Eine friedliche Stille umgibt den Stocherkahn, der sanft durch das glasklare Wasser des Altrheinarmes gleitet, das die Mittagssonne reflektiert. Nur das Plätschern der Paddel, das sanfte Rauschen der Blätter im Wind und das Zwitschern einiger Vögel sind zu hören. Am Flussrand stehen hohe Bäume, deren lange Äste über den Fluss ragen und ein Blätterdach formen, was das Gebiet noch abgeschotteter wirken lässt. Am Flussufer wächst dichter Schilf, der Tieren Schutz bietet, die dort ihre Nester bauen. Gänseküken folgen ihren Eltern auf Schritt und Tritt. Blässhühner und Haubentaucher stecken ihren Kopf unter Wasser, um nach kleinen Fischen zu jagen. Am Flussufer sind immer wieder von Bibern angenagte Baumstämme zu sehen.
"Willkommen in unserem Taubergießen", begrüßen die Bootsfahrer Rainer Baumann und Kurt Kopf ihre Gäste, nachdem die Fahrt auf ihren Stocherkähnen sie in das Herz des Naturschutzgebietes geführt hat, das sich zwischen Freiburg und Offenburg befindet und die rheinnahen Bereiche der Gemeinden Kappel-Grafenhausen, Rust sowie Rheinhausen umfasst. Da Kopf und Baumann aus Rust stammen, kennen sie das 1967 Hektar große Gebiet Taubergießen seit Kindheitstagen. Bevor es im Jahre 1979 zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, war dies ein bewirtschaftetes Gebiet, in dem Fischerei und Jagd auf der Tagesordnung standen. Der Name setzt sich aus den Worten "Taub", einer alten Bezeichnung für ein nährstoffarmes Gewässer mit geringem Fischbestand, und "Gießen", einem vom Grundwasser gespeisten, fließenden Gewässer, zusammen. "Dieses Jahr führt der Fluss Gott sei Dank wieder mehr Wasser. Letztes Jahr konnten wir aufgrund der Trockenheit nur halb so viel Besucher auf die Boote lassen", berichtet Kurt Kopf und weist hinunter, wo sich durch das klare Wasser, das an manchen Stellen eine Fläche Tausendstern schmückt, der Kiesboden erblicken lässt.
Als er mit seinen Gästen an einem dicht von Laubbäumen bedeckten Uferabschnitt vorbeifährt, der nicht mit Pflanzen bewachsen ist, sondern eine matschig zertretene Eintrittsstelle aufweist, lacht der 69-Jährige laut auf: "Hier überqueren die Wildschweine schwimmend den Fluss." Wildschweine sind gute Schwimmer und überqueren mühelos die Flussarme. Allerdings ist es schwierig, sie zu entdecken, da sie meist nachts durch den Fluss schwimmen und das Ufer umgraben. Tagsüber befinden sich die Wildschweine im Schilfröhricht, wo sie sich suhlen und ihre Hauer an Steinen abreiben.
Auch für Insekten, Fische, Reptilien und Vögel bietet das Naturschutzgebiet ein Zuhause. Die wohl bekannteste Vogelart im Taubergießen ist der Eisvogel. "Wenn wir jetzt alle still sind, sehen wir ihn vielleicht", flüstert der 39-jährige Rainer Baumann am Ende der Bootsfahrt. Und tatsächlich ist der blaugesprenkelte Eisvogel zu erkennen, wie er pfeilschnell über die Wasseroberfläche gleitet, zurück zu seiner am Ufer liegenden Bruthöhle, in der seine Jungen leben. Dass sich ein so selten vorkommender Vogel wie der Eisvogel hier wohl fühlt, liegt auch an der vielfältigen Pflanzenwelt. Das Taubergießengebiet besteht zu 60 Prozent aus Wäldern mit schonender Bewirtschaftung, davon ist ein Drittel Bannwald, dessen Holz nur nach Wind und Sturmbruch genutzt werden darf, um Wasserwege und Straßen frei zu halten. Die restlichen 40 Prozent sind Grünland, das teilweise landwirtschaftlich genutzt wird. Bis zu 700 Pflanzenarten wachsen hier, darunter seltene Orchideenarten, wie beispielsweise der Spinnenragwurz, der Hummelragwurz oder das Helmknabenkraut.
