Seit drei Jahren hat es auf Boa Vista nicht mehr geregnet. Rotbrauner Staub und braune Steine kennzeichnen die Landschaft. "Bei einer längeren Busfahrt habe ich lange Zeit nur Vulkanlandschaften gesehen, bis irgendwann inmitten der staubigen Umgebung ein vereinzelter Baum zu sehen war", berichtet Sophie Janz, die mit ihrer Familie auf die Insel der Kapverden, einer kleinen Inselgruppe im Atlantik, gereist ist. Unscheinbar liegt sie vor der Westküste Afrikas auf der Höhe Senegals. Nur neun der 15 Inseln sind bewohnbar. Knapp 550 000 Einheimische leben auf den Kapverden, auf Boa Vista sind es 12 000.
Die Straßen sind nicht ausgebaut. Bei Autofahrten geht es regelmäßig über unbefestigte Straßen und Schotterwege. "Wir wurden die ganze Zeit über durchgeschüttelt. Steine prallten gegen das Auto, doch der Fahrer war überhaupt nicht beunruhigt. Im Radio lief laut Musik, zu der gesungen wurde. Selbst als wir einen so steilen Hügel hochfuhren und wir das Gefühl hatten, rückwärts wieder runterzurutschen, blieb der Fahrer ganz entspannt", erzählt Sophie Janz. Es fahren nicht viele Autos auf den wenigen Straßen, die es auf Boa Vista gibt. Stau kennen die Menschen dort nicht, nur wenige besitzen ein Auto.
Die Dörfer liegen kilometerweit voneinander entfernt. "Gelbe, blaue, rote, lilafarbene und grüne Häuser sind überall zu sehen. Bunte Häuser stehen hier für Reichtum. So viele Farben machen direkt gute Laune", berichtet die Biologiestudentin der Hochschule Fresenius in Idstein nach einer Inselrundfahrt. Die Kapverdier unterhalten sich gerne und haben keine Berührungsängste Fremden gegenüber. Neben den vielen bunten Häusern sind auch viele unfertige zu sehen, da Armut herrscht. Es fehlt das Dach oder die Farbe. "Die Einwohner sind schlau. Wenn das Haus noch nicht fertig gebaut ist, müssen sie dafür keine Steuern zahlen, und da es so lange nicht mehr geregnet hat, müssen sie sich auch keine Gedanken darüber machen, ob es reinregnen könnte", gibt die 20-Jährige die Worte eines Reiseführers wieder. Stromausfälle stehen auf der Tagesordnung. Auch fließendes Wasser steht noch immer nicht der ganzen Insel zur Verfügung. Die Dörfer auf Boa Vista haben meist einen ähnlichen Aufbau. In ihrer Mitte befindet sich ein Dorfplatz mit einigen Steinbänken. Veranstaltungen wie Hochzeiten und Feiertage werden dort gemeinsam mit der Dorfgemeinschaft gefeiert. Da es wenige Freizeitaktivitäten gibt, spürt man den engen Zusammenhalt der Gemeinde. Der Klang der Djemben, der afrikanischen Trommeln, ist von weitem zu hören. Ein Rhythmus, der die Zusammengehörigkeit spüren lässt. Wenige Tage bevor Sophie Janz und ihre Familie das Dorf besucht haben ist hier eine alte Frau gestorben. Die Dorfgemeinschaft hat sich von ihr verabschiedet, auch Jugendliche und Kinder. "Die Kinder werden schon sehr früh mit dem Tod konfrontiert, aber sie werden mit ihrer Trauer nicht allein gelassen. Wir konnten eine ganz neue Form des Zusammenlebens zwischen vielen Generationen erfahren."
Der Staat investiert im Verhältnis zur Wirtschaftskraft viel Geld in die Bildung, sodass viele Kinder die Grundschule besuchen können. Diese dauert sechs Jahre. Erst ab der vierten Klasse lernen sie Portugiesisch, die Amtssprache der Kapverden. Die Nationalsprache ist das Kapverdische Kreol. Es gibt nur wenige weiterführende Schulen. Die monatlichen Kosten für jedes Kind betragen umgerechnet zehn Euro. Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt bei 150 Euro, nicht jeder hat überhaupt eine Arbeitsstelle. Viele Familien können sich den Schulbesuch ihrer Kinder nicht leisten, besonders dann nicht, wenn sie mehrere Kinder haben.
Universitäten gibt es nur wenige, und der Abschluss ist nur auf den Kapverden anerkannt. Medizin kann man nicht studieren, das ist unter anderem der Grund für die schlechte medizinische Versorgung. Um einen allgemein anerkannten Abschluss zu erhalten, müssen die Einwohner ins Ausland gehen, doch aufgrund der Armut ist das für viele keine Option. Die Kapverdischen Inseln sind ein Schwellenland, das besonders durch den Tourismus immer mehr Auftrieb erhält. "Das Wetter, der Strand und die gute Laune der Einheimischen haben mich auf das Reiseziel gebracht", berichtet Frank Mack, der zweimal die Kapverden bereist hat. Die Menschen dort lebten unter spärlichen Bedingungen, aber seien den Touristen gegenüber offen. Sie sprächen ihre Besucher an, fragten, woher sie kommen und wie es ihnen gehe. Sie zeigten keinen Neid, und man fühle sich in ihrer Gegenwart willkommen. Wenngleich sie sich kaum sprachlich verständigen konnten, wurde der Rheingauer Mack, IT-Angestellter einer Sparkasse, in das Haus einer älteren Frau eingeladen. Er durfte bei der Herstellung von Piri-Piri, einer scharfen Sauce, zusehen, die später verkauft wurde, um den Lebensunterhalt aufzubessern. "Ein beeindruckendes Erlebnis", erinnert er sich noch nach fünf Jahren.
Durch den Bau zahlreicher neuer Hotelanlagen werden viele Arbeitsplätze geschaffen. Doch der Tourismus bringt nicht nur Vorteile. Für den Bau dieser Anlagen wird viel Natur zerstört. "Wir haben kilometerlange Sanddünen gesehen. Es war einfach unglaublich, alles war so unberührt. Auf einem Ausflug haben wir dann erfahren, dass diese in wenigen Jahren fast vollständig bebaut sein werden, da genau dort mehrere neue Hotelanlagen geplant sind", berichtet Sophie Janz nachdenklich, als würde sie das glitzernde Meer und den hellen Sand vor ihrem inneren Auge ein letztes Mal sehen.
Die Kapverdier haben mit weiteren Herausforderungen zu kämpfen. Viele Einheimische arbeiten von der Familie weit entfernt. Oftmals auf einer anderen Insel. "Ich möchte meinen beiden Kindern ein besseres Leben bieten als das, das ich hatte", erzählt ein Kapverdier, der auf Boa Vista als Fotograf arbeitet, während seine Familie auf Sao Vicente mehr als 300 Kilometer entfernt lebt. Obwohl er darüber nicht glücklich ist, beschreibt er sein Leben in diesen drei Worten "hart, interessant, wunderschön".