Man kennt sich, man hilft sich auf Helgoland

Das ist ein besonderes Fleckchen Erde", sagt Pastorin Pamela Hansen über Deutschlands einzige Hochseeinsel. Sie steht in der Helgoländer protestantischen Kirche, die im Ortszentrum auf dem Oberland liegt. Besonders während ihrer wöchentlichen Joggingeinheiten genießt die Theologin, die vor acht Jahren die Inselpastorenstelle antrat, den unendlichen Blick auf das rauschende Meer, die urwüchsigen roten Felsen und vor allem die Abgeschiedenheit der Nordseeinsel. "Die Insel bietet mir die Möglichkeit, meine Spiritualität auszuleben und Zeit für mich selbst zu haben, da man nicht abgelenkt ist durch andere Dinge und äußere Einflüsse."

Genau das schätzt auch der 58-jährige Pit Böttcher an der Insel. 45 Jahre lang machte er hier Jahr für Jahr Urlaub, seit sieben Jahren lebt er auf Helgoland und leitet mittlerweile Inselführungen. Seine Frau verwaltet die Bungalowvermietung auf der ruhigen Nebeninsel. "Wer auf Helgoland gestresst ist, ist selbst schuld", sagt er trocken. Er steht vor der Landungsbrücke, bei der Boote in Richtung Düne an- und ablegen. "Doch das, was wir hier schätzen, ist gleichzeitig auch ein Nachteil", sagt Böttcher und zeigt auf den Flugplatz auf der Nebendüne.

Vor allem im Winter und bei starkem Sturm stellt die kurze Landebahn die einzige Verbindung zum Festland dar und garantiert, dass die Inselbewohner mit Lebensmitteln oder Medikamenten versorgt werden können. Denn ab Windstärke 8 ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Fähre nicht fährt. Das kann unter anderem für schwangere Frauen zum Problem werden, sie müssen für jeden Besuch beim Facharzt auf das Festland. Zudem dürfen sie ihr Kind nicht auf Helgoland gebären, weshalb sie 14 Tage vor dem errechneten Geburtstermin aufgefordert werden, die Insel zu verlassen.

Doch nicht nur die ärztliche Versorgung ist eingeschränkt, auch auf die lebendige Vereinskultur hat die Isolation Auswirkungen. Die Fußballmannschaft zum Beispiel müsste, um gegen andere Mannschaften spielen zu können, alle 14 Tage mit der Fähre auf das Festland und am selben Tag wieder auf die Insel zurück. Aufgrund der Fährverbindungen bleibt ihnen das Spielen in einer festen Liga verwehrt. "Mit der letzten Fähre ist die Verbindung zum Festland also aufgehoben", berichtet Böttcher. "Aber für mich ist es trotzdem auf Helgoland am schönsten, wenn die Schiffe am späten Nachmittag weggefahren sind."

Täglich kommen nämlich bis zu 3000 Tagesgäste mit Fähren oder der Halunder Jet. Auf dem Lung Wai, der Einkaufsstraße, herrscht dann viel Trubel. Er ist voll mit Leuten, die in den Straßencafés Kaffee trinken, sich Souvenirs ansehen und einkaufen. Wimpelartige Fähnchen in den Farben Helgolands Grün, Rot, Weiß wehen über dem Lung Wai in der Luft. Doch ihr Ziel, Möwen von den Besuchern fernzuhalten, zeigt nicht immer Wirkung. Rasant und leise fliegt eine Möwe eine Tagestouristin hinterrücks an, schnappt sich blitzschnell das Brötchen. Überrascht schaut die Frau der Möwe, die ihr das Fischbrötchen aus der Hand entrissen hat, hinterher und beginnt dann mit ihren erstaunten Freundinnen ausgelassen zu lachen. Bürgermeister Jörg Singer betrachtet dies vom Rathausplatz aus ebenfalls mit einem Schmunzeln. Wie alle Helgoländer schätzt auch er es, dass Tag für Tag Touristen auf die Insel strömen. 80 Prozent der Inselbewohner leben direkt vom Tourismus auf der Insel, die auf Helgoländer Friesisch Deät Lun, "Das Land", heißt. Ein Drittel der 50 Millionen Euro Gewerbesteuern, die die Touristen einbringen, darf die Gemeinde, die derzeit aus 1532 Einwohnern besteht und Bürger aus 32 Nationalitäten vertritt, behalten. "Zuzug auf die Insel findet ständig statt. Momentan, weil viele Fachkräfte in der Gastronomie gebraucht werden und die Insel als Wohnort für die Arbeitskräfte der Offshore-Windparks dient", sagt der 53-jährige Bürgermeister, der hier seine Kindheit verbracht hat. Unter den Inselbewohnern sind rund 150 Einwohner Helgoländer, die entweder hier geboren sind oder deren Vorfahren von Helgoland stammen.