"Wir verbinden unsere Leidenschaft zur Natur mit unserer Arbeit", sagen nicht nur die beiden Bootsführer, sondern auch die Archäologin Gabriele Weber-Jenisch, die beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) tätig ist. Auch sie führt Besucher durch das Gebiet entlang des Hochwasserdamms und über die Trockenwiesen. Dabei berichtet sie über die Schwierigkeiten, die aufkommen: "Was ist Naturschutz überhaupt? Will ich das Gebiet so bewahren oder lass ich allem seinen natürlichen Lauf?"
"Früher ging das Hochwasser zum Beispiel bis an die Gemeinden heran", erklärt sie nahe einem Kanal. Diese Aussage beschreibt die Situation, wie sie sich bis zur Rhein-Begradigung, die zwischen 1817 und 1882 vorgenommen wurde, in diesem Gebiet häufig abspielte, denn bei Hochwasser wurden Felder sowie Gemeinden überflutet. Aus diesem Grund war die Rhein-Begradigung ein großer Fortschritt, wodurch aber der Grundwasserspiegel sank und das Gebiet hinter dem Hochwasserdamm trocken wurde. Heutzutage gibt es das Integrierte Rheinprogramm, bei dem Hochwässer umgeleitet werden. Hochwasserdämme sollen aber verschiedene Durchlässe bekommen, damit das Gebiet wieder stärker der Dynamik des Wassers ausgesetzt wird. Dieses Vorhaben ist allerdings umstritten, da das Gebiet für mehrere Monate nicht als Jagd- und Erholungsgebiet genutzt werden könnte und der Grundwasserspiegel wieder ansteigen würde. Weber-Jenisch selbst befürwortet das Integrierte Rheinprogramm, der NABU würde sich noch mehr sogenannte "Ökologische Flutungen" wünschen.
"Hochwässer hatten nicht nur Auswirkungen auf die Artenvielfalt, sondern auch auf den Besitzanspruch dieses Gebietes", schmunzelt Gabriele Weber-Jenisch vor einem ehemaligen Zollhäuschen am Rheindamm. Im 16. Jahrhundert ließen sich die Elsässer bei Hochwasser urkundlich vom Bischoff von Straßburg bestätigen, dass ihr Gebiet so weit geht wie das Wasser des Rheins. So sind heute 1000 Hektar des Taubergießen-Gebietes im Besitz der Gemeinde Rhinau, obwohl das Gebiet verwaltungsrechtlich zu Baden-Württemberg gehört. Seit der Beurkundung haben die Bürger von Rhinau Nutzungsrecht am Taubergießen-Gebiet; dies bedeutet, dass sie das Jagdund Fischereirecht besitzen und Äcker und Waldstücke von elsässischen Landwirten bewirtschaftet werden. Die Rhein-Begradigung führte zu Veränderungen des Grenzverlaufs zwischen Deutschland und Frankreich, was jedoch die Besitzverhältnisse nicht veränderte.
Heute besteht eine deutsch-französische Zusammenarbeit bei der Betreuung des Gebiets. So arbeitet Weber-Jenisch eng mit ihrem französischen Kollegen Philippe Fahrner zusammen. Das französische Naturschutzgesetz ist dabei strenger als das deutsche. Beispielsweise sind Hunde in Baden-Württemberg im Naturschutzgebiet lediglich an der Leine zu führen, wohingegen in Frankreich auf der nahe gelegenen Île de Rhinau ein Hundeverbot herrscht. "Diese Vorgaben werden von den Franzosen auch bedingungslos akzeptiert, was von manchen Deutschen eher nicht zu behaupten ist", bedauert Weber-Jenisch, nachdem sie einen deutschen Hundehalter höflich bittet, seinen frei laufenden Hund anzuleinen, dieser aber verständnislos und zornig reagiert.
Beschäftigt hat die Naturschützerin auch, dass Anfang Mai 2019 etwa 3000 seltene Orchideenknollen ausgegraben wurden. Dies sorgte für großes Aufsehen in der Bevölkerung, denn alle Orchideen sind streng geschützt. Nach Untersuchungen der Kriminalpolizei wird mittlerweile nicht mehr davon ausgegangen, dass ein kriminelles Netzwerk für den Diebstahl verantwortlich ist, sondern dass es sich bei den "Tätern" um heimische Wildschweine handelt.
Alles vergessen lässt die Naturschützerin jedoch, wenn sie allein in frühen Morgenstunden im Taubergießen unterwegs ist und einzigartige Erlebnisse hat: Ringelnattern, die auf Ästen die Morgensonne genießen, Rehkitze, die von ihren Müttern gehegt werden, Eisvögel, die prächtig durch die Auenlandschaft fliegen. "Mir liegt daran, die Besucher zu sensibilisieren, was für ein Juwel der Taubergießen ist."