Mehr Selbstvertrauen

Vom Lernen wird angenommen, dass es ein Ziel haben müsse, während es in Wirklichkeit eines ist." Das Zitat des Pädagogen John Dewey nimmt sich Günther Weber, Lehrer an einer Förderschule im rheinhessischen Alzey, zu Herzen. Er muss ihnen nicht nur den Lernstoff beibringen, sondern noch viel mehr. Als junger Mann engagierte er sich in der kirchlichen Jugendarbeit und wollte soziale Arbeit studieren. "Mein Vater meinte, das würden zu viele machen, dasselbe könne man doch auch als Förderschullehrer tun", erinnert sich der heute 60-Jährige. So studierte er für das Lehramt an Förderschulen. Nach einigen Wechseln brachte ihn eine wiederentdeckte Liebe nach Alzey.

Es gibt verschiedene Förderschwerpunkte. Man unterscheidet zwischen Schulen für "ganzheitliche Entwicklung", für Schüler mit geistiger Behinderung, Sehbehinderungen und "K-Schulen" für Körperbehinderte. Auf seine Arbeit an einer Förderschule mit den Schwerpunkten Lernen und Sprache ist Weber stolz. "Die Lehrer, die beispielsweise an Gymnasien lehren, sind auf ihrem Fachgebiet zwar topfit, haben aber schon während ihres Studiums wenig mit dem sozialen Aspekt ihrer Arbeit zu tun. Sie sind nun mal da für die fachliche Schiene, emotional haben sie jedoch kaum etwas mit ihren Schülern zu tun", erklärt er . Förderschullehrer müssen sich zwangsläufig mit den Verhaltensauffälligkeiten der Kinder beschäftigen. Das größte Problem seiner Schüler sei das Selbstvertrauen. "Selbstvertrauen ist die Grundbasis für alles."

Traurig erzählt er, dass die Kinder oft ganz anders werden, wenn sie realisieren, auf was für einer Schule sie sind. Die Eltern sind oft überfordert. "Viele Kinder trauen sich nach dieser Erkenntnis gar nichts mehr zu. Erst wenn sie an sich selbst und an ihre Fähigkeiten glauben, kann ich ihnen alles andere beibringen." Gerne benutzt er dazu einen Erlebnisparcours im nahen Wald: "Bei solchen Aktivitäten mit spielerischen Gruppenaufgaben hat das eigene Handeln direkte Auswirkung auf die Situation. Die Kinder sehen, dass sie gebraucht werden." Er selbst lerne oft Neues. Er unterrichtet Werken und Physik. "Weil alles auf einfachster Ebene erklärt wird, werden auch die kuriosesten Themen interessant." Und er hat eine Theatergruppe gegründet. "Es ist eine tolle Erfahrung für die Kinder, in andere Rollen zu schlüpfen. Viele blühen dabei richtig auf." Auch heutzutage hätten Kinder mit Förderbedarf kaum eine Chance, eine "normale" Schule zu besuchen. Bekümmert erzählt er von einem autistischen Jungen aus der Zeit, als er an einer integrierten Gesamtschule lehrte. "Kollegen haben entschieden, dass Inklusionskinder wie er nicht mehr am Englischunterricht teilnehmen dürfen, weil eine neue Sprache zu kompliziert für sie sei und durch sie die ganze Gruppe hinterherhänge. So etwas zerbricht mein Förderschullehrer-Herz."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Kira Mann

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