenntnisse sicherlich von Vorteil", berichtet Sterckx. Es gibt Projekte, die den Unterricht in der Nachbarsprache, Niederländisch oder Deutsch, stärken, wie "Spreek je Buurtaal", also "Spreche deine Nachbarsprache", an dem 33 Grundschulen aus NRW, Niedersachsen und die niederländischen Grenzregionen Achterhoek und Twente teilnehmen. 70 Dozenten unterrichten an 29 Universitäten in Deutschland Niederländisch. Eva Hogrefe kommt aus Mecklenburg-Vorpommern und wollte eigentlich nie weiter von zu Hause weggehen als bis zum Harz, trotzdem entschied sie sich für die Johannes-Gutenberg-Universität. "Ich habe mich zuerst für den Bachelor-Studiengang Skandinavistik in Berlin interessiert. Leider konnte man mit den Modulen nicht in Richtung Übersetzen gehen. Also musste ich mich anderweitig umschauen und habe mich dann für drei oder vier Unis interessiert, die einen Studiengang im Übersetzen anbieten. Darunter auch Germersheim. Die Uni dort hatte aber nun mal den besten Ruf und auch die beste Auswahl an Sprachen. Nach langem Nachdenken und Zuspruch meiner Mutter habe ich mich dann schlussendlich für den Bachelor-Studiengang in Germersheim beworben und wurde angenommen." Martha Heuts befindet sich im zweiten Semester des Masters Translation. "Meine Großeltern väterlicherseits kamen aus den Niederlanden, aus Limburg, um genau zu sein, haben immer Dialekt gesprochen, der etwas näher an der deutschen Sprache ist, der mich trotzdem immer fasziniert hat. Dazu kommt, dass ich häufiger in den Niederlanden war, weil meine Eltern einfach sehr gerne dahinfahren, auch nur für ein Wochenende", erzählt die 25-jährige Luxemburgerin.

Neben persönlichen Kontakten spielen die Chancen auf Karriere eine Rolle. Man kann das Studium in den Niederlanden oder Flandern fortsetzen und hat Chancen auf einen Beruf in Logistik oder Bildung. Anne Engelskirchen interessiert sich für die Spracharbeit bei Film und Fernsehen. Martha Heuts könnte sich eine Zukunft im Bereich Medien, Kultur und Verlagswesen vorstellen. Eva Hogrefes Interesse gilt dem Lektorat. "Natürlich würde ich mich sehr freuen, wenn ich für einen Verlag auch Literatur übersetzen darf", sagt die Studentin. "Auffällig ist, dass in sehr unterschiedlichen Bereichen des deutschen Arbeitsmarktes Menschen mit niederländischen Sprachkenntnissen gesucht werden", sagt Jo Sterckx.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Esra Thalia Fuchs

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