"Ich bin 'ne Insulanerin, keine Helgoländerin", sagt Pastorin Pamela Hansen lachend, die Mitglied der freiwilligen Feuerwehr ist und im Brandfall das Tanklöschfahrzeug fährt. Auch sie engagiert sich wie fast alle Helgoländer in einem Verein. "Ich werde nie Helgoländerin sein, ich bin ja nicht hier geboren", sagt auch die gebürtige Westfalin Eva Middeldorff, seit vier Jahren Schulleiterin der James-Krüss-Grund- und Gemeinschaftsschule, in ihrem Büro, von dem sie auf die Weite der Nordsee blickt. Weiter erzählt sie, "dass es gerade auch in der Schule deutlich wird, dass jeder jeden kennt und auch jeder auf jeden aufpasst. Die großen Schüler sind für die kleinen Schüler da, und auch umgekehrt. Bei persönlichen und schulischen Problemen steht ihnen zudem immer ein offenes Lehrerohr zur Seite." So herrscht eine familiäre Atmosphäre in der einzigen Schule der Insel mit zwölf Lehrern und 85 Schülern. Von Klassenstufe 1 bis Klasse 10 werden immer zwei Klassen zusammen als Doppeljahrgang unterrichtet.

Nach der zehnten Klasse enden aber die Möglichkeiten, sich schulisch zu bilden. Dies ist eine große Herausforderung für Schüler und Eltern. Zusammen müssen sie sich fragen, wie es weitergeht, und eine Entscheidung treffen. Das ist schwer für die Jugendlichen, weil die Entscheidung für eine weiterführende Schule wie der Besuch des nächstgelegenen, niedersächsischen Internatsgymnasiums in Bad Bederkesa unweigerlich eine Trennung von der Familie und den Abschied von der Insel bedeutet. Wenn jemand gehe, sei es für eine Ausbildung, ein Studium oder seinen Traumberuf, "hängt dessen Herz trotzdem immer an Helgoland", sagt Eva Middeldorff während eines Rundgangs durch das Schulhaus, das Schüler durch ihre Wandmalereien und Kunstobjekte mit Leben füllen. Nach etlichen Jahren kommen die meisten, wie auch der Bürgermeister Jörg Singer, wieder zurück, da sie die Tradition an keinem anderen Ort finden. Den Helgoländern werden die wichtigen Werte der Insel, wie Verbundenheit und Zusammenhalt in allen Zeiten, von klein auf beigebracht. Zum Beispiel während des Taufrituals. Inselkinder in Tracht ziehen mit ihren eigenen silbernen Taufbechern zum Haus des Täuflings, lassen ihn dort mit Salzwasser füllen und führen den Täufling gemeinsam zur Kirche, wo er von der Gemeinde aufgenommen wird.

Im Alltag stehen alle zusammen, sofort leihen sich Helgoländer etwas, wenn im Haushalt etwas fehlt. In Notsituationen sind immer helfende Hände zur Stelle. Als die Düne 2017 nach einem schweren Sturm von Treibgut und Müll verwüstet war und es zahlreiche Schäden gab, packten sofort Freiwillige an. Einstimmig bestätigen deshalb der Bürgermeister, die Pastorin, die Schulleiterin und Pit Böttcher: "Es ist unglaublich schön zu sehen, wie hier alle zusammenhalten."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Nele Canibano

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