An diesem Nachmittag im Herbst ist Maja Hadziselimovic ziemlich erschöpft. Das ist nicht überraschend, denn am Vortag ist sie in Zagreb den ersten Halbmarathon ihres Lebens gelaufen. Überraschend ist aber, dass sie dafür 28 Jahre alt werden musste. Denn die junge Frau fängt viele scheinbar ungewöhnliche Dinge ungewöhnlich früh und erfolgreich an.
An diesem Tag im Schulzentrum Ogulin, etwa 100 Kilometer südlich von Zagreb, fällt die junge Frau auf den ersten Blick nicht besonders auf. Sie trägt hellblaue Jeans, weiße Sportschuhe, eine weiße Bluse und ein grünes Jackett. Überraschend ist aber das Thema ihres Vortrags: "Robotik in Gegenwart und Zukunft. Berufserfahrungen in Deutschland." In Zenica in Zentralbosnien geboren, habe sie sich schon als Kind für Elektronik und Technik interessiert, weil ihr Vater Elektrotechniker ist. "Es war für mich immer ein Wunder, was er mit all den kaputten Fernsehern machte, damit sie wieder funktionieren. Das war ein Mysterium, und ich wollte es besser verstehen." Auch das Thema Robotik hat sie bereits in der Kindheit fasziniert. "Als ich jünger war, habe ich immer mit meinem Vater Science-Fiction-Filme gesehen. Meistens haben da die Leute Angst vor Robotern. Das war eine Motivation für mich, mehr darüber zu wissen und zu sehen, ob es einen Grund gibt, Angst zu haben."
Nach jahrelanger Suche hat sie diesen Grund bis heute nicht gefunden, aber ihr Interesse für Technik ist geblieben. "Ich habe Automatisierung und Elektronik als Bachelorstudium und dann Mechatronik als Masterstudium gemacht." Ihre Studienabschlüsse hat sie in Sarajewo/Bosnien und Herzegowina, in Maribor/Slowenien und in Novi Sad/Serbien erworben. "Als ich Studentin in Novi Sad war, wollte ich in meinem letzten Studienjahr ein Praktikum machen. Ich habe im Internet über Aiesec, die größte internationale Studentenorganisation, gelesen und herausgefunden, dass sie Praktikumsplätze im Ausland vermittelt. Nach drei Interviews habe ich die Bewerbungsunterlagen erhalten und wenige Wochen später ein Praktikum in Augsburg gestartet."
Schon während des Praktikums bei der MRK Systeme GmbH im Bereich der Mensch-Roboter-Kollaboration erhielt sie das Angebot einer Festanstellung als Ingenieurin. Seit fünf Jahren ist sie für das Augsburger Unternehmen tätig, das ein System-Partner des weltbekannten Unternehmens Kuka ist, das Industrie-Roboter herstellt. Für German Bionics erforschte und entwickelte die junge Frau auch das erste Exoskelett für Industrie-Arbeiten, eine Art Roboter-Anzug, der Menschen das Heben schwerer Lasten ermöglicht. Dadurch können aber zum Beispiel auch Männer und Frauen gleiche Berufe in der Industrie ausüben. Gerade arbeitet Maja Hadziselimovic hauptsächlich an der Einrichtung der neuen Fertigungsstraße für VW-Elektromobile in Zwickau.
Aber nicht nur beruflich ist sie engagiert und ständig im Einsatz. Sie ist nationale Koordinatorin der EU-Robotics-Week in Bosnien und Herzegowina und unterrichtet ehrenamtlich in ihrer Freizeit Englisch für Kinder und Jugendliche in Taiwan. Sie setzt sich für junge Menschen mit Handicap ein. " Kinder sind immer authentisch, sie geben einem direkt etwas zurück. Jeder Mensch sollte jeden Tag wenigstens einmal einen Menschen zum Lächeln bringen!" Warum ist sie keine Pädagogin geworden? Daran hatte sie während der Schulzeit auch gedacht, aber jedes Jahr denselben Lehrplan abzuarbeiten, schien ihr zu langweilig zu sein. So fördert sie heute ehrenamtlich und in ihrer Freizeit junge Menschen. Ihr Thema ist das, was sie fasziniert und was sie für besonders wichtig hält: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, die sogenannten Mint-Fächer. Dabei hat Maja Hadziselimovic besonders Mädchen und junge Frauen, ihre Gleichstellung in Beruf und Gesellschaft im Blick. Deshalb half sie vor drei Jahren, das Thema Robotik in die Initiative IT Girls Project zu integrieren, das von den Vereinten Nationen unterstützt wird.
Bei ihrer Arbeit mit Jugendlichen gibt sie vor allem praktische Tipps, denn die Art und Weise, wie in den Schulen unterrichtet wurde, findet sie nicht passend. Sie beschreibt das am persönlichen Beispiel: "Der beste Weg für mich, etwas zu lernen, ist, es zu malen oder von Hand zu bauen. In der Schule hatten wir leider nicht genug Übung, um die Theorie besser zu verstehen. Deshalb waren einige Physik- und Chemiestunden nicht verständlich, und viele Kinder hatten Angst vor Mint-Fächern, nur weil sie es nicht verstanden. Ich möchte dies ändern und anders machen. Leider haben die Schulen in Bosnien nicht so viel Geld, um die neuesten Roboter für den Einsatz im Unterricht zu kaufen." Deshalb sieht Maja Hadziselimovic die Notwendigkeit internationaler Kooperation, gerade für die Region, aus der sie stammt. So organisiert sie Studienreisen für Kinder und Jugendliche aus Bosnien und Herzegowina nach Deutschland, "um sie mit den neuesten Technologien bekannt zu machen und sie zu inspirieren". Rund 100 Schülerinnen und Schülern aus verschiedenen Städten hat sie so schon die Möglichkeit gegeben, "echte Roboter zu sehen und zu verstehen, wie sie funktionieren. Die Verbindung zwischen Deutschland und meiner Heimatregion war in der Vergangenheit immer stark. Ich sehe den Austausch von Wissen als großes Potential."
Die Ingenieurin findet, dass der internationale Austausch besonders wichtig für berufliche und persönliche Bildung ist. "Ein Praktikum im Ausland zu machen war die beste Entscheidung in meinem Leben. Ich möchte jedem empfehlen, ein Auslandssemester zu machen. Nicht nur wegen des Wissens, das man gewinnen kann, sondern auch wegen der neuen Freunde, Kulturen und schönen Erinnerungen." Trotzdem gibt sie zu: "Auch nach fünf Jahren in Deutschland habe ich noch immer großes Heimweh und bin so oft wie möglich zu Hause." Diese Besuche verbindet sie nicht nur mit Familientreffen. Nach dem Wochenende in Zagreb beim Lauf im Herbst hat sie einen Tag Urlaub angehängt, um das Schulzentrum in der Kleinstadt Ogulin im kroatischen Bergland zu besuchen. Hier gibt es für junge Leute wenig Perspektiven. Die Arbeitslosigkeit und die Abwanderung von jungen, gut ausgebildeten Fachkräften sind hoch.
Aber am Schulzentrum in Ogulin wird die Kroatische CLIL-Robotik-Meisterschaft durchgeführt, ein Projekt des "Vereins für Pädagogik der Technischen Kultur" und des Bildungsinstituts DoxaKey education. Robotik wird dabei von Beginn an in Deutsch unterrichtet. Das hat Maja Hadziselimovic neugierig gemacht. "Ich hätte mir auch gewünscht, in der Schule Deutsch in Verbindung mit Robotik lernen zu können, das ist ein sehr guter Ansatz. Die Lösung für die Abwanderung von Jugendlichen und Fachkräften ist nicht die Unterbindung eines Braindrain, sondern ein umgekehrter Braindrain. Alle sollten internationale Erfahrungen machen, im Ausland lernen, und dieses Wissen in die Heimatregion zum Aufbau von neuen Möglichkeiten nutzen."
Maja Hadziselimovic sieht ihre Zukunft deshalb auch in der Region, in der sie aufgewachsen ist. Da dort jedoch die materiellen Voraussetzungen für ihre jetzige berufliche Tätigkeit fehlen, kann sie sich gut vorstellen, im Bildungsmanagement zu arbeiten, um ihre internationale Bekanntheit für neue Angebote in der Region zu nutzen. Die Bilanz der jungen Frau klingt schon fast wie die eines ganzen Lebens. Und doch fühlt sich die 28-Jährige weder beruflich noch privat angekommen. "Um private Dinge kümmere ich mich erst, wenn ich beruflich meinen Platz gefunden habe. Es gibt noch so viel zu lernen, zum Beispiel möchte ich besser verstehen, was für psychologische Bedeutungen die Mensch-Roboter-Kollaboration hat und haben wird." So verabschiedet sie sich am frühen Abend zwar müde, aber voller Tatendrang aus Ogulin. Am nächsten Vormittag muss sie zurück in Zwickau sein und helfen, die neue Fertigungsstraße von VW für Elektromobile einzurichten